Reuters: Lügen mit Statistik auf neuem Niveau

Dieser Chart von Reuters sollte in die statistischen Lehrbücher eingehen — mehr Lügen mit Statistik geht nicht:

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Auf den ersten Blick scheint das umstrittene “Stand-your-ground law” (wir erinnern uns an den unbewaffneten Trayvon Martin, der in Florida von einem Nachbarschaftswächter erschossen wurde), einen überraschend positiven Rückgang der Todesfälle durch Schusswaffen bewirkt zu haben. Etwas unsauber nur, dass die Y-Achse scheinbar bei 800 1000 beginnt, statt bei Null. Ein klassischer Trick in der Darstellung, der kleine Veränderungen “heranzoomt” und dadurch viel dramatischer wirken lässt. Aber okay, wo ist jetzt das große Problem…?

Die Y-Achse steht auf dem Kopf!

Ja, richtig gelesen. Nicht die weiße Fläche unter der Linie zeigt die Zahl der Schusswaffentoten, sondern die rote Fläche darüber. Die Y-Achse beginnt nämlich tatsächlich bei Null, nur steigen die Werte nicht nach oben hin an, sondern nach unten! In Wahrheit gab es also einen massiven Anstieg bei den Schusswaffentoten.

So wie im Chart rechts würde es richtig herum aussehen:

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Dabei war Irreführung vermutlich gar nicht das Ziel. Auf Twitter erläuterte die verantwortliche Reuters-Grafikerin mittlerweile, was ihre Grundidee gewesen sei:

Eine weiße Fläche an der Blut herabläuft und je mehr rot, desto schlechter die Statistik. Beim Vorbild hat das auch hervorragend funktioniert. Nur bei Reuters ist es gründlich danebengegangen.

(via @hrtbps/Twitter)

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Die “Krone” tauft David Alaba um

Um dem ORF eins auszuwischen spielt die “Kronen Zeitung” ausnahmsweise einmal selbst Sprachpolizei – und scheitert damit. Die Kolumne “Klartext” nimmt am 5. April die rassistischen Ausflüsse rund um FP-Politiker Andreas Mölzer zum Anlass, um den ORF über die vermeintlich korrekte Aussprache von Alabas Vornamen zu belehren:

(…) Selbstverständlich ist Alaba ein waschechter Wiener. Er heißt daher mit Vornamen David, und nicht „Deivid“ Alaba, lieber ORF.“

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Es zeigt sich: Nicht nur der ORF unterliegt diesem scheinbar groben Irrtum. Auch Alabas Vater George, seine Schwester Rose (oder Ro-sé?) (01:36), der Ex-Präsident seines aktuellen Klubs und last but not least das Fußball-Ass selbst wissen nichts von dieser Sprachregel. Aber die “Krone” weiß es eben einfach besser.

 

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Wie viel redaktioneller Inhalt steckt in „TV Media“?

Im wöchentlichen auf Papier gedruckten Fernsehprogramm „TV Media“ der Verlagsgruppe NEWS findet sich auf Seite 142 der Ausgabe 7/2014 ein nicht gekennzeichnetes UPC-Inserat:

 

tv_media_2014_07_seite142-43

 

Außer der Tatsache, dass die darauf zu Wort kommende Sandra Zotti als UPC-Chefredakteurin bezeichnet wird, finden sich keinerlei Hinweise und schon gar keine Kennzeichnung im Sinne des österreichischen Mediengesetzes § 26, dass es sich um bezahlte Werbung handelt. Im Gegenteil, Aufmachung und Art des Inhalts sind jenem der nächsten Seite sehr ähnlich. TV-Media-Chefredakteur, Hadubrand Schreibershofen, kommentierte das, telefonisch um Stellungnahme gebeten, so:

Der Inhalt wird vom Kunden so angeliefert. Diese oder ähnliche UPC-Seiten gibt es doch schon seit Jahren!

Ähnlich auf Seite 150 derselben Ausgabe:

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Aufmachung und Stil entsprechen auch hier – mangels Kennzeichnung rechtswidrig – dem Layout des restlichen Magazins. Leser und Leserinnen können somit nicht erkennen, dass es sich um Werbung handelt.

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“SN”: Voyeurismus bei Morgenstern-Unfall?

Die „Salzburger Nachrichten“ beweisen in der Wochenendausgabe vom 11. Jänner höchste Pietätlosigkeit. Der schwere Trainingssturz des Skispringers Thomas Morgenstern wird dort durch sechs Serienbilder übertrieben deutlich illustriert.

Zur Erinnerung: Am 10. Jänner fanden in Bad Mitterndorf auf der Skiflugschanze „Kulm“ die Trainingssprünge des ÖSV statt. Thomas Morgenstern stürzte während des Sprungs und fiel mit der Kopf- und Rückenpartie voran auf die Piste.

morgenstern fertig

Diese Abbildungen sind aus ethischer Sicht wohl äußerst strittig, da Morgenstern zu diesem Zeitpunkt mit einer schweren Schädelverletzung auf der Intensivstation lag. Ob und welche Folgeschäden er haben würde, war damals noch völlig unklar. Die Salzburger Nachrichten druckten Bilder, die zeigen wie Morgenstern mit verdrehten Gliedern bzw. auf dem Gesicht die Piste hinunterrutscht. Mit “Information” hat das wenig zutun.

Wer sich selbst ein Urteil machen möchte: Einen unverpixelten Scan der Salzburger Nachrichten gibt es hier.

Wir haben in dieser Sache den Presserat bereits um eine Stellungnahme gebeten.

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Wie die Kronen Zeitung den Mythos der Bettelmafia schürt

Eines muss man der “Krone” lassen: Wenn sie sich in ein Thema verbissen hat, bleibt sie hartnäckig dran. Mit beinahe allen Mitteln. Da werden Zusammenhänge herbei fantasiert, Quellen unsauber angegeben und Menschen pauschal verurteilt. Dieses Mal im Visier: Die ominöse “Bettelmafia”.   

Die Story ist eingängig und wird seit Jahren nicht nur vom Boulevard verbreitet: Eine osteuropäische Bettelmafia zwinge verarmte Menschen auf heimischen Straßen zu betteln. Von diesem Geld leben die „Bosse“ in den Heimatländern in Saus und Braus. Beweise dafür sind bis heute rar. Natürlich sprechen sich zwar auch arme Menschen ab und “organisieren” etwa eine gemeinsame Fahrt und Unterkunft. Mafiöse Strukturen im großen Stil konnten allerdings auch in wissenschaftlichen Arbeiten nicht nachgewiesen werden. Fakten scheinen für die Krone aber ohnehin zweitrangig zu sein – wie eine Artikelserie im Jänner zeigt.

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Den Anfang macht die Salzburger Krone am 19. Jänner. Dort kommt ein rumänischer Botschaftsrat zu Wort, der über die Existenz einer Bettelmafia erzählt. Für die Krone sind das bereits unumstößliche Tatsachen.

Schon am folgenden Tag legt die Zeitung nach und liefert die passenden Bilder zu den Aussagen des Botschaftsrates. Sie stammen aus dem rumänischen Dorf Buzescu und wurden von „National Geographic Deutschland“ aufgenommen. Zu sehen sind posierende Kinder, die nicht gerade einen sympathischen Eindruck machen, und bizarr anmutende Villen in kitschigem Prunk.

Villen in Rumänien

Für die Krone ist klar:

“Ihre Besitzer sind Roma. Clans, die verarmte Menschen zum Betteln ins reiche Westeuropa schicken und auch noch mit “Metallhandel” ihr Geld machen.”

Den Zusammenhang zwischen den Bildern aus Buzescu und Bettlern in Österreich stellt aber nur die Krone her, denn der Autor des National Geographic-Artikels Tom O‘Neill erwähnt das Thema Betteln mit keiner Silbe. Im Gegenteil: Dort steht, das Geld sei mit Altmetallhandel nach dem Zusammenbruch des Kommunismus verdient worden. Nicht nur, dass die Krone einen Zusammenhang zwischen den Bildern und einer Bettelmafia behauptet, sie suggeriert auch noch, dass es sich dabei um das Rechercheergebnis der deutschen Kollegen handelt. 

Armenpfarrer Pucher in der Krone

Immerhin lässt die Salzburger-Krone in ihrem nächsten Artikel am 21.1. die „Gegenseite“ zu Wort kommen, in Gestalt des „Armenpfarrers“ Wolfgang Pucher aus Graz. Er bestreitet die Sichtweise der Krone vehement.

Und doch ist die Artikelserie in der Salzburger-Krone nichts im Vergleich mit der Oberösterreich-Ausgabe wiederum einen Tag später, am 22.1. Denn die Linzer Redaktion betätigt sich als journalistischer Resteverwerter und formt aus den haltlosen Behauptungen der Salzburger-Krone einen eigenen Bericht, bei dem man den Eindruck bekommt, die Zeitung selbst habe nach langer Recherche endlich die Bosse der Bettelmafia überführt.

 

Wieder verwendet man die eigentlich harmlosen Bilder von “National Geographic”. Plötzlich scheint die Krone aber zu wissen:

“Diese Villen werden mit Bettlergeld finanziert.”

OÖ-Krone OÖ Krone 2

Als Fotocredit liest man „Krone“. Ein Hinweis auf “National Geographic” oder Metallhandel? Keine Spur.

Ungeachtet dessen, wie die fotografierten Villen tatsächlich finanziert werden, ob es in Zusammenhang mit der Armutsmigration auch kriminelle Strukturen gibt und inwieweit osteuropäische Bettler Opfer solcher Strukturen sind: Augenscheinlich ist der Krone beinahe jedes Mittel recht, um die Ressentiments in der Bevölkerung und den Mythos der Bettelmafia weiter zu bedienen.

Das zeigt auch die Wiener Ausgabe am 23.1. Am Titelblatt heißt es:

2014-01-23_Krone_Wien_01xTatsächlich geht es im Artikel um einen Vater, der seine Kinder an einem Bahnhof in Wien aussetzte. Ein tragischer Fall, keine Frage. Was das aber mit einer “Mafia” zu tun haben soll, das weiß vermutlich nur die Krone.

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ProSieben-Magazin “taff” kriminalisiert Bettler

Meistens beglückt das ProSieben-Magazin „taff“ ja mit leicht verdaulichen Lifestyle- und Promi-Geschichten. In der Ausgabe vom 6. Jänner (ca. ab Minute 7 Der Beitrag ist mittlerweile offline. Siehe Update ganz unten) thematisiert „taff“ mit einem Beitrag über die vermeintliche „Bettelmafia“ aber recht schwere Kost – und verblüfft dabei mit haltlosen Anschuldigungen, Kriminalisierung und völlig fehlender Objektivität.

Bildschirmfoto 2014-01-19 um 17.37.25

In der Reportage sollen Bettler in München mit versteckter Kamera überführt werden, Teil der „Ostblock-Bettelmafia“ zu sein, welche “taff” zufolge Deutschland derzeit “überschwemme”. Der “Plan” dieser Bettler sei einfach:

„Verstümmelung und traurige Hundeaugen – die verursachen bei uns ganz schnell Mitleid, und sie öffnen ganz schnell unseren Geldbeutel.”

Im Beitrag wollen die Reporter eine vermeintlich kriminelle Bettler-Bande ausgemacht, und auch einen handfesten „Beweis“ für deren Kriminalität gefunden haben:

„Ob sie (Die Bettler-Bande, Anm.) wirklich bedürftig sind, darf bezweifelt werden, immerhin hat der Mann im roten Ski-Anzug ein Handy!”

Bildschirmfoto 2014-01-19 um 17.55.28

Von nun an unterstellen die Reporter eben diesem Mann in rot (siehe Bild), ein „Anführer der Bettelmafia“ zu sein. Ein Mann, der in einem zerlumpten roten Anzug im Winter auf der Straße sitzt – so stellt sich “taff” also einen Mafiapaten vor.

Die nächste haltlose Mutmaßung folgt:

„Immer wieder dreht er seine Runden, besucht seine fünf Gefährten und gibt ihnen jedes Mal die Hand – vermutlich, um das erbettelte Geld einzusammeln und abzukassieren.“

Echte Fakten , die belegen, dass der Mann der Boss von irgendeiner Mafia sei, werden zwar nicht mehr geliefert. Für “taff” scheint die Sache aber eh schon so gut wie bewiesen. Der feindliche Grundton des restlichen Beitrages, sowie O-Töne und Passanten-Interviews tun das übrige: Es entsteht ein völlig einseitiges Bild von „Betrügern“, die “mitleidserregende Hundeblicke” auflegen, aber am Ende des Tages „mit dem dicken Benz“ nach Hause fahren. Auf Gegenpositionen oder Hintergründe zum Thema wird sowieso komplett verzichtet.

Die “Bettelmafia” ist seit ewigen Zeiten ein wiederkehrendes Thema. Etliche Medien, Organisationen und Dokumentationen haben sich in unseren Breitengraden schon mit dieser Problematik auseinandergesetzt. Ganz so eindimensional wie bei “taff” sieht deren Fazit aber nicht aus: Eindeutige und endgültige Belege für organisierte Kriminalität im großen Stil, oder gar mafiöse Strukturen, lassen sich demnach schwer bis gar nicht nachweisen.

Auch wenn es so wirken soll: mit aufklärendem Journalismus hat der “taff”-Beitrag denkbar wenig zu tun. Womöglich haben sich die gezeigten Bettler zwar in einer kleinen Gruppe organisiert. Aber selbst wenn: Zu einer “Mafia” macht einen das alleine noch nicht.

 

Update:
Die gesamte Sendung ist leider nicht mehr online. Der Beitrag alleine ist hier (noch) zu sehen.

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