Wieviele Fehler passen in eine Titelgeschichte von “Heute”?

“Heute” titelt heute:

Staat zahlt Häftlingen 10 Millionen € Gehalt!
Kein Geld für Studenten, Pensionisten, aber Mörder kassieren Steuergeld

Die Aussage an sich ist falsch und suggeriert, der österreichische Staat würde Gehälter in der Höhe von 10 Millionen Euro tragen. Tatsächlich fungieren die einzelnen Haftanstalten jedoch nur als Vermittler zwischen Häftling und dem jeweiligen Arbeitgeber.

Die österreichische Wirtschaft zahlt die Gehälter, und zwar laut der Homepage der Justizanstalten in der Höhe von rund 48,7 Mio. Euro (2008). Davon werden 75% einbehalten und wandern in die Staatskasse. Nachzulesen im Pilotbericht über den Strafvollzug 2008 (pdf). Der Rest wird an die Arbeitnehmer ausgezahlt – das entspricht etwa der Größenordnung der genannten 10 Mio. Wohlgemerkt: Nicht aus Steuergeldern.

Im Artikel erwähnt “Heute”, die Staatseinnahmen aus Leistungen der Gefangenen, die “Fritzl & Co.” genannt werden – als ob in Österreichs Haftanstalten nur Psychopaten einsitzen, würden nur 9 Millionen Euro betragen. Doch wie kommt es zu dieser Zahl? Denn die verbleibenden 75% machen nach Adam Riese rund 37 Millionen Euro Einnahmen für den Staat aus, nicht 9. Eine Quelle nennt “Heute” nicht.

PS: Fordert “Heute” ernsthaft, dass Österreichs Häftlinge unbezahlte Zwangsarbeit verrichten sollen, sowie nach ihrer Haft ohne finanzielle Reserven ins Leben entlassen werden?

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7 Comments

  1. Posted 27. April 2010 at 20:01 | Permalink

    Der Untertitel ist natürlich auch ganz toll. Weil Studienbeihilfe und Pensionen auf den Bäumen wachsen. Aber das ist dann Interpretationssache.

  2. Posted 28. April 2010 at 07:39 | Permalink

    Ja, in der “Heute“-Redaktion scheinen offenkundig paar ausgesprochene Spezialisten für kreative Prozentrechnung zu sitzen.
    (obwohl die mit ihren Resultaten gelegentlich sogar ins Schwarze treffen ; )

  3. Gabs
    Posted 28. April 2010 at 09:36 | Permalink

    …Adam Ries…

  4. Posted 28. April 2010 at 09:45 | Permalink

    Brilliant!

  5. christian
    Posted 28. April 2010 at 09:45 | Permalink

    was für eine dreistigkeit! gut, dass es kritische und aufmerksame beobachter gibt. vielen dank dafür!

    der konsequente nächste schritt wäre jetzt die presserechtlich geregelte gegendarstellung im selben medium zu erwirken. möglich wäre auch, den widerruf der nachweislich unwahren tatsachenbehauptung zu verlangen. das scheint aber nicht so leicht durchsetzbar zu sein. (siehe u.a. https://www.pressetext.at/news/010524013/widerrufsanspruch-besteht-auch-im-internet/). aufschlussreich auch die ausführungen zum “schutz gegen ungerechtfertigte angriffe der presse” unter (http://archiv.jura.uni-saarland.de/BIJUS/presse/intro_de.htm).

    außerdem wäre eine beschwerde bei einem übergeordneten organ der medialen selbstkontrolle angezeigt. wie ich aber dem wiki entnehmen kann (http://de.wikipedia.org/wiki/Österreichischer_Presserat), scheint es momentan kein wirklich funktionierendes gremium in österreich zu geben. vielleicht gibt es aber einen parlamentarischen ausschuss.

    auf jeden fall sollte was getan werden. wie dreist wollen sich die menschen denn noch verarschen lassen?! wehret den anfängen! bzw. die lawine roll bereits…

  6. Knut
    Posted 28. April 2010 at 10:40 | Permalink

    Mit welcher Argumentation wird den Häftlingen überhaupt 75% ihres Lohnes weggenommen?

  7. TOM
    Posted 28. April 2010 at 10:45 | Permalink

    tja, das heute ist der ableger der kronenzeitung für die ganz blöden. JA! man sollte eigentlich nicht meinen, dass das noch möglich ist, aber es geht.

    problematisch finde ich nur, dass dieser mist gratis verteilt wird und damit eine große reichweite hat.

One Trackback

  1. [...] von Verletzungen von Persönlichkeitsrechten, von fahrlässiger oder auch mutmaßlich mutwilliger Falschinformation blieben auch in der Vergangenheit genauso unbehandelt wie Scheckbuchjournalismus der schlimmsten [...]

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