“Österreich”: Wenn Kaltschreiben pietätlos wird

Der tragische Unfall bei “Wetten, dass..?” war in nahezu allen deutschsprachigen Medien ein großes Thema. Nur die LeserInnen von “Österreich” sahen sich Sonntag Früh mit einem gänzlich anderen Bericht zur Show konfrontiert:

Robbie holte Show aus Koma

Wenn am späten Abend etwas Wichtiges passiert, haben tagesaktuelle Printmedien in der Regel ein Problem: Die Geschichte schafft es nicht mehr in die nächste Ausgabe und die Menschen lesen nichts darüber. Und eigentlich kann man ja Storys nicht im vorhinein produzieren, denn wer weiß schon was morgen sein wird. “Österreich” scheint das in diesem Fall ein wenig anders zu sehen.

Schon lange standen Gäste und Showacts fest. Daher entschloss man sich wohl, den Artikel zur Sendung einfach am Tag vorher zu schreiben. Robbie Williams sollte vorbei kommen, gemeinsam mit “Take That”. Sicher ein guter Auftritt, sicher ein Highlight. Würdig einer Erwähnung am Titelblatt.

Freilich lief es ganz anders: Robbie Williams kam nicht zu seinem Auftritt, denn ein erschütternder Unfall führte zum Abbruch der Show. Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Wettkandidat Samuel K. aktuell im künstlichen Koma befindet. Die Realität zeigt eben manchmal, wie daneben man mit seiner Wortwahl liegen kann, wenn man über etwas schreibt, das noch gar nicht passiert ist.

Die “Österreich”-Redaktion erkannte ihren Fehler. Zu Mittag sahen sowohl das Cover, als auch die Story dazu, ganz anders aus (siehe links). Im Vorhinein produzierte Storys, auch Kaltschreiben genannt, gab es bei “Österreich” offenbar schon öfters.

Bei soviel Kritik muss auch ein wenig Platz für Lob sein. Die ZDF-Regie reagierte völlig angemessen und wiederholte die Aufnahmen des Vorfalls nicht. Auch war man sichtlich um die Wahrung der Privatsphäre bemüht und spannte schwarze Tücher rund um den Kandidaten, sodass Fotos nicht möglich waren. Die ersten Videos wurden indes schon veröffentlicht, als noch nicht einmal klar war, ob Samuel K. lebte, oder tödlich verunglückt war.

Vielen Dank an Twitter-User @RealMarcelHauer, der die Fotos der ursprünglichen “Österreich”-Ausgabe gemacht hat, sowie an die vielen Hinweisgeber.

Update:

Wolfgang Fellner sagt im Interview mit Spiegel Online “dass der überholte Artikel nur (…) in entfernte Regionen von Tirol, Steiermark und Kärnten geliefert wurde.” Der Twitter-User @RealMarcelHauer,  erklärte mir hingegen, dass seine Fotos aus dem Niederösterreich-Abo stammen.

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15 Comments

  1. christian györgyfalv
    Posted 5. Dezember 2010 at 21:43 | Permalink

    kurz bevor ich aufgehört hab mich von news und österreich für blöd verkaufen zu lassen, fiel mir auf, dass die redaktionell verwendeten befragungen “der bevölkerung” ohne angabe zum panel veröffentlicht werden.
    also vermute ich, dass dort einE geringbeschäftigteR im verlagshaus herummarschiert und fragebogen ausgibt und einsammelt. im optimistischsten fall.
    sonntagszeitungen werden generell bereits am vortag zu 99% fertiggestellt. für das eine prozent reicht dann einE einzelneR – vielleicht war der/die das auch, die/den man blöd sterben hat lassen und um 1 uhr früh das go für die druckerei gegeben hat.
    von einem/r unterbezahlten redaktionsgehilfeIn darf man nicht erwarten, dass man/frau 24 stunden internet-fit ist und dauerfernsieht

  2. Posted 5. Dezember 2010 at 22:06 | Permalink

    @christian
    natürlich werden Sonntagszeitungen am Vortag fertig gestellt. Die Zeitung vom Donnerstag wird auch am Mittwoch geschrieben. Die Frage ist, was steht drinnen. Bei *wichtigen* Ereignissen macht man schonmal Überstunden (z.B. Ergebnisse der Champions League etc.), bei antizipierten weniger wichtigen Sachen schreibt man offenbar manchmal vor…oder lässt sie halt einfach weg (wie es sich gehören würde)
    24 Stunden Internet-Fit und Dauerfernsehen wäre gar nicht notwendig gewesen. Irgendwann ab ~21:00 Uhr bei irgendeiner Nachrichtenseite auf Aktualisieren drücken hätte gereicht.

  3. Maria Solarnias
    Posted 5. Dezember 2010 at 23:23 | Permalink

    @christian: Der Kommentar zeigt deutlich wie mühsam das Lesen einiger Zeilen nach vorherigem durchgendern ist.

  4. mi-chael
    Posted 6. Dezember 2010 at 00:44 | Permalink

    Wenn ich mich nicht irre, war es im Sommer auch die ‘Österreich’, die von einem wahnsinnig tollen Auftritt einer Band am Frequency Festival berichtete, welche aber in kurzfristig abgesagt hat!

  5. Jeeves
    Posted 6. Dezember 2010 at 09:47 | Permalink

    Natürlich kann man “vor”-schreiben, und natürlich weiß man, dass Zeitungen aus Zeitgründen sowas tun.
    Aber dann sollte der Texter nicht so tun als wenn er dabei war und frei erfundene “Einzelheiten” berichten: “…trat in der Show zweimal auf…”, “…gestern zog er alle Register…” etc. DAS macht es so peinlich. Aber um dieses Blatt ist es ja wohl nicht schade, was man so darüber hört.

  6. Alex
    Posted 6. Dezember 2010 at 17:19 | Permalink
  7. Posted 6. Dezember 2010 at 23:37 | Permalink

    Mit ein paar Tagen Verspätung merkt es auch spiegel.de
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,733119,00.html

  8. Posted 6. Dezember 2010 at 23:40 | Permalink

    Wäre ist nicht eine eigene Meldung auf kobuk.at wert, dass die Süddeutsche Zeitung von euch nicht nur abschreibt, sondern auch gleich noch das zugehörige Bild klaut?
    http://www.sueddeutsche.de/medien/erfundener-wetten-dass-bericht-kritik-der-reinen-unvernunft-1.1032516-2

  9. Posted 6. Dezember 2010 at 23:53 | Permalink

    Ops, das war vorschnell. Aber ob sie @RealMarcelHauer wohl um Erlaubnis gefragt haben?

  10. Posted 7. Dezember 2010 at 00:01 | Permalink

    @Bodenseepeter
    Danke für den Link im Spiegel, das führt mich gleich zu einem Update!
    Hinweise, dass die SZ von uns abgeschrieben hat finde ich keine.
    Das mit dem Foto ist @RealMarcelHauer bekannt, mehr kann man dazu momentan nicht sagen.

  11. Posted 7. Dezember 2010 at 02:07 | Permalink

    @Bodenseepeter: Das Foto des Twitter-Users ohne Quellenangabe zu verwenden, ist journalistisch unehrenhaft aber wohl nicht illegal, da das Foto keine eigene Inhalte aufweist, sondern nur ein Bildzitat des Werkes eines Dritten (“Österreich”) darstellt. (Aber vielleicht könnte diese juristische Laienmeinung noch von Juristen bestätigt oder widerlegt werden..?)

  12. christian györgyfalv
    Posted 7. Dezember 2010 at 02:09 | Permalink

    @maria: sorry! aber ich hab hoffnung, irgendwann einmal die personen zu nerven, die uns das gendern eingebrockt haben
    @yilmaz: sorry! ich weiß, dass dieser reply hier nicht dazugehört, aber meine zweite leidenschaft (putenfleisch jetzt auch als schokolade!) hätte sich noch viel weniger mit dem artikel vertragen

  13. Joe Weissmueller
    Posted 7. Dezember 2010 at 12:08 | Permalink

    im update: “Folfgang Fellner” – Macht’s doch wenigstens einen “Wolfgang” aus ihm ;-)
    Und eine Frage an die Kobuk-Redaktion: Haben die darüber berichtenden Qualitätsmedien für die Twitter-Fotos angefragt, bzw. ein Honorar angeboten, oder wurde das “gefladert”? Wäre interessant den Urheber darüber zu fragen. LG JW

  14. Posted 7. Dezember 2010 at 12:32 | Permalink

    @Joe Weissmueller – Hab’s korrigiert, danke!

  15. Posted 7. Dezember 2010 at 23:15 | Permalink

    @Joe Weissmueller Danke für den Hinweis!
    @ Hans Danke fürs Ausbessern.

    Folfgang? Was war denn da in meinem Kopf los? :-) Übermüdet und mit was anderem beschäftigt sollte man einfach nichts schreiben. Lerneffekt

3 Trackbacks

  1. [...] [...]

  2. By Anonymous on 10. Dezember 2010 at 16:48

    [...] [...]

  3. By ÖSTERREICH. Ein Trauerspiel « Medienplanet on 23. April 2012 at 22:46

    [...] Geld in die Kasse. Zudem erscheinen Ausgaben über Dinge, die so nicht passiert sind. Wie z.B. ein Bericht über die tragische Wetten, dass…-Folge, die vorzeitig abgebrochen wurde. Oder auch [...]

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