Das Wappentier von Österreich ist bekanntermaßen der Adler. Bei jenem “Österreich”, für das täglich sinnlos Bäume sterben, dürfte es hingegen der Geier sein. Über unserem privaten Leben kreisend, nur auf einen günstigen Augenblick wartend, um es genussvoll, öffentlich auszuweiden.
Wo “Krone” und “Heute” aufhören, fängt “Österreich” erst an. Wie sonst wäre eine Geschichte — inzwischen sogar Artikelserie — erklärbar, die in ihrer Schamlosigkeit, Menschenverachtung und Pietätlosigkeit neue Tiefpunkte auf der nach unten offenen Skala des Gossenjournalismus in Österreich setzt (gemeint sind Blatt und Land).
In Wien wurde eine Frau getötet, ihre Leiche zerteilt und in Müllcontainern versteckt. Der mutmaßliche Täter erklärte gegenüber der Polizei, das Messer sei während eines sexuellen Rollenspiels abgerutscht, der Tod ein Unfall, die Verschleierungstaten danach im Schock geschehen.
Das ist im wesentlichen die Nachricht. Vielleicht noch Stellungnahmen der Behörde und des Anwalts, später der Bericht über den Prozess und dessen Ausgang. Eventuell noch Erklärungsversuche zu Tat und Motiv durch befähigte Personen. Mehr geht uns nichts an. Mehr muss keiner wissen.
“Österreich” hingegen…
- zeigt sechs unverpixelte Fotos der Getöteten. (Quelle: “Privat” — und merkt den Widerspruch nicht.)
- schreibt vom Titel bis ins Blattinnere stets von “Sex-Mord” und “Mordopfer” (womit sich nebenbei auch die Unschuldsvermutung erledigt hätte).
- titelt pietätvoll: “Die kaputte Welt des Mordopfers”. (Wer läse das nicht gern über einen verlorenen Freund/Verwandten?)
- spekuliert wild: “Irgendetwas muss in der Jugend der jungen Frau passiert sein: Ein Missbrauch, eine Verletzung [...]”
- diagnostiziert ein “Alkohol- und Borderline-Problem” (breitet also ganz bewusst und schamlos Eskapaden aus, die laut “Österreichs” eigener Einschätzung auf einer Erkrankung beruhen könnten).
- verbreitet Gerüchte über die Mutter der Getöteten (“sie war Prostituierte”), die das Opfer laut einer angeblichen Freundin gerüchteweise mal verbreitet haben soll.
- berichtet über angebliche oder tatsächliche (es geht uns nichts an!) Suizidversuche.
- lässt über persönliche Facebook-Inhalte (in Text und Bild), bis hin zu einem sog. Pornovideo, “das ÖSTERREICH vorliegt” (und vermutlich in Kürze auf der Homepage zu sehen sein wird) kein Tat-irrelevantes, privates Detail aus, dessen die Redaktion habhaft werden konnte.
- benutzt ein Verbrechen als Vorwand, um das gesamte Leben eines Menschen in den Dreck zu schreiben und darin endgültig auszulöschen.
Und das war jetzt nur, wie “Österreich” über das Opfer(!) berichtet hat…
Update Nov. 2010: Auf unser Betreiben verurteilte der “Österreichische Medienrat” am 11. Nov. per OTS-Aussendung diese Form der Berichterstattung.
Update Mai. 2011: “Österreich” und andere Medien berichten nach wie vor ohne Rücksicht auf den Persönlichkeitsschutz über den Fall.



















Wie die Kronen Zeitung das Volk verhetzt (Update IV)
Es ist eines dieser Urteile, die man sonst nur aus Amerika “kennt”: Weil ein Rentner beim Rasenmähen fröhlich jodelte, und damit seine muslimischen Nachbarn im Gebet störte, wurde er von einem Grazer Gericht zu 800 Euro Geldstrafe verurteilt.
So jedenfalls berichtete es die Kronen Zeitung diesen Sonntag:
Das Leserforum unter dem Artikel musste mittlerweile geschlossen werden, weil “gegen die Netiquette verstoßende Postings überhandgenommen” hätten. Ein Euphemismus, der in der Regel andeutet, dass die Moderation mit dem Löschen strafrechtlich relevanter Kommentare nicht mehr nachkam.
Es gibt nämlich gar kein Urteil. Doch der Reihe nach:
Der Freitag
Herr G. dürfte ein überaus fleißiger Rasenmäher und Jodler gewesen sein, deutet man unter Verweis auf die Unschuldsvermutung bei jenem Grazer Gericht an, das den Fall verhandelt hat.
Fast ein ganzes Jahr lang, von 2009 bis Sommer 2010 habe er regelmäßig an Freitagen, immer zur Gebetszeit seiner Nachbarn, den Rasen gemäht und dabei “fröhlich” gejodelt. Oder auf andere kreative Art das Gebet seiner Nachbarn lautstark gestört und verhöhnt, heißt es sinngemäß in den erhobenen Vorwürfen. Auch nachdem die Lautsprecherübertragungen der Gebete in den Garten längst eingestellt waren, soll er sein Treiben noch monatelang fortgesetzt haben.
Die Anzeige
Die Anklage erfolgte nicht auf Betreiben der Muslime. Nachdem die Polizei auf ihre Bitte mehrmals eingeschritten war, hielt sie es aber für nötig, die Vorfälle an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Da es sich um ein Offizialdelikt handelt, musste diese dann von sich aus ein Verfahren einleiten. Aus den Akten gehe laut Gericht hervor, dass die Muslime stets auf eine einvernehmliche Lösung gedrängt hätten.
Das “Urteil”
Es gibt keine Verurteilung und damit auch keine Urteilsbegründung. Das Strafverfahren wurde nach Diversion, gegen Zahlung einer Geldbuße, eingestellt. Für Herrn G. gilt daher bezüglich aller genannten Vorwürfe weiterhin die Unschuldsvermutung. Auch wenn er selbst der Diversion ausdrücklich zugestimmt hat.
Epilog
In einem Folgeartikel rühmte sich die Krone gestern, unser Land über die Grenzen hinaus mit ihrer “Exklusivstory” lächerlich gemacht zu haben:
Sogar Johannes B. Kerner wolle den Rentner jetzt in seine Show einladen, heißt es. Na, dann kriegen unsere Freunde vom BILDblog ja vielleicht auch noch was zu tun…
[Update 15:07] krone.at hat alle Artikel zu dieser Geschichte offline genommen (heute war kurzzeitig noch ein dritter Bericht über HC Strache hinzugekommen, der sich über das “Urteil” empöre und anbot, dem Rentner die Strafe zu bezahlen.)
[Update 22:10] Der Standard zitiert Kobuk in seiner morgigen Printausgabe, worüber wir uns prinzipiell freuen. Allerdings hat der Rentner nicht “ein Jahr täglich” beim Rasenmähen gejodelt, wie das Blatt schreibt, sondern “nur” wiederholt an Freitagen die Gebete gestört und das — wie ebenfalls bei uns zu lesen ist — durchaus auch mit anderen kreativen Methoden.
[Update 23:30] Der Standard hat den Artikel tlw. korrigiert und lässt den Rentner nun nicht mehr täglich Rasenmähen.
[Update 4.12.] Die Obersteirischen Nachrichten (ON) verbreiten die Krone-Story noch am 2.12. ungeprüft in ihrem Leitartikel weiter. Er schließt mit der Frage: “Wie dumm sind wir Österreicher samt unseren Gesetzen eigentlich”…? (Danke an Wolfgang K. für den Hinweis)