Aliens, Krebs, Weltuntergang: Für fast jede Schlagzeile findet sich in den Boulevard-Medien eine Studie, die sie vermeintlich belegt. Doch unsere Analyse zeigt: Im Jahr 2025 veröffentlichten Krone, Oe24 und Heute durchschnittlich mindestens viermal pro Woche irreführende Artikel zu Studien.
Der Wissenschaft sollten wir vertrauen – sie ist neutral, objektiv, faktenbasiert. Wenn also eine Zeitung schreibt, „Studie beweist“, dann muss es stimmen. Selbst wenn es absurd klingt: den genauen Todestag Jesu zu kennen, Aliens entdeckt zu haben, oder dass Toast das Herzinfarktrisiko erhöht. Glaubt man dem Boulevard, dann gibt es für all das Studien, die diese Befunde belegen.
Sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu schmücken, ist bei Medien sehr beliebt. Im Jahr 2025 hat unsere Analyse 1.453 Artikel auf Heute, Oe24 und in der Kronen Zeitung hervorgebracht, die behaupteten, wissenschaftliche Studien im Fokus zu haben. Circa 400 davon waren ausgestattet mit Schlagworten wie „Schock-Studie“, „Alarmierende Studie“ oder „Wissenschaftlich belegt“.
Aber: Fast die Hälfte dieser Artikel präsentierte die zitierten Studien oder deren Ergebnisse verzerrt, unvollständig oder schlicht falsch. Im Durchschnitt erscheinen mindestens viermal pro Woche verzerrte Studiendarstellungen. In einer Oktober-Woche veröffentlichte allein Heute sogar zehn solche Artikel.
Eine neue Nachrichtenseite erfindet Redakteure und lässt sie Artikel von Medien wie MeinBezirk, Oberösterreichische Nachrichten oder News abschreiben. Doch nicht alle Quellen auf diesem KI-Portal sind nachvollziehbar. Was ist die Motivation dahinter?
Österreich hat ein neues Nachrichtenmedium – und es ist ziemlich fleißig. Die Startseite ändert sich oft mehrmals täglich. Es gibt neue Aufmachergeschichten und neue Artikel in den einzelnen Ressorts, die von Politik bis Lifestyle alles abdecken. Bemerkenswert: Dieses Onlinemedium stemmt das mit nur zwei Redakteuren: David Egger, der Chefredakteur, und Leon Hofer. Das meiste scheint beim Chef hängen zu bleiben, denn David schafft bis zu 40 Artikel täglich. Leon steuert immerhin zwei bis zehn Texte pro Tag bei.
Das alles klingt nicht nur unmenschlich. Das ist es auch. Das Medium, das sich „Weltstimme“ nennt, ist eine KI-generierte Nachrichtenseite.
Das ist alles nur geklaut
Auf den ersten Blick fällt der KI-Einfluss nicht auf. Die Weltstimme hat einen seriösen, modernen Websiteauftritt. Das Logo mit der roten Schrift auf weißem Hintergrund beinhaltet bewährte Medienfarben. Der Slogan „Der Welt eine Stimme. Der Wahrheit ein Gehör“ klingt zwar etwas pathetisch, aber in einer Onlinewelt voller Kalendersprüche fällt auch das nicht weiter auf. Es gibt die Rubriken „Aktuelle Nachrichten“, „Top-Themen“ und „Meistgelesen“. Und sieben verschiedene Ressorts.
Eines davon heißt „Regionen“ und überzeugt mit hyperlokalen Nachrichten. Man erfährt dort beispielsweise etwas über einen „Erste-Hilfe-Kurs für Kinder in St. Florian“ in Oberösterreich oder die Eröffnung eines Spielwarengeschäfts im steirischen Leoben.
Natürlich war „David“ nicht wirklich in beiden Bundesländern vor Ort. David gibt es nämlich vermutlich gar nicht – genauso wenig wie seinen Kollegen Leon. Sind David Egger und Leon Hofer Pseudonyme? Stecken dahinter echte Menschen?
Es scheint zumindest niemanden in dieser „Redaktion“ zu geben, der tatsächlich recherchiert. Denn viele Texte sind geklaut.
Über den Erste-Hilfe-Kurs oder die Geschäftseröffnung hat nur Stunden zuvor MeinBezirk.at berichtet – das größte digitale Regionalblatt des Landes aus dem Haus der RegionalMedien Austria mit Ausgaben für praktisch jeden Bezirk. Eine Fundgrube für KI-Crawler: Die Artikelmenge ist riesig, die Struktur klar und die Informationen aktuell.
Tatsächlich kommen die meisten Texte dieser Rubrik von MeinBezirk. Nicht jedes Wort ist identisch, der Aufbau ist aber immer sehr, sehr ähnlich. Oft erscheinen die Artikel nur eine Stunde später mit einem geringfügig abgeänderten Titel: Aus „Bad Vöslau zählt zu Österreichs grünsten Städten“ wird dann „Bad Vöslau gilt als eine der grünsten Städte Österreichs laut neuer Analyse“.
Weltstimme verwendet auch dieselben Titelbilder – zum Beispiel das Foto der Kindergruppe aus St. Florian, dessen Urheber in Wahrheit die Organisation „OÖ Kinderwelt“ ist. Beim KI-Portal erscheinen Fotos grundsätzlich ohne Fotocredit.
Generisch und geglättet
Auch in anderen Ressorts finden wir wiederverwertete Texte. Im Sportressort entdecken wir einen Text über „Selbstfahrende Taxis und Fußball im WM-Großraum San Francisco“. Der Bericht erzählt von einem Taxifahrer, der auf dem Weg zum Stadion fragt, „ob die gesamte Fußball-Weltmeisterschaft hier stattfindet“. Interessanterweise hat Harald Bartl, Sport-Ressortleiter der Oberösterreichischen Nachrichten, genau dasselbe erlebt und nur kurz zuvor in seiner „WM-Post aus Amerika“ notiert.
Bis auf diese abgekupferte Anekdote bleibt der Weltstimme-Text generisch: Sätze wie „Die Kombination aus innovativer Technologie und den logistischen Herausforderungen eines Großereignisses wie der WM wirft Fragen zur Zukunft des Sports und der Mobilität auf“ haben hohen Large-Language-Modell-Wiedererkennungswert.
In einem Bericht über Argentiniens Strategie vor dem WM-Spiel gegen Österreich beobachten wir dasselbe Phänomen: Der Einstieg ist fast ident zum ersten Absatz in den OÖN, danach folgt eine seichte Analyse über ein Spiel, das „das Können beider Mannschaften auf die Probe stellen wird.“
Im Politik-Ressort wiederholen sich hingegen die Inhalte eines anderen Mediums: News.at. Am 19. Juni erscheint ein Artikel mit dem kryptischen Titel „Maschinenstürmer verüben Angriffe auf Industrieanlagen in mehreren Ländern“. Warum ausgerechnet ein Foto von Journalist und Moderator Michael Fleischhacker als Titelbild fungiert, erschließt sich nur, wenn man den Text auch andernorts sucht. Er liest sich nämlich wie die Kolumne, die Fleischhacker zuvor für News verfasst hat.
Es ist ein spannendes Beispiel dafür, wie der (mutmaßliche) Einsatz von künstlicher Intelligenz Meinungsbeiträge glättet. Denn in der Fassung von Weltstimme geht nicht nur der Humor verloren, auch Bedeutungen ändern sich: Anstelle von „Skeptiker [der Nutzung von KI; Anmerkung] werden als primitive Maschinenstürmer denunziert“ heißt es nun, Skeptiker werden „als konservative Stimmen betrachtet“.
Eine News-Recherche zu Ermittlungen gegen den Goldhändler TGI hat die Weltstimme ebenfalls abgeschrieben – und auch das selbstgeschossene Bild darin geklaut.
KI-Bilder und „Österreich-Bezug“
Die Herkunft der Inhalte der Weltstimme ist allerdings nicht immer so durchschaubar. Viele Texte sind fast ident zu APA-Beiträgen – vermutlich stammen aber auch diese von anderen Onlinemedien.
Oft tauchen auch englischsprachige Artikel auf der Website auf. Sie werden einige Tage später allerdings ins Deutsche übersetzt. Woher die Informationen ursprünglich kommen, ist nicht immer nachvollziehbar. Mit einer KI könnte der Text theoretisch von jeder fremden Sprache ins Englische beziehungsweise Deutsche übersetzt, erweitert und verändert worden sein.
Immer wieder fällt außerdem ein konstruierter Österreich-Bezug auf. Den Prompt „Erkläre, was das für Österreich bedeutet“ kann man fast schon dahinter durchschimmern sehen. „Nepotismus in der AfD: Was der deutsche Steuergeld-Skandal für Österreich bedeutet“ lautet zum Beispiel ein Artikel im Auslandsressort.
Der Skandal, um den es geht, ist schon einige Monate alt. Bis auf den unspektakulären Bezug zu Österreich („Der aktuelle Skandal aus Deutschland zeigt, wie schnell der Zugang zu staatlichen Ressourcen die Prinzipien einer Protestbewegung korrumpieren kann“) sind alle darin erwähnten Informationen schon lange bekannt.
Die große Frage: Wie kommt der Artikel zustande? Ist am Anfang dieser Verkettung ein Mensch involviert? Einer, der zum Beispiel auch die KI-Vorstellung generieren lässt, wie die AfD-Vetternwirtschaft aussieht:
Apropos Bilder: Wenn diese nicht von anderen Medien übernommen, also geklaut werden, sind sie oft KI-generiert. Darunter befinden sich unzählige Fakes von Politiker:innen.
Bei einem Bild von Sebastian Kurz, der Putin die Hand schüttelt, ist der KI-Einfluss kaum zu erkennen. Was dennoch auf den Einsatz von KI hindeutet: Das Foto ist sonst nirgendwo zu finden, mehrere KI-Erkennungstools zeigen eine hohe Wahrscheinlichkeit an und das Bild hat den gewissen KI-Look. Bei Kurz’ Frisur erkennt man beispielsweise jede Haarsträhne, und trotzdem sieht sie plastisch aus. Für natürliche Fotos ist das äußerst ungewöhnlich, auch wenn man die Kunst des Kurz’schen Haarstylings berücksichtigt.
Bei vermeintlichen Porträts im Freien fällt außerdem der stets bedeckte Himmel auf. Damit vermeidet man harte Schatten – für KI-Bildgeneratoren immer noch eine Herausforderung.
Die Russland-Obsession
Besonders auffällig ist die Anzahl jener Artikel, die sich mit Russland und dem Ukraine-Krieg beschäftigen. Häufig fallen diese Artikel in die Kategorie „Top-Themen“. Über die Forderung der baltischen Staaten, das EU-Ölembargo gegen Russland zu beschleunigen, „berichtete“ die Weltstimme als einziges „österreichisches Medium“, genau so wie über die Infiltrationsversuche russischer Agenten gegen die geheime Produktionsstätte eines litauischen Drohnenherstellers.
Für beide Geschichten finden wir auch andernorts Belege. Stutzig macht uns allerdings der Artikel „Inszenierter Busangriff auf Kinder: Moskaus Kalkül für den Kriegseintritt von Belarus“. Es geht darin um den Anschlag auf einen Bus im russischen Grenzort Brjansk, in dem ein Kinder-Fußballteam aus Belarus saß. Moskau und Minsk berichteten von einer getöteten Frau und neun Verletzten.
Russland behauptete daraufhin, es habe sich um eine ukrainische Drohne gehandelt – so berichteten es übrigens auch viele unserer Medien. Der Sicherheitsdienst der Ukraine legte hingegen Dokumente vor, die belegen sollen, dass sich zu diesem Zeitpunkt keine ukrainischen Drohnen im Luftraum befunden hätten.
Was wirklich passiert ist, konnte bisher nicht unabhängig verifiziert werden. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen forderte am 29. Juni deshalb eine unabhängige Untersuchung.
Ausgerechnet unser KI-Portal Weltstimme weiß aber, was wirklich dahintersteckt: „Moskau will Lukaschenko zum Kriegseintritt zwingen“. Der Anschlag soll also von russischer Seite geplant und als ukrainischer Angriff getarnt worden sein.
Dafür gäbe es sogar Beweise, so die KI-Seite: Fotos des getroffenen Busses „deuten auf einen Sprengsatz am Boden hin, nicht auf einen Angriff aus der Luft.“ Wer sie analysiert hat, bleibt unklar.
Gegenüber dem polnischen Medium Belsat, das vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen betrieben wird und vorrangig für ein belarussisches Publikum produziert, trifft ein Minenräumoffizier der ukrainischen Armee zwar ähnliche Aussagen. Eine unabhängige Einschätzung ist aber auch das nicht.
Unbekannte Betreiber:innen
Wir hätten die Betreibenden der Weltstimme gerne gefragt, wie die Themensetzung und die einzelnen Artikel zustande kommen. Doch die auf der Website angegebenen Mailadressen führen ins Nichts.
Laut Impressum soll die Weltstimme am Austria Campus im zweiten Bezirk in Wien sitzen, konkret am Rothschildplatz 1. Laut Mieterliste belegen dort aber ausschließlich Unternehmen der UniCredit Group die Büroräumlichkeiten.
Was und wer auch immer dahintersteckt, die KI-unterstützte Weltstimme ist Teil eines weltweiten Phänomens: des Booms KI-generierter Nachrichtenseiten.
Das Unternehmen NewsGuard, das weltweit Onlineinhalte analysiert, hat bereits über 3.700 solcher Seiten getrackt. Laut NewsGuard liegt der Anreiz im Programmatic Advertising – also im automatischen Kauf und Verkauf von Online-Werbeflächen. Ein Portal mit sehr viel Content und ohne Paywall kann theoretisch auf sehr viele Seitenaufrufe kommen und damit attraktiv für Programmatic Advertising-Kunden werden.
Nur: Weltstimme hat keine Onlinewerbung. Vielleicht liegt es daran, dass es die Seite erst seit ein paar Monaten gibt und man die Inhalte für ein besseres Endergebnis noch weiter ausbauen will. Vielleicht geht es aber auch gar nicht um Geld.
Ein „Hobbyprojekt“
Bei Thomas Fischer ist das laut eigener Aussage zum Beispiel so. Er betreibt das KI-Portal Brandaktuell.at. Auch diese Seite wirkt wie ein seriöses, journalistisches Nachrichtenportal. Doch die Redakteur:innen Julia Vogt, Jonas Leitner oder Max Brenner sind erfunden. Niemand recherchiert hier wirklich.
Immerhin haben viele der Texte „Referenzlinks“, die zu den ursprünglichen Quellen führen. Dass die Seite nur Inhalte aggregiert und keine Redaktion dahintersteckt, geht für Leser:innen allein dadurch aber nicht hervor. Problematisch ist das zum Beispiel, wenn Analysen vom Standard und anderen Medien als Meinungsbeiträge der KI-Personas verpackt werden. Vom Urheberrecht einmal abgesehen.
„Jede virtuelle Person besitzt einen eigenen Prompt, eigene Schärfe, eigenen Fokus und eigenen Hintergrund“, erklärt uns Fischer auf Anfrage. Das Portal bezeichnet er als seine „KI-Hobbyprojekt-Spielwiese“. Fischer aggregiert die Referenzlinks, lässt daraus automatisch eine Zusammenfassung erstellen und gibt diese frei. Manche Artikel werden „redaktionell erstellt“, wie er sagt. Er meint damit, dass das System automatisch nach Quellen sucht.
Fischer will mit der Seite „den menschlichen Einfluss mithilfe von KI“ und verschiedene APIs, also Datenschnittstellen, testen. Geschäftsmodell stecke dahinter keines. Auch wenn die Seite voll mit Onlinewerbung ist, verdiene er damit nur wenige Euro. Abgesehen davon interessiere ihn auch, „welche Aufmerksamkeit ein solches Projekt erzeugt“.
Ist das schlimm?
Onlineseiten, die mithilfe künstlicher Intelligenz Informationen verbreiten, produzieren in einem Internet voller Content einfach noch mehr Content. Warum sollte uns das weiter kümmern?
1. Die Originalquelle verschwindet. Wenn dutzende KI-Portale dieselben Informationen zusammentragen, wird es immer schwieriger, die eigentliche Quelle zu finden. Schon heute führt die Google-KI solche KI-generierten Seiten in ihren Zusammenfassungen als Quellen an. Im Journalismus geht es dabei um den Kern der Arbeit, der unsichtbar wird. Dazu kommt die wesentliche Frage des Urheberrechts, die nicht geklärt ist.
2. Die Anfälligkeit für Desinformation steigt. Artikel, die eine künstliche Intelligenz überarbeitet oder sogar selbst verfasst, sind anfällig für Fehler. Zudem verbreitet sich Desinformation schneller, wenn sie von mehreren Portalen automatisiert verarbeitet wird. Wenn kein Mensch involviert ist, fehlt auch eine Korrekturschleife. Wenn nicht einmal transparent ist, wer hinter den Seiten steckt, kann auch niemand zur Verantwortung gezogen werden.
3. Die öffentliche Debatte wird leichter beeinflussbar. Ein Analyst von NewsGuard hat mit einem Investment von nur 105 US-Dollar eine vollautomatisierte KI-Nachrichtenseite erstellt, die am laufenden Band falsche Politikmeldungen erstellte. Für große Lobbygruppen, geschweige denn für staatliche Akteure, ist es ein Kinderspiel, davon gleich mehrere zu erstellen. Schon jetzt gibt es Seiten, auf denen man kostenlose „Nachrichtenartikel“ erstellen lassen kann – es reicht ein einziges Stichwort. Es war noch nie so leicht, etwas wie Journalismus aussehen zu lassen.
4. Die Wirtschaftlichkeit von Onlinemedien gerät noch mehr unter Druck. Grundsätzlich greifen KI-Seiten meistens auf Inhalte zurück, die irgendwann einmal ein echter Mensch recherchiert hat. Wer sich mit einer automatischen Zusammenfassung zufrieden gibt, verzichtet womöglich auf das Original. Für Onlinemedien, die ohnehin schon unter wirtschaftlichem Druck stehen, sind das keine guten Nachrichten.
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Wer in Österreich den Sportteil einer Tageszeitung aufschlägt, bekommt ein ziemlich klares Bild davon, wer hier im Zentrum steht: Männer. Frauen kommen nur am Rand vor.
Es ist derzeit schwer, der Fußball-Weltmeisterschaft zu entkommen. Kaum ein Sportereignis erhält so viel mediale Aufmerksamkeit wie das Turnier der Männer. Fans werden mit Sondersendungen, Live-Analysen und Reporter Rainer Pariasek versorgt, der aus Amerika ins heimische Wohnzimmer grüßt. Doch die Aufmerksamkeit für den Männersport beschränkt sich nicht auf die Wochen eines globalen Großereignisses. Das ist der Normalzustand. Noch dazu sind es in Österreich meistens Männer, die die Berichterstattung rund um den Sport gestalten. So gibt es beispielsweise bei der Übertragung der WM zwischen ORF und ServusTV mit Anna Lallitsch nur eine einzige Frau, die die Spiele kommentiert.
Dass die Berichterstattung über Athletinnen in Österreich eine untergeordnete Rolle spielt, ist kein Bauchgefühl, das lässt sich messen: Für diese Analyse haben wir die Print-Sportberichterstattung von Juli bis Dezember 2025 in der Heute-Zeitung (Wien-Ausgabe), der Kronen Zeitung (Wien Krone) und Der Standard untersucht. Dabei wurde in jeder einzelnen Ausgabe erhoben, wie viele Sportartikel sich primär mit Männersport, Frauensport oder gemischten Bewerben beschäftigen und wie Bilder dabei eingesetzt werden.
Klare Zahlen, klares Ungleichgewicht
In der Heute entfallen im Schnitt rund 87 Prozent der Sportartikel auf Männer, nur etwa zehn Prozent berichten über Frauensport. In der Kronen Zeitung liegt der Männeranteil bei rund 81 Prozent, Frauensport macht dort etwa elf Prozent der Artikel aus, fast acht Prozent sind gemischt. Selbst im als Qualitätsmedium geltenden Standard sind rund zwei Drittel (66 Prozent) der Sportartikel dem Männersport gewidmet, 21 Prozent dem Frauensport und circa zwölf Prozent der Texte berichten über männliche und weibliche Athlet:innen.
Der Sportteil einer Heute-Ausgabe umfasst im Schnitt rund elf Artikel. Somit ist meist nur Platz für einen Text über Frauensport. Anders gesagt: An vielen Tagen kommt Frauensport gar nicht vor.
Exxpress-Herausgeberin Eva Schütz war eine von vielen Überraschungskandidat:innen für den ORF-Generalsposten. Armin Wolf tat auf der Plattform Bluesky seine Ratlosigkeit über ihre Nominierung durch den Stiftungsrat kund und bezeichnete den Exxpress als „rechte, rassistische Fake News-Schleuder“. Das sorgte für Empörung, vor allem beim Exxpress. Dabei sollte der Redaktion ihr eigener Umgang mit Falschnachrichten und rassistischen Narrativen nichts Neues sein. Eine Bestandsaufnahme.
Neun Bewerber:innen stellten sich am 11. Juni der Stiftungsrats-Wahl zum oder zur neuen ORF-Chef:in. Exxpress-Herausgeberin und Chefredakteurin Eva Schütz war eine von ihnen. Und laut ihrem Hausmedium war sie sogar die „ORF-Generaldirektorin der Zuseher“, denn: „Eva Schütz in Umfragen klar vorne“, titelte der Exxpress am Dienstag.
Abgesehen davon, dass Zuseher:innen und Umfragen für die Bestellung keine Rolle spielen, sind die im Exxpress kolportierten Zahlen irreführend. Schütz würde in einer Umfrage der Gratiszeitung Heute auf 57 Prozent Zustimmung kommen, steht dort.
Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine echte Meinungsumfrage, sondern um ein Voting unter Heute-Leser:innen, eingebettet in einem Artikel über Schütz’ Kandidatur. Der Artikel ist außerdem bereits zwei Wochen alt. In einem aktuelleren Voting kommt Schütz nur auf 13 Prozent.
Das Gefühl, dass daran irgendetwas nicht stimmen kann, beschleicht einen beim Exxpress-Lesen öfter. Dem Medium „für Selberdenker“ haben wir mit Faktenchecks deshalb schon mehrmals beim Nachdenken nachgeholfen.
Der User @bjoernsenior.bsky.social dokumentiert ebenfalls schon seit Jahren Unstimmigkeiten, Fehler und Falschnachrichten der Plattform – vermehrt findet sich darunter auch mutmaßlicher KI-Content. Aber wie viel davon sind wirklich „Fake News“? Und was kann man dort sogar als „rassistisch“ bezeichnen?
Der „Fake-News“-Vorwurf
Wir lassen den ganzen KI-Slop – also die mutmaßlich mit Hilfe künstlicher Intelligenz produzierten Blödsinnigkeiten – an dieser Stelle außen vor. Auch wenn wir dafür auf einen österreichischen „Kanzler Andrew Babler“ oder den „Ex-Präsidenten“ Donald Trump verzichten müssen. Was uns hier interessiert, sind Falschnachrichten, die in die Irre führen.
Zum Beispiel bei Meldungen zum Klimawandel. Den zweiten österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel versuchte der Exxpress vergangenes Jahr als „simple Binsenweisheit“ zu verkaufen – und die Berichte darüber als „Panikmache“. Der Exxpress störte sich an der Feststellung, dass sich Österreich schneller als der globale Durchschnitt erwärmt.
Das Blatt ist nämlich draufgekommen, dass sich ja nicht nur Österreich, sondern sehr viele Länder schneller als der globale Durchschnitt erwärmen, weil dazu auch die (kälteren) Ozeane gezählt werden. Und schließt offenbar daraus: Dann kann das Ganze ja nicht so schlimm sein. Diese Kritik sei „so simpel wie entlarvend“, schreibt der Exxpress über sich selbst.
Es wirkt nicht so, als hätte sich jemand angesehen, worum es in der Arbeit der Wissenschaftler:innen eigentlich ging (unter anderem die regionalen Auswirkungen des Klimawandels). Dass in diesem Medium einmal sogar Schneefall die Existenz des Klimawandels relativierte, dürfte da nicht weiter verwundern.
Der Exxpress verbreitete in den letzten Jahren außerdem die Falschbehauptung, dass die Maskenpflicht während der Pandemie keine Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen gehabt hätte. Im November 2024 erschien beim Exxpress ein Artikel über den Mythos, vermehrte „plötzliche und unerwartete“ Todesfälle seien auf die Corona-Impfung zurückzuführen.
Irreführende Geschichten über Asyl und Migration
In auffällig vielen irreführenden Berichten des Exxpress geht es um die Themen Asyl und Migration. Da wäre zum Beispiel die Behauptung, dass vorbestrafte Asylwerber:innen selbst mit einer Haftstrafe „problemlos Österreicher werden“ könnten. Die Quelle ist ein FPÖ-Video. Die Behauptung ist falsch. Das ist im Staatsbürgerschaftsgesetz klar geregelt.
Oder dass an einer Wiener Volksschule Ramadan statt Weihnachten gefeiert würde, auch das haben wir widerlegt.
Oder nehmen wir den Mythos um „‚Schwäne essende‘ Migranten“ aus dem vergangenen September. Aufgewärmt hat ihn damals der rechtspopulistische Politiker Nigel Farage in einem Radio-Interview. „Jetzt kommt alles raus!“, titelte der Exxpress.
Eine Statistik über Angriffe auf Schwäne sollte den Mythos belegen, Hinweise auf migrantische Täter:innen liefert diese aber nicht. Ein Tierschutzverein vermutete dahinter vielmehr Jugendliche, die die Tiere „aus Spaß“ attackieren würden. Auch Fotos, die der Exxpress einbettete, um das Narrativ zu untermaueren, hat die örtliche Polizei schon 2024 widerlegt.
Interessant ist vor allem das Wahrheitsverständnis, dass die Redaktion in Bezug auf Farages Äußerung offenlegt: „Solange das Gegenteil nicht eindeutig belegt sei [sic], sollten [sic] seine Warnung ernst genommen werden.“
Anfang Mai lässt uns der Exxpress zudem wissen, dass die Donauinsel nun eine „NoGo Area“ ist. Der Grund? „Rassismus gegen Österreicher“. Die Insel sei „fest in muslimischer Hand“, schreibt ein oder eine unbekannte:r Redakteur:in. Und: Sexuelle Belästigung im FKK-Bereich sei ein großes Problem – „sowohl durch Österreicher als auch muslimische junge Männer“.
Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Berichte über sexuelle Übergriffe im Nacktbereich. Aber von „muslimischen Männern“? Woher hat der Exxpress das? Eine Quelle erwähnt er nicht. „Sogar abgebissene Ohren stehen auf der Tagesliste [sic]“, meint der Exxpress weiter. Uns ist nur ein einziger Fall bekannt. Gewohnt nüchtern zieht das Blatt Fazit:
Durch unzählige Banden aus aller Herren Länder, die dort in den warmen Monaten herumlungern, ist es für die Stadt und die Polizei fast unmöglich, die Sicherheit auf der Donauinsel zu gewährleisten.
Der Umgang mit Falschnachrichten
Fälschlicherweise berichtete der Exxpress auch, österreichische Wissenschaftler:innen würden einen „Bevölkerungsaustausch“ befürworten. In einem offenen Brief warnten tausende Uniprofessor:innen vor einer möglichen FPÖ-ÖVP-Regierung. Der Brief ist nicht besonders lang. Dass ihn beim Exxpress ein Mensch gelesen hat, ist aber zu bezweifeln. Denn er schreibt:
Ein Satz zum Schluss des Briefes macht allerdings stutzig: Dort fordern die ‚Wissenschaftler*innen‘ ein ‚eindeutiges und unzweifelhaftes Ja zum Bevölkerungsaustausch, weils uns in unseren Elfenbeintürmen eh nicht betrifft‘.
Das Zitat ist erfunden. In Wahrheit formulierten die „Wissenschaftler:innen für Demokratie“ folgenden Satz:
Wir (…) fordern ein eindeutiges und unzweifelhaftes JA ZUR DEMOKRATIE, JA ZUR OFFENEN GESELLSCHAFT sowie zur Freiheit der Forschung und ihrer Lehre.
Entlarvend ist zudem auch der Umgang des Exxpress mit seinen Falschnachrichten: Sie bleiben meistens einfach stehen. Die längst widerlegte Falschbehauptung, BRICS-Staaten würden „künftig 80 Prozent der Ölproduktion“ kontrollieren, steht dort zum Beispiel ebenso noch wie die irrsinnige Behauptung, dass „62.000 Liter“ HIV-verseuchte Blutkonserven in die Ukraine geliefert werden sollten.
Falschnachrichten zum Fall Castillo
Auf der Exxpress-Website finden sich regelmäßig tendenziöse und ideologisch aufgeladene Beiträge – wir haben das beispielsweise anhand der Berichte nach dem tödlichen Attentat auf Charlie Kirk dokumentiert. Auch im Fall Noelia Castillo kann man das beobachten.
Die 25-jährige Spanierin hat sich für einen assistierten Suizid entschieden, der Fall sorgte in Spanien für eine Debatte über Sterbehilfe – und wurde von rechten und ultrakatholischen Akteur:innen instrumentalisiert.
Mittendrin der Exxpress: Er bettet ein X-Posting ein, in dem die Falschbehauptung verbreitet wird, Castillo hätte ihre „beste Freundin“ vorab nicht sehen dürfen – „weil sie befürchten, dass sie es sich vielleicht noch anders überlegt und nicht zustimmt, getötet zu werden und dass ihre Organe entnommen werden“. Sowohl der Mythos zur Organspende als auch die Erzählung, enge Freund:innen wären von Castillo weggehalten worden, gehören zu den bereits widerlegten Falschbehauptungen rund um den Fall.
Eine weitere Desinformation, die sich im Fall Castillo hartnäckig hält, ist die Behauptung, sie sei von einer Gruppe Migranten vergewaltigt worden.
Im Exxpress-„Nachtflug“ mit dem positiven Jahresmotto „Tabuthemen 2026 – Migration, Gewalt & Meinungsfreiheit eskalieren“ zitiert Exxpress-Kolumnist Bernhard Heinzlmaier „alternative Medien“: Es hätte sich um „Migranten aus dem Magreb“ gehandelt. Das Factchecking-Team der deutschen Presseagentur findet „kein[en] Beleg für Beteiligung von Migranten an sexuellen Übergriffen auf Noelia Castillo“.
„Der Ruf der Migrant:innen darf nicht geschädigt werden und da ist man sogar bereit, 788 Gruppenvergewaltigungen in Deutschland unter den Teppich zu kehren“, behauptet Heinzlmaier in diesem Gespräch außerdem. Die Zahl ist richtig, was in dieser Statistik allerdings auch belegt ist: die meisten Gruppenvergewaltigungen begehen mit Abstand Deutsche. Moderiert wird die Sendung übrigens von Herausgeberin Eva Schütz. Kritische Nachfragen bleiben aus.
Der Rassismus-Vorwurf
Ob der Exxpress als Medium „rassistisch“ agiert, ist nicht einfach zu beantworten. Armin Wolf bezieht sich mit seinem Posting auf Kommentare im Exxpress-Forum, in denen von den „Sitten der Teppichlutscher“ die Rede ist und „Remigration“ gefordert wird. Weil sie die meisten User:innen-Likes bekommen haben, befinden sie sich kurzzeitig auf der Startseite als „Top-Kommentare“.
Begriffe wie „Umvolkung“ und „Bevölkerungsaustausch“ tummeln sich ganz selbstverständlich ebenso in den Kommentarspalten. In seinen Berichten verwendet der Exxpress diese Wörter nicht, bedient aber ähnliche Bilder. In einem Artikel über die Talent Partnerships der EU mit anderen Ländern schreibt der Exxpress zum Beispiel: „Noch kommen nicht Hunderttausende über solche Programme. Aber die Rohre werden verlegt.“
Das „Austausch“-Narrativ bedient auch diese Schlagzeile: „In der Tagesschau heißen Deutsche jetzt ‚Nicht-Migranten‘“. In Wahrheit kündigt die Sprecherin eine Initiative von „Migranten und Nicht-Migranten“ an, bei der Ehrenamtliche Deutschkurse anbieten. Obwohl für das Publikum völlig klar ist, wer gemeint ist, zieht die Schlagzeile diese Formulierung bewusst aus dem Kontext.
Es ist ein klassisches Beispiel für „Rage Bait“; das gezielte Schüren von Empörung, um Reichweite zu generieren. Der Beitrag erschien ursprünglich auf Nius, dem „Partnermedium“ und Mehrheitseigentümer des Exxpress.
Rassistische Narrative in Meinungsbeiträgen
Zugpferde sind die Kolumnisten. In Beiträgen von Bernhard Heinzlmaier oder Ralph Schöllhammer werden die Begriffe „Bevölkerungsaustausch“ und „Schuldkult“ für vermeintliche Analysen genutzt („wenn man das [so nennen] dürfte“, wie Heinzlmaier ergänzt) – beides sind rassistisch aufgeladene Kampfbegriffe.
Ein weiterer Exxpress-Gastkommentator, der FPÖ-Nahe Publizist Werner Reichel, erklärt indes, warum so viele Tourist:innen aus dem „sich durch Massenzuwanderung selbst zerstörendem Europa“ gerne nach Japan reisen würden. Das läge am dortigen „kulturell homogenen Staatsvolk“. „Es ist für viele, vor allem Junge, ein letztes Schlupfloch, um der europäischen Tragödie zumindest zeitweise zu entfliehen.“
Bei manchen Kommentaren ergänzt der Exxpress einen Hinweis: „Gastkommentare stellen die Meinung der jeweiligen externen Autoren dar und müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.“ Dieser ist so einer.
Natürlich ist die „Meinung anderer“ erstmal nur eine Meinung anderer. Dennoch steckt hinter Gastbeiträgen eine redaktionelle Entscheidung (oder sollte es zumindest). Sätze wie „Westeuropa hat das groß angelegte Experiment durchgeführt, die Babys, die sie nicht haben wollten, durch Kinder aus der nicht-westlichen Welt zu ersetzen“ zahlen auf die „Great Replacement Theory“ ein. Das muss man als Redaktion wissen und wollen.
Wir wollten vom Exxpress daher wissen, wo die Redaktion die Grenze zwischen Migrationskritik und rassistischen Narrativen zieht. Man hat uns nicht geantwortet.
In einem Thread auf Bluesky zeigte @bjoernsenior.bsky.social zuletzt eindrücklich, „wie der exxpress rechtsextreme Akteure und deren Sprache normalisiert“. Neben dem Einbetten radikaler Postings („Deport all Muslims“) gehört dazu, den Rechtsextremisten Tommy Robinson als „Bürgerrechtler“, Identitäre als „patriotische Gruppe“ und die Identitären-Parole „Defend Europe“ als „klar pro-europäische Botschaft“ zu verharmlosen.
Wiederkehrendes Muster
Die Beispiele belegen: Der Exxpress berichtet nicht nur irreführend und tendenziös, er verbreitet auch nachweislich Falschinformationen. Auffällig häufig betrifft dies Narrative über Menschen anderer Herkunft. Das reicht noch nicht, um den Exxpress pauschal als „rassistisches Medium“ zu bezeichnen. Es zeigt aber ein wiederkehrendes Muster, in dem Falschinformationen, selektive Darstellung und rassistisch aufgeladene Narrative einen relevanten Teil der Inhalte bestimmen.
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Männer sind Ikonen oder sogar Legenden. Frauen sind Prinzessinnen, Rotzgören oder Muttis. So scheint das zumindest der deutschsprachige Musikjournalismus zu sehen. In unserer Recherche haben wir uns die Wortwahl in den vier größten deutschsprachigen Plattformen für Musikkritiken angeschaut. Dabei zeigt sich ein deutliches Muster: Männliche Künstler werden als prägende Instanzen der Musikgeschichte verewigt, Künstlerinnen auffallend oft sexualisiert und verniedlicht.
Oasis, Iggy Pop und Co. sind allesamt musikalische Legenden. Da sind sich führende Musikjournalist:innen einig. Wie ist das bei Künstlerinnen wie Mariah Carey oder Dolly Parton? Ebenfalls Legenden? Zumindest werden sie nicht so genannt. Es scheint da nämlich eine Krux zu geben: Die beiden sind keine Männer. Musikjournalist:innen nennen sie lieber „Prinzessin“ (Rolling Stone über Carey) oder „Übermutter“ (Der Spiegel über Parton).
Die Ölkrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg, bringt ein wiederkehrendes Thema aufs Tapet: die Förderung von Erdgas in Österreich mittels Fracking. Doch wenn Medien über Fracking schreiben, verwenden sie häufig veraltete Zahlen oder greifen auf Mythen zurück.
Derzeit fällt vor allem Die Presse mit Artikeln zum Fracking auf: In einem Leitartikel mit dem Titel „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ wird für diese Art der Erdgasförderung geworben, genauso wie in der Kolumne von Christian Ortner („‚Drill, Baby, Drill‘ – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“). Im Artikel „Österreich könnte viel eigenständiger sein“ kommt Fracking ebenso gut weg.
Dass in Meinungsbeiträgen für oder gegen Fracking argumentiert wird, ist legitim. Doch nicht nur dort, und nicht nur in der Presse, ist die Faktenlage oft dünn. Journalist:innen beziehen sich zum Beispiel auf veraltete Daten, verharmlosen Umweltrisiken oder verbreiten umgekehrt Mythen zum Schreckgespenst „Fracking“.
In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.
„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.
Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.
Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.
Mit dem Titel „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ strahlt der ORF am Montag, 16. März, eine Dokumentation über die heute 38-Jährige aus. Im Programmtext steht ihr derzeitiger Gesundheitszustand im Fokus. Damit löst der Sender noch vor der Erstausstrahlung weltweit Berichte über ihren höchstpersönlichen Lebensbereich aus. Ein schwerer Fehler.
„Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung: Die 38-jährige Natascha Kampusch hat einen Zusammenbruch erlitten“, beginnt die Beschreibung der neuen Dokumentation im ORF–TV-Programm. Damit ist der Ton gesetzt. „Bewegt vom heutigen Zustand“ der Frau würden „Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen schonungslos Stellung“ beziehen, verspricht die Ankündigung weiter. Wortgleich veröffentlicht der ORF dazu am Donnerstag auch eine Presseaussendung.
Die PR schlägt ein. Sie führt noch am selben Tag zu einer Flut an Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien. Heute sorgt der Inhalt sogar für internationale Berichterstattung. Die Berichte sind allesamt problematisch: Sie teilen höchstpersönliche Informationen, die nicht von Kampusch selbst stammen. Was hat der ORF hier losgetreten – und warum?
ORF prescht vor
Trumps Desinformation hat in deutschsprachigen Schlagzeilen leichtes Spiel. Ob die dokumentierten Erschießungen von Renee Good und Alex Pretti oder die Drohung, Grönland zu annektieren – Medien berichten oft so, als läge die Wahrheit irgendwo zwischen der Propaganda aus dem Weißen Haus und den erwiesenen Fakten. Ein Rückblick auf drei große und mehrere kleine Fälle, in denen Lügen einfach durchgereicht wurden.
Am 24. Jänner erschießt ein Mitarbeiter der US-Einheit ICE den 37-jährigen Alex Pretti. Ein Video zeigt, wie innerhalb weniger Sekunden mindestens zehn Schüsse fallen, Pretti liegt da schon längst am Boden. Die Weltöffentlichkeit sieht, dass der Mann, der ihn erschießt, nicht in Gefahr war. Die US-Regierung behauptet Gegenteiliges, spricht von „Notwehr“.
Trotz der eindeutigen Bilder gibt aber beispielsweise die Kronen Zeitung in ihrer Titelzeile die Version des US-Heimatschutzministeriums wieder: „Ministerium zu Todesschüssen: ‚Plante Massaker‘“. Auch Vol.at, News die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten machen das am nächsten Tag mit der APA-Headline „US-Grenzschutz zu Schüssen in Minneapolis: Beamte sind Opfer“. Auf Orf.at schreibt man zunächst nur vorsichtig: „Zweifel an Darstellung von US-Regierung“, ändert die Headline ein paar Stunden später aber in die deutlichere Variante „Video widerspricht Ministeriumsdarstellung“.
Dass Medien die Täter-Opfer-Umkehr der US-Regierung in ihre Schlagzeilen heben und Widersprüche als „Zweifel“ lesen, zeigt vor allem: Es ist noch nicht angekommen, dass Meldungen aus dem Weißen Haus in vielen Fällen bewusste Desinformation sind, die von dem, was tatsächlich passiert ist, ablenken soll. Drei Fakten, die viele Medien nicht klar benannt haben:
Die Boulevard-Berichte über den Tod von Johanna G. sind an Voyeurismus kaum zu überbieten. Während die Redaktionen private Details der Getöteten ausschlachten, stilisieren sie den mutmaßlichen Täter zur erzählbaren Figur. Das macht die Frau zum zweiten Mal zum Opfer.
„Ich darf Sie eindrücklich darum ersuchen, ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung an den Tag zu legen“ – mit diesen Abschlussworten wendet sich Markus Lamb, der Pressesprecher der Polizei, an die anwesenden Medienvertreter:innen. Es ist der 14. Jänner, die Landespolizeidirektion Steiermark hat zur „Pressekonferenz nach Leichenfund“ geladen. Es geht um den mutmaßlichen Mord der zuvor als vermisst gegoltenen Südsteirerin Johanna G.
„Ethisch und moralisch vertretbar“ ist das, was Wiener Boulevardmedien seitdem veröffentlichen, jedenfalls nicht. Sie geben dem Opfer in mehreren Berichten eine Mitschuld und lassen die Verteidigung des Täters (es sei ein „Sex-Unfall“ gewesen) dominieren. Fotos aus Ermittlungsakten werden auf Doppelseiten abgedruckt, die Tat als „tödliches Geschehen“ oder „Würgespielchen“ verharmlost. Wir haben uns die zentralen Erzählmuster angesehen.
Disclaimer: Es fällt nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Einerseits wollen wir nicht reproduzieren, was an Gerüchten und Spekulationen herumkursiert und den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers betrifft. Andererseits müssen wir adressieren, wie unbedacht andere Medien mit genau diesen Informationen umgehen. Wir versuchen aber, nur dort explizit zu werden, wo es notwendig ist, damit man unsere Kritik nachvollziehen kann. Und wir verzichten darauf, wie sonst üblich, die kritisierten Artikel zu verlinken.
Mitschuld des Opfers
Am 17. Jänner titelt das Boulevardblatt Oe24: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Dazu ein Bild des Täters in Siegerpose – ein Freudenschrei, beide Hände zu Fäusten in die Luft gestreckt. Rechts oben im Eck ein viel kleineres Foto von Johanna G., die er mutmaßlich getötet hat. Sie bekommt eine minimale Verpixelung um die Augen, er einen schwarzen Balken.


















