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Wenn die Ukraine Hunde tötet, stirbt bei uns die Wahrheit

Wie “Kronen Zeitung” und ORF falsche Internetpropaganda verbreiten und auf wen das österreichische Parlament wirklich hört.

Prolog

Straßenhunde sind keine Kuscheltiere, sondern übertragen Krankheiten und sind eine ernste Bedrohung, insbesondere für Kinder. Uns Couch-Tierschützern mag diese Sicht nicht gefallen, aber viele Menschen, die täglich mit Streunern konfrontiert sind, und oft selbst “wie arme Hunde” leben, empfinden es so.

Und sie sind damit nicht allein. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zum Beispiel, rügte im Juli Rumänien: Allein im ersten Quartal 2010 seien dort über 2.000 Menschen von wilden Hunden angefallen worden. Anfang 2011 wurde eine alte Frau von einem Rudel zu Tode gebissen. Das Land gehe nicht konsequent genug gegen die Tiere vor. Dies sei ein Verstoß gegen das Grundrecht auf Schutz des Privatlebens, hieß es in der Rüge.

Das soll nichts entschuldigen, was mit den Tieren passiert. Aber man sollte die Umstände kennen, bevor man über andere Menschen und ganze Länder urteilt.

20. November 2011, “Kronen Zeitung”

(Bild anklicken für Großansicht)

Kiew am frühen Morgen. Ein Auto fährt durch die Straßen und zwei Männer werfen Fleischbrocken aus dem Fenster. Gierig schnappen Streunerhunde nach den vermeintlichen Leckerbissen [...]

Der Bericht liest sich, als hätte die “Krone-Tierlady” ihn persönlich auf Facebook in der Ukraine recherchiert. Eine erschütternde Reportage über das Leid streunender Hunde, welche für eine “saubere” Fußball-EM 2012 grausam ihr Leben lassen müssen.

250 Euro gibt es laut “Krone” für zehn tote Hunde. Das wäre in der Ukraine deutlich mehr als ein durchschnittliches Monatsgehalt. Fast unerträglich: das Foto einer erschossenen Welpenmutter. Die “Krone” dazu:

Ein Bild wie ein Faustschlag ins Gesicht: Diese Hündin wurde abgeknallt. Ihre hilflosen Welpen wollen ihren Hunger stillen und trinken am leblosen Kadaver ihrer Mutter. Dann wurden wahrscheinlich auch sie bei lebendigem Leib verbrannt.

("Zenica, Juli 2003")

Ein Bild wie ein Faustschlag, zweifellos. Aber ins Gesicht der Wahrheit. Denn die arme Hundefamilie war nie in der Ukraine und die lebendig brennenden Welpen — welch ein Bild — dürften die Mutter bereits vor über acht Jahren verloren haben. In diesem bosnischen Forum wurde das scheinbar aktuelle Foto aus der Ukraine bereits vor vier Jahren veröffentlicht. Es sei im Juli 2003 entstanden, heißt es dort, und zwar in Zenica. Über 1000 Kilometer — und acht Jahre — vom heutigen Kiew entfernt.


21. November: Bereits am nächsten Tag ist die Geschichte das Hauptthema in den “Krone”-Leserbriefen. Für alle, die die Sonntagsausgabe nicht haben, wird noch einmal das Foto der bosnischen Hündin und ihrer Welpen groß abgedruckt:

Ein schreckliches, aufrüttelndes Bild vom Hundemord in der Ukraine [sic!] – die Hündin wurde abgeknallt, ihre Welpen wollen ihren Hunger stillen und trinken am leblosen mütterlichen Kadaver.

Auszüge aus den Leserbriefen von Montag und den Folgetagen:

“Als ich am Sonntag die ‘Kronen Zeitung’ aufgeschlagen habe, hat mich fast der Schlag getroffen. UNFASSBAR” (21. 11.) … “mir schossen sofort die Tränen in die Augen” (21. 11.) … “jeder, der ein bisschen Herz hat, wird diese grauenvollen Bilder nie mehr vergessen können” (23. 11.) … “Bilder des Grauens. Erschütternde Bilder, die sich tief in unser Hirn eingebrannt haben. Bilder, die man nie mehr vergisst, herzerschütternde Bilder, die um die Welt gehen.” (25. 11.)

25. November: Peter Westenthaler (BZÖ) kündigt in einem Leserbrief an die “Kronen Zeitung” parlamentarische Maßnahmen an.

Die beeindruckende Reportage der sehr engagierten Frau Entenfellner [...] hat mich dazu veranlasst, Ideen zu entwickeln, wie das offizielle Österreich gegen diesen Tier-Massenmord protestieren könnte.

"Kronen Zeitung", 25. 11. 2011, S. 32[...] Schließlich werde ich auch bei der nächsten Parlamentssitzung einen entsprechenden Antrag für eine offizielle Protestnote einbringen. Lasst uns alle gemeinsam – Politik und Sport – gegen dieses Tierleid kämpfen!

Vorsitzender des parlament. Sportausschusses

Abg. Peter Westenthaler

27. November: Die “Kronen Zeitung” startet eine große Hilfsaktion und bittet ihre Leser um Geldspenden. Dabei lässt sie durchblicken, wie hilfreich das trügerische Foto aus dem Internet für die bisherige Kampagne war:

Die furchtbaren Bilder von Welpen, die sich an ihre blutüberströmte, totgeschossene Mutter schmiegen, und von fahrbaren Krematorien haben einen Aufschrei des Entsetzens ausgelöst. [...] Bitte spenden Sie! Verein “Freunde der Tierecke”


29. November: Heinz-Christian Strache besucht die “Krone”-Redaktion und spendet namens der FPÖ 15.000 (!) Euro für die Versorgung heimatloser Tiere in der Ukraine. Im Gegenzug gibt es Erinnerungsfotos auf Facebook und in der “Kronen Zeitung”.



30. November: Kurzer Schauplatzwechsel nach Rumänien. Auf der Facebook-Seite der “Krone Tierecke” schreibt Maggie Entenfellner entsetzt:

Liebe Freunde! Dieses Bild des Jammers habe ich eben erhalten – es kommt aus Rumänien. Es anzusehen tut einfach nur weh – Menschen die einem hilflosen Lebewesen so etwas tun – können kein Herz, keinen Verstand und kein Gefühl haben.

(699 Kommentare)

Machen wir’s kurz: Das Foto stammt nicht aus Rumänien, sondern aus Mexiko. Mit ca. 10.000 Kilometern ein neuer Rekord im Welpenweitwurf. Und dem kleinen Racker geht’s auch schon wieder viel besser.

(Hoffentlich prüft die “Krone” bei der Spendenvergabe genauer, ob die Geschichten auch stimmen, in die das Geld der Leser fließt. Spendengütesiegel trägt der Verein “Freunde der Tierecke” jedenfalls keines. Und im Internet sind auch keine Jahres- und Finanzberichte auffindbar, im Gegensatz zu anderen Tierschutzvereinen, die zum Teil vielleicht deutlich weniger Spenden einnehmen.)

3. Dezember: Peter Westenthaler fordert nun auch in einer OTS-Aussendung Maßnahmen der österreichischen Regierung und der EU gegen “das bestialische Hundemorden in der Ukraine”. Er lässt wenig Zweifel, was ihn mit am stärksten dazu bewogen hat:

[...] Das blanke Entsetzen lösten und lösen in diesem Zusammenhang veröffentliche Bilder aus, auf denen Welpen zu sehen sind, die sich an ihre blutüberströmte Mutter schmiegen”, so Westenthaler [...]

9. Dezember: Das Parlament reagiert einstimmig mit einem Entschließungsantrag auf den Bericht der “Kronen Zeitung”. Die freut sich über die politischen Prioritäten im Land:

Alle Parteien gegen Mord an Hunden in der Ukraine!

Wenn schon nicht bei der Schuldenbremse, so sind sich Österreichs Politiker wenigstens im Kampf gegen Tierleid einig [...] Wie berichtet, hatte „Krone“-Tiereckenchefin Maggie Entenfellner den unfassbaren Skandal der grausamen Säuberungsmaßnahmen aufgedeckt.

Wirklich lauter falsche Hunde in der “Krone”, der in diesem Bericht stammt in Wahrheit aus Rumänien.

9. Dezember: Das ORF Servicemagazin “Konkret” berichtet über die Hilfsaktion der “Krone-Tierlady” und ORF-Moderatorin. Um das Tierleid in der Ukraine zu illustrieren zeigt “Konkret” ein Video (“Quelle: Internet”), in dem ein Hund lebendig in eine Müllpresse geworfen und darin scheinbar zerquetscht wird.

Dazu der Sprecher:

[...] Weil für Plätze in Tierheimen aber kein Geld da ist, werden viele Hunde von Müllwagen einfach entsorgt. [...]


(Bild anklicken für Animation, 2 MB)


Das angeblich ukrainische Video des ORF war schon 2005 in der Dokumentation “Earthlings” zu sehen. Die gezeigte Szene dürfte in der Türkei laut einer Kobuk-Leserin in Indien aufgenommen worden sein und ist vermutlich gestellt: Zum einen stoppt die Presse in ungefährlicher Position, sobald der Hund nicht mehr sichtbar ist. Zum anderen ist kurz zuvor für einen Sekundenbruchteil eine zweite, professionelle Kamera am linken Bildrand sichtbar.



Wag the Dog 2.0

Ich fürchte, wie es tatsächlich um die Hunde in der Ukraine steht, kann derzeit niemand von uns beurteilen. Weil Journalisten ihren Job nicht mehr machen und nur Schockpropaganda aus dem Internet durchschleusen, die eine politische und teilweise auch wirtschaftliche Agenda verfolgt.

Das alles ist schon erschreckend nah an der Filmsatire “Wag the Dog”. Um das US-Volk mit einem gefakten Video auf die schreckliche Lage in Albanien einzustimmen, soll im Filmstudio eine junge Frau vor scheinbaren Unruhen fliehen — mit einem Kätzchen einer Tüte Tortilla-Chips im Arm:

Regisseur: Halt die Tüte gut fest, wir brauchen die für die Armhaltung. Im Bild ist sie dann ein Kätzchen.
Darstellerin: Könnt’ ich ein Kätzchen halten?
Regisseur: Nein, das kopieren wir nachher rein — genau da.
Darstellerin: Sie kopieren das Kätzchen nachher rein, warum?
Regisseur: Um mehr Möglichkeiten zu haben.
Darstellerin: Was für Möglichkeiten denn?
Regisseur: An Kätzchen!

Jede Ähnlichkeit mit realen Ereignissen und lebenden Personen ist rein zufällig.


Stellungnahmen

(Eingeholt von Helge Fahrnberger)

Ich habe Frau Entenfellner von der “Krone”-Tierecke und die Redaktion von “Konkret” um Stellungnahmen zu den Hinweisen ersucht, dass die verwendeten Aufnahmen nicht aus der Ukraine stammen und nicht aktuell seien. Frau Entenfellner antwortete mir mit dem Satz:

Wir haben die Bilder von Tierschützern aus der Ukraine erhalten.

Auf meine Nachfrage, ob die Authenzität der Aufnahmen in irgendeiner Weise überprüft wurde, sagte mir Frau Entenfellner telefonisch, dass sie keine Möglichkeit habe, die Echtheit solcher Fotos zu überprüfen, da sie bisher nicht in der Ukraine gewesen sei (Kobuk übrigens auch nicht) und sich erst morgen auf den Weg mache. Die Information über das auf Facebook gespostete Welpenfoto habe sie aber bereits richtig gestellt. (Wer findet die Richtigstellung auf Facebook zuerst?)

Eine falsche Herkunft aller anderen verwendeten Fotos würde sie stark verwundern, da sie wegen der anlaufenden LKW-Hilfslieferungen ständig mit den ukrainischen Behörden in Kontakt stehe und diese sie wohl darauf hingewiesen hätten. Wir sollten aber nicht nur die “Krone”, sondern auch andere kritisieren, die diese Bilder verwenden, wie bespielsweise Tierschützer. Auf meinen Einwand, dass wir diese nicht kritisieren, da Kobuk nur für Medien zuständig ist, fragte Maggie Entenfellner:

Gilt Facebook als Medium?

(Wenn das kein Hinweis auf den “medialen” Ursprung der “Krone”-Bilder ist.) Inzwischen gibt es auch eine ausführlichere Stellungnahme auf ihrer Facebook-Seite, inklusive einer kurzweiligen Diskussion.

Der Sendungsverantwortliche von Quelle: Fernsehen “Konkret”, Edwin Möser, ließ mir folgenden Text schicken:

Beim gezeigten Material – das auch ausdrücklich mit der Quellenangabe “Internet” versehen wurde – handelt es sich um ein You-Tube-Video, das offenbar zum Thema “Hundetötung in der Ukraine” ins Internet gestellt worden war. Die “konkret”-Redaktion hat dieses Material nur als Genre-Bild verwendet, um damit die Erzählungen von Augenzeugen der Tiertötungsmethoden in der Ukraine zu dokumentieren. Sollte es sich tatsächlich um Material handeln, das fälschlich unter diesem Titel ins Internet geraten ist, bedauert die “konkret”-Redaktion diesen Irrtum. Der Sachverhalt wird jedenfalls noch einmal genau geprüft. An der Tatsache, dass in der Ukraine anlässlich der Fußball-EM viele Hunde getötet werden sollten und bislang auch getötet wurden, ändert dies jedoch nichts.

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Krone.at, Oe24.at: Die Leiden des jungen Werthers 2.0


Krone.at und Oe24.at zeigen, wie man im Sinne der Suizidprävention nicht über einen Selbstmord berichtet.

Ludwig Hirsch ist letzte Nacht verstorben. Wien.orf.at berichtet sehr zurückhaltend und nennt auf Wunsch der Familie Hirschs keine Details:

Auch das Wilhelminenspital bestätigte zuletzt, dass Hirsch in der Früh im Haus verstorben war. Genauere Auskünfte könne man auf ausdrücklichen Wunsch der Familie jedoch nicht geben, hieß es seitens des Krankenanstaltenverbunds (KAV).

Über den Wunsch der Familie berichten zwar auch Krone.at und Oe24.at – allerdings erst, nachdem sie den Freitod Hirschs in allen verfügbaren Details ausgeschlachtet haben.

Krone.at erklärt im zum Artikel gehörenden Video sogar ganz stolz, dass “ein Reporter der Krone herausgefunden hat”, in welcher Abteilung sich der Musiker befunden hatte. Beide Medien verpacken schon in Dachzeilen, Überschriften und Einleitungen alle Details über Ort und Methode des Selbstmordes. Dabei sollten JournalistInnen sehr genau wissen, wie man über einen Selbstmord berichtet, um den sogenannten Werther-Effekt zu vermeiden. Zumindest könnten sie im Leitfaden zur Berichterstattung über Suizid des Wiener Kriseninterventionszentrums (PDF, ca. 300KB) nachlesen, dass u.a.

  • erhöhte Aufmerksamkeit der Medien
  • sensationserregende Sprache
  • Details zur Person (Alter, Beruf, Geschlecht, …) und
  • genaue Angaben zum Ort des Selbstmordes

eine Nachahmung wahrscheinlicher machen.

Die Berichterstattung von Krone.at und Oe24.at zielt ohne Rücksicht auf Verluste auf hohe Klickraten und einen “spannenden” Artikel ab – ohne Rücksicht auf die Vermeidung etwaiger Nachahmungstaten. Das verrät viel über die ethischen Grundsätze dieser Medien.

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Beim Prozentrechnen auf den Hund gekommen

Drastische Erhöhung der Hundesteuer in Wien! Wie drastisch, scheint für viele JournalistInnen nebensächlich zu sein. Denn Orf.at, Kleine.at, Krone.at, Oe24.at, Wienerzeitung.at, DerStandard.at und DiePresse.com verwendeten offenbar mehr Zeit darauf, möglichst süße Hundefotos zu finden, als nachzurechnen: Eine Änderung 43,60€ auf 72€ entspricht einer Erhöhung von 65,14%.

Den Ursprungsfehler dürfte die APA gemacht haben, auf die sich die meisten Medien beziehen. Einige Medien haben den Fehler inzwischen unauffällig korrigiert.

Den Hundefoto-Kindchenschema-Wettbewerb hat meines Erachtens übrigens Krone.at gewonnen.

Nachtrag: Inzwischen haben alle der genannten Medien den Fehler ausgebessert.

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Die Krone: Valium für das Volk

Ob Priester im Notstand, Polizisten in “Notwehr” oder ein Minister, der zu schön um wahr zu sein. Was die “Krone” auszeichnet, ist ein untrügliches Gespür, wann den Mächtigen und Institutionen des Landes Unrecht widerfährt. Schlagen sich andere Medien allzu leichtfertig auf die Seite der Schwachen, Gepeinigten und Übervorteilten, weiß die “Krone” um ihre staatstragende Verantwortung als Blitzumleiter des Volkszorns: Würde auch sie Öl in die schwelenden Feuer gießen, geriete womöglich das Gefüge des Landes ins Wanken — und am Ende noch sie selbst.

Drum hört nicht auf jene, die unser Land schlechtschreiben. Lasst uns in Leserbriefen gemeinsam den immer gleichen Mond anheulen. Aber stellt keine neuen Fragen, ruft nicht nach Aufklärung. Österreich ist schön. Die Kirche ist heilig. Grasser der Beste. Und unsere Banken sind sicher!

“So sicher sind unsere Banken — Experten bestätigen, dass man sich keine Sorgen machen muss”
(Kronen Zeitung, 29.10.2011, S. 10)

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Der Inzest-Opa und die Journalisten-Richter-Henker-Meute (Update)

Da müht man sich ab, in den besten Redaktionen des Landes,

("Krone", 26. 8. 2011)

trotzt mit gefüllter Portokassa den kleinkarierten Beschränkungen des Medienrechts

("Österreich", 27. 8. 2011)

und pfeift auf journalistische Moral und Ehrenkodex sowieso.

("Österreich", 28. 8. 2011)

Immerhin hat man einen Informationsauftrag zu erfüllen. Muss den Lesern ein gnadenlos recherchiertes Bild vermitteln, über diesen abartigen Eigenbrötler, der sich nie am Gemeindeleben beteiligte und in keinem Verein war:

("Österreich", 27. 8. 2011)

Außer beim ASKÖ, über 60 Jahre — doch was kümmern uns unsere Lügen vom letzten Tag? Heut ist wahr. Gestern war.

("Österreich", 28. 8. 2011 - man beachte auch die gepixelte Radkappe)

Und dennoch gibt es immer noch Menschen, die diesem “Inzest-Monster” die … Stange halten:

("Krone", 28. 8. 2011)

Die trotz aller Aufklärungsarbeit der Top-Journalisten-Richter-Henker dieses Landes erst ein Gerichtsurteil abwarten möchten, oder zumindest die offizielle Anklage, bevor sie sich über diesen Mann — von dem sie derzeit gesichert nur wissen, dass er von seinen Töchtern mehrere Tage hilflos am Boden liegen gelassen wurde und nun schwer von ihnen beschuldigt wird — ihr eigenes Urteil bilden. Ja lesen diese Menschen denn keine Zeitung?!

Ein “Heute”-Redakteur bringt kopfschüttelnd und leicht fassungslos auf den Punkt, was er von der Einstellung solcher Bürger hält, die das mediale Vor-Urteil infrage stellen:

("Heute", 29. 8. 2011)

Wahnsinn!



Update 9.9.2011: Der Verdächtige wurde heute aus der U-Haft entlassen. Die Inzest-Vorwürfe waren Medienberichten zufolge ein Missverständnis bei der Einvernahme der beiden geistig beeinträchtigten Schwestern. Und jetzt einfach noch mal die Bilder anschauen, in diesem Artikel.

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Weltweit teuerste Parkgarage in Graz? Falsch!

Wer in der Grazer Innenstadt sein Auto in eine Parkgarage stellt, muss ordentlich blechen. Zumindest laut einer “Studie” des Webportals Hotelreservierung.de. Darin wurden 339 Parkhäuser in ganz Europa verglichen, und die Stadt Graz ist absoluter Preis-Spitzenreiter. Durchschnittlich zahle man hier 62 Euro pro Tag:


Aber es kommt noch teurer:

So kassiert ein Parkhaus in Graz in Österreich sage und schreibe 96 Euro [für ein Tagesticket, Anm. des Autors], was 573% über dem internationalen Schnitt von 14,27€ liegt.

96 Euro pro Tag! Wahnsinn! Dem Horrorpreis liegt eine einfache Rechnung zugrunde: 4 Euro Stundenpreis x 24 Stunden = 96 Euro. Diese  Milchmädchenrechnung kam zustande, weil für die Studie nur online recherchiert wurde und für Graz gerade einmal zwei Parkhäuser (statt etwa 30) herangezogen wurden (ganz unten im Bild, unter dem Punkt Erhebungsbasis). Und auf der Website des Parkraumservice Graz fand man bis vor wenigen Tagen eine wichtige Info noch nicht: Dass es jeweils ein Tagesmaximum von 40 Euro gibt. Könnte man aber, zum Beispiel, leicht per Telefonat oder über die Arbeiterkammer (PDF) herausfinden. Die knapp 100 Euro pro Tag sind also falsch, ebenso der Grazer Durchschnitt von 62 Euro, der liegt laut Arbeiterkammer-Tabelle etwa bei 23 Euro.

Trotzdem kam der Bericht über die horrenden Parkgaragenpreise in Graz in zahlreichen österreichischen Medien. Beispielsweise auf Orf.at, wo der unbekannte Autor pflichtbewusst angibt, die Geschichte online gegenrecherchiert zu haben. Und da fand er eben kein Tagesmaximum. Vielleicht wäre hier die gute alte Telefonrecherche besser gewesen. Auf DerStandard.at ist zudem verwirrterweise einmal von 93, einmal von 96 Euro die Rede.

Dass es auch anders geht, zeigt die Kleine Zeitung. Dort hat man sorgfältiger recherchiert und bei Parkraummanager Günter Janezic nachgefragt.

Danke an Lukas A. für den Hinweis via Facebook.

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Wikipedia-Autoren texten gratis für Agenturmeldung

Der Wikipedia-Artikel über Janet Jackson beginnt mit:

Mit mehr als 130 Millionen verkauften Tonträgern gilt sie als eine der erfolgreichsten Interpretinnen der 1990er Jahre.

Dem Satz konnte die APA offenbar nicht widerstehen, als sie erfuhr, dass Janet Jackson den diesjährigen Lifeball besuchen wird:

Die Presse.com:

Krone.at:

ORF.at:

Keiner Nur einer dieser Artikel ist übrigens mit dem Kürzel der APA versehen.

Update: Den Satz dürfte bereits die Presseabteilung des Life Balls abgeschrieben haben, denn er stand in deren Presseaussendung. Danke an “Fg68at” für den Hinweis in den Kommentaren.

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Merkel beim Autofahren fast mit Hubschrauber abgestürzt

Laut einem Artikel auf Heute.at hatte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangenen Mittwoch großes Glück bei einem Helikopterflug:

Beide Antriebsturbinen fielen aus, konnten erst wenige hundert Meter über dem Boden wieder gestartet werden.

Weiter heißt es:

Der Helikopter landete zunächst in Offenburg, beim Weiterflug nach Oberschleißheim kam es schließlich zu technischen Komplikationen.

Was man bei diesem Satz vergessen hat, ist die Information, dass Angela Merkel in Offenburg bereits ausgestiegen war, um einen Wahlkampftermin wahrzunehmen. Der Hubschrauber, nun ohne Merkel, flog daraufhin nach einem Tankstopp zurück zu seiner Einsatzbasis, als sich nach gut 200 Kilometern der Beinahe-Unfall ereignete. Die Kanzlerin selbst war also nie in Gefahr. Von “Merkel entging nur knapp Helikopter-Unfall” (Krone.at) kann also keine und von “Merkel stürzte beinahe mit Hubschrauber ab” (Heute.at) erst recht keine Rede sein.

Der Spiegel-Online titelte “Merkel-Hubschrauber entgeht nur knapp Absturz” und ergänzte:

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels entstand der Eindruck, Merkel habe zum Zeitpunkt des Beinahe-Unglücks noch in dem Helikopter gesessen. Dies war nicht der Fall. Wir entschuldigen uns für die Unklarheit.

Großartig auch das kleine Schaubild auf Bild.de, das das dramatische Ereignis zusammenfasst. Besondere Aufmerksamkeit bitte auf das kleine Auto am unteren Rand!

Das BILDblog hat eine Übersicht über weitere deutschsprachige Medien.

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“Österreich” und Krone: 2007 war es kalt

Österreich” und Krone.tv zeigen das Video eines spektakulären, neuen Naturphänomens: Wellen frieren derzeit an der kanadischen Ostküste ein. Seltsam nur, dass der gezeigte Videoausschnitt aus einem Video stammt, das schon 2007 bei YouTube hochgeladen wurde, also nicht ganz so aktuell ist:

“Österreich” hat das Video von einer Frau neu einsprechen lassen. Aktuell ist es dennoch nicht. Auch wenn es in Neufundland derzeit Minus-Grade hat.

Danke für den Hinweis von Oliver Ritter.

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Krone und “Österreich” bringen Spaßvoting als ernste Titelstory

Seriöse, repräsentative Umfragen haben zwei Haken: Sie kosten Geld. Und sie brauchen Zeit. Offenbar zu viel für “Österreich” und Kronen Zeitung.

Online-Umfragen, wie man sie auf nahezu allen Medienportalen findet, sind reine Unterhaltungselemente ohne höheren Anspruch. Sie ermöglichen auf einfache Weise Interaktivität und können zu einem gewissen Grad ein Stimmungsbild unter den aktuellen Besuchern der eigenen Website zeichnen.

Für mehr langt’s aber nicht. Dafür sind diese Votings meist zu anfällig für Manipulationen und in der schwer verzerrten Stichprobe sind naturgemäß nur Internetbenutzer enthalten, die die Website kennen, sie zufällig (oder aufgrund einer Kampagne) im Votingzeitraum besucht haben und die das Thema dann auch noch interessiert hat.

Ähnlich treffsicher wie Horoskope, sind die Ergebnisse derartiger Umfragen — abgesehen von Zufallstreffern — nie repräsentativ. Meist nicht mal für die Besucher der eigenen Website und schon gar nicht für die gesamte Bevölkerung. Aber wer wäre schon so größenwahnsinnig, das von seiner popeligen Web-Umfrage zu behaupten?

Nun, die laut Eigendefinition größen… äh “größte Tageszeitung der Welt” zum Beispiel. Die Kronen Zeitung, letzten Samstag. Und das nicht als Praktikantenübung, gut versteckt im Blatt, sondern richtig groß, als Titelstory. Tatsächlich eine “Niederlage für die Bildungspolitik”, aber anders als die Krone meint:

Exklusiv-Umfrage [sic!] — Niederlage für die Bildungspolitik
Sitzenbleiben: 69 % gegen Abschaffung!

Und die laut Eigendefinition “beste Zeitung”, “Österreich”, am selben Tag. Natürlich auch am Cover. Gestern Reisebüro, heute Umfrage-Institut — bei dem berüchtigt flexiblen Selbstverständnis dieser Zeitungssimulation auch schon egal:

ÖSTERREICH-Umfrage zur Schule:
67 % gegen Aufsteigen mit Fünfer

“Österreich” weist immerhin im Artikel auf die Art der Umfrage hin. Überlässt die Schlussfolgerungen daraus allerdings dem Leser:

Die Mehrheit der Bevölkerung sieht das scheinbar [sic!] anders: In einer Umfrage auf dem ÖSTERREICH-Portal oe24.at sprachen sich gestern 67 Prozent gegen Schmieds Plan aus, nur 33 Prozent wollen das Sitzenbleiben abschaffen.

Wohlweislich verzichtet wird auf die Angabe der vermutlich beeindruckend niedrigen Zahl der abgegebenen Stimmen bei dieser online nicht mehr auffindbaren Umfrage (sofern sie je existiert hat).

Dümmer als “Österreich” lässt die Kronen Zeitung im Artikel ihre Leser sterben. Dafür gibt sie sich um so selbstbewusster:

Nach dem Debakel mit dem Lehrermangel die nächste Schlappe: [...] für die Mehrheit der Österreicher [steht] fest: Die Ehrenrunde soll bleiben! In einer “Krone”-Umfrage sind knapp 70 % für das Wiederholen einer Klasse.

Die meisten Leser werden hier eine repräsentative Umfrage vermuten, die vom Blatt bei einem Institut in Auftrag gegeben wurde. Dafür stand der Ausdruck “Krone-Umfrage” früher mal. Nur wer wirklich danach sucht, findet — unter der großen Grafik, in der kleinsten Schrift, die es im Layout gibt — ganz kleinlaut den entscheidenden Hinweis, dass die “Exklusiv-Umfrage” auf dem Samstags-Cover ein Blindgänger eine Blendgranate ist:

Quelle: “krone.at”-Umfrage, 900 abgegebene Stimmen

(“Krone.at-Umfrage” hat übrigens genauso viele Zeichen wie “Exklusiv-Umfrage”. Am Platz kann’s also nicht gelegen haben, dass man sich auf dem Titelblatt für letzteres entschied.)

In einer repräsentativen Umfrage 2009 für das Magazin “Format” haben sich übrigens noch 57 % der Österreicher für die Abschaffung des Sitzenbleibens (und stattdessen Nachholen des Lehrstoffs in Extra-Kursen) ausgesprochen. Und weiter hieß es dort:

Mit steigender Bildung spricht sich sogar eine klare Mehrheit für das Abschaffen des Sitzenbleibens aus.

Dass sich auf krone.at und oe24.at hingegen eine klare Mehrheit der Voter dagegen ausgesprochen hat, sollte nicht zu dem Schluss verleiten, dass doch was dran sein könnte, an Online-Votings.

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