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Kategorie: ORF

Mit dem Titel „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ strahlt der ORF am Montag, 16. März, eine Dokumentation über die heute 38-Jährige aus. Im Programmtext steht ihr derzeitiger Gesundheitszustand im Fokus. Damit löst der Sender noch vor der Erstausstrahlung weltweit Berichte über ihren höchstpersönlichen Lebensbereich aus. Ein schwerer Fehler. 

„Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung: Die 38-jährige Natascha Kampusch hat einen Zusammenbruch erlitten“, beginnt die Beschreibung der neuen Dokumentation im ORFTV-Programm. Damit ist der Ton gesetzt. „Bewegt vom heutigen Zustand“ der Frau würden „Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen schonungslos Stellung“ beziehen, verspricht die Ankündigung weiter. Wortgleich veröffentlicht der ORF dazu am Donnerstag auch eine Presseaussendung.

Die PR schlägt ein. Sie führt noch am selben Tag zu einer Flut an Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien. Heute sorgt der Inhalt sogar für internationale Berichterstattung. Die Berichte sind allesamt problematisch: Sie teilen höchstpersönliche Informationen, die nicht von Kampusch selbst stammen. Was hat der ORF hier losgetreten – und warum?

ORF prescht vor

Trumps Desinformation hat in deutschsprachigen Schlagzeilen leichtes Spiel. Ob die dokumentierten Erschießungen von Renee Good und Alex Pretti oder die Drohung, Grönland zu annektieren – Medien berichten oft so, als läge die Wahrheit irgendwo zwischen der Propaganda aus dem Weißen Haus und den erwiesenen Fakten. Ein Rückblick auf drei große und mehrere kleine Fälle, in denen Lügen einfach durchgereicht wurden.

Collage deutschsprachiger Schlagzeilen zu Trump, ICE-Einsätzen und Außenpolitik: Überschriften zu Alex Prettis Tod, angeblicher „Notwehr“, Trumps Aussagen, Angriffen vor Venezuela und dem „Interesse“ an Grönland – Beispiele für relativierende oder unkritisch übernommene Narrative.

Am 24. Jänner erschießt ein Mitarbeiter der US-Einheit ICE den 37-jährigen Alex Pretti. Ein Video zeigt, wie innerhalb weniger Sekunden mindestens zehn Schüsse fallen, Pretti liegt da schon längst am Boden. Die Weltöffentlichkeit sieht, dass der Mann, der ihn erschießt, nicht in Gefahr war. Die US-Regierung behauptet Gegenteiliges, spricht von „Notwehr“.

Trotz der eindeutigen Bilder gibt aber beispielsweise die Kronen Zeitung in ihrer Titelzeile die Version des US-Heimatschutzministeriums wieder: „Ministerium zu Todesschüssen: ‚Plante Massaker‘“. Auch Vol.at, News die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten machen das am nächsten Tag mit der APA-Headline „US-Grenzschutz zu Schüssen in Minneapolis: Beamte sind Opfer“. Auf Orf.at schreibt man zunächst nur vorsichtig: „Zweifel an Darstellung von US-Regierung“, ändert die Headline ein paar Stunden später aber in die deutlichere Variante „Video widerspricht Ministeriumsdarstellung“.

Dass Medien die Täter-Opfer-Umkehr der US-Regierung in ihre Schlagzeilen heben und Widersprüche als „Zweifel“ lesen, zeigt vor allem: Es ist noch nicht angekommen, dass Meldungen aus dem Weißen Haus in vielen Fällen bewusste Desinformation sind, die von dem, was tatsächlich passiert ist, ablenken soll. Drei Fakten, die viele Medien nicht klar benannt haben:

Die Boulevard-Berichte über den Tod von Johanna G. sind an Voyeurismus kaum zu überbieten. Während die Redaktionen private Details der Getöteten ausschlachten, stilisieren sie den mutmaßlichen Täter zur erzählbaren Figur. Das macht die Frau zum zweiten Mal zum Opfer.

Collage mehrerer Boulevard-Schlagzeilen von Heute, oe24.tv, Weekend.at und Kosmo, die den Tod von Johanna G. als angeblichen „Sex-Unfall“ darstellen. Zu sehen sind Überschriften, in denen die Verteidigungsversion des mutmaßlichen Täters dominiert und seine Anwältin prominent inszeniert wird.

„Ich darf Sie eindrücklich darum ersuchen, ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung an den Tag zu legen“ – mit diesen Abschlussworten wendet sich Markus Lamb, der Pressesprecher der Polizei, an die anwesenden Medienvertreter:innen. Es ist der 14. Jänner, die Landespolizeidirektion Steiermark hat zur Pressekonferenz nach Leichenfund“ geladen. Es geht um den mutmaßlichen Mord der zuvor als vermisst gegoltenen Südsteirerin Johanna G.

„Ethisch und moralisch vertretbar“ ist das, was Wiener Boulevardmedien seitdem veröffentlichen, jedenfalls nicht. Sie geben dem Opfer in mehreren Berichten eine Mitschuld und lassen die Verteidigung des Täters (es sei ein „Sex-Unfall“ gewesen) dominieren. Fotos aus Ermittlungsakten werden auf Doppelseiten abgedruckt, die Tat als „tödliches Geschehen“ oder „Würgespielchen“ verharmlost. Wir haben uns die zentralen Erzählmuster angesehen.

Disclaimer: Es fällt nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Einerseits wollen wir nicht reproduzieren, was an Gerüchten und Spekulationen herumkursiert und den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers betrifft. Andererseits müssen wir adressieren, wie unbedacht andere Medien mit genau diesen Informationen umgehen. Wir versuchen aber, nur dort explizit zu werden, wo es notwendig ist, damit man unsere Kritik nachvollziehen kann. Und wir verzichten darauf, wie sonst üblich, die kritisierten Artikel zu verlinken.

Mitschuld des Opfers

Am 17. Jänner titelt das Boulevardblatt Oe24: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Dazu ein Bild des Täters in Siegerpose – ein Freudenschrei, beide Hände zu Fäusten in die Luft gestreckt. Rechts oben im Eck ein viel kleineres Foto von Johanna G., die er mutmaßlich getötet hat. Sie bekommt eine minimale Verpixelung um die Augen, er einen schwarzen Balken.

Man stelle sich folgende Szene vor: Die größten Fastfood-Restaurants in Österreich gehen gemeinsam zum ORF und wünschen sich dort eine neue Sendung. Ein wöchentliches „Infomagazin“ zum Thema Ernährung, aber ausschließlich mit Fokus auf Fastfood. Es werden die Vorzüge von Fastfood erläutert, es gibt hochglanzgefilmte Einblicke in die Produktion und Entwicklung. Probleme werden nur thematisiert, um auf die innovativen Lösungen der Hersteller zu verweisen. Kleinere Nachteile lassen die zahlreichen Vorzüge noch überzeugender erscheinen. Und was sich nicht kleinreden lässt, wird mittels lehrreicher Verbrauchertipps geschmeidig an die Eigenverantwortung der Kundschaft abgewälzt. Und die Programmverantwortlichen im ORF sagen: „Das ist eine wunderbare Idee, so machen wir das!“

Unvorstellbar? Nun, genau dieses Kunststück ist dem Arbeitskreis der Automobilimporteure (einem Zweig der österreichischen Industriellenvereinigung) gelungen.

Am 1. September berichtete die Financial Times über GPS-Sabotage im Flugzeug von Ursula von der Leyen. Der Flugradar-Dienst Flightradar24 widerspricht und sieht keine Unregelmäßigkeiten. Die Fakten beinhalten viele Grau-Töne, die in den meisten Medien zwischen Alarmismus und „Fake News“-Rufen untergehen.

Screenshot eines „Financial Times“-Artikels mit der Schlagzeile: „Ursula von der Leyen’s plane hit by suspected Russian GPS interference“. Im Text wird erwähnt, dass die Landung mit Papierkarten erfolgt sei. Darunter ein Foto von Ursula von der Leyen, wie sie eine Flugzeugtreppe hinuntersteigt. Oben steht in weißer Schrift: „Stimmt die Geschichte?“ Unten rechts das Kobuk!-Logo.

Henry Foy ist Chef des Brüssel-Büros der Financial Times. Er hat Ursula von der Leyen zuletzt auf ihrer viertägigen Tour durch Osteuropa begleitet. Am Sonntag, den 31. August, sind sie von Warschau nach Bulgarien geflogen. Aber im Landeanflug auf die Stadt Plovdiv im Zentrum des Landes passierte etwas Merkwürdiges: „(…) we lost altitude. We came down to praying for landing, and then all of us on board realised that we were circling the airport. We had been for a while“, erzählt Foy zwei Tage später im hauseigenen Podcast FT News Briefing.

In den Stunden und Tagen nach dem Amoklauf in Graz zeigten einige Medien eine besonders unrühmliche Seite – geprägt von Spekulationen, verstörenden Bildern und unangebrachten Besuchen.

Am Dienstag erschütterte ein Amoklauf an einer Grazer Schule das ganze Land. Während Einsatzkräfte versuchten, die Lage unter Kontrolle zu bringen und Angehörige betreut wurden, übertrafen sich viele Medien in medienethischen Verfehlungen: Sie spekulierten über Motive, zeigten Aufnahmen der Opfer und veröffentlichten identifizierendes Material. Ein Überblick über die schwerwiegendsten Verstöße gegen journalistische Sorgfaltspflichten der letzten beiden Tage.

Klicks über alles – das Problem mit dem Opferschutz

Screenshots von Berichten, die mit Videos Clickbaits generieren wollen. Dazu gehören Kronen Zeitung, Auf1, Exxpress und Servus TV.

In zahlreichen Medien ist zu lesen, dass Österreichs Luftraum „unüberwacht“ sei. Das hat faktisch nie gestimmt. Das Verteidigungsministerium dementierte die Berichte allerdings nicht – und hat dafür offenbar Gründe.

„Luftraum über Österreich seit Freitag ungeschützt“, berichtet die Kronen Zeitung am 17. November. Und weiter: „Seit Freitagnachmittag kann am Himmel über Österreich theoretisch jeder machen, was er will.“ Man meint einen neuen Missstand beim österreichischen Bundesheer aufgedeckt zu haben.

Zahlreiche Medien übernahmen die Geschichte, mal reißerischer, mal weniger. Die Kernbotschaft vermittelten sie jedenfalls allesamt: Der Luftraum über Österreich sei ungeschützt. Neben Heute und Oe24 verbreiteten auch Der Standard, Kurier und der ORF die Schreckensnachricht.

Dabei hätte schon ein bisschen Recherche gereicht, um erstens die Fakten zu ermitteln und zweitens den Spin zu riechen, der hier offenbar verbreitet wurde.

Doch der Reihe nach. Mit „Luftraum ungeschützt“ ist gemeint, dass am 16. und 17. November die Eurofighter nicht starten konnten. Der Grund dafür ist ein Überstundenabbau bei Fluglotsen.

In vielen österreichischen Onlinemedien erscheint regelmäßig Werbung für illegale Online-Casinos. Dazu kommt noch Werbung für legales Glücksspiel, die oft nicht als solche zu erkennen ist. Unsere Recherche zeigt: Das sind keine Einzelfälle, sondern hat System.

Die Bundesregierung hat seit ihrem Amtsantritt dutzende Pressereisen organisiert und bezahlt. Über 480 Berichte in allen großen Printredaktionen sind dazu erschienen. Eine Auswertung von Kobuk zeigt, dass in nur 17,5 Prozent der Artikel transparent gemacht wird, wer diese Reise eigentlich bezahlt hat. Ein klarer Verstoß gegen den Ethikkodex des österreichischen Presserates.

Pressereisen sind so eine Sache. Bei vielen Journalist:innen sind sie beliebt – man kommt zur Abwechslung mal raus aus dem Büro und kann sich niederschwellig ein eigenes Bild von einem Ort oder einem Event machen. Wenn Politiker:innen die Reise bezahlen, dann bekommen Journalist:innen außerdem oft wertvolle Gelegenheiten, sich mit ihnen und ihren engsten Mitarbeiter:innen besser bekannt zu machen. Kontakte, die im kleinen Österreich Gold wert sein können.

Politiker:innen finanzieren solche Reisen freilich nicht ohne Hintergedanken. Sie wollen von der Berichterstattung in irgendeiner Weise profitieren. Dafür haben sie auch viele Hebel in der Hand: Sie organisieren die Reise und damit auch den Ablauf – und haben so einen großen Einfluss darauf, wer, wann, was zu sehen bekommt. Es wäre illusorisch zu glauben, dass Journalist:innen auf solchen Reisen völlig frei berichten können. Dennoch stehen die Reisen quasi an der Tagesordnung – von Hanoi bis München.

Berichte im Rahmen von Pressereisen

Heute-Chefredakteur Christian Nusser sieht seine Zeitung zu unrecht an den Pranger gestellt. Auch andere Medien haben in den vergangenen Jahren ungewöhnlich viel Inseraten-Geld vom Finanzministerium bekommen. Hat er damit Recht? Die Kurzfassung: Er hat jedenfalls nicht völlig unrecht.

Inserate aus der öffentlichen Hand sind in Österreich so eine Sache. Die Regierung kann über die Ministerien praktisch unbegrenzt viel Steuergeld an Medien überweisen. Es gibt keine Gesetze, die etwa den Rahmen, den Zweck,  oder eine verpflichtende Evaluierung über die Wirksamkeit solcher Werbeausgaben festlegen. Und sagen wir mal so: Nicht nur wir bei Kobuk hatten in den letzten Jahren immer wieder die Vermutung, dass mit diesen Geldern wohlwollende Berichterstattung gekauft wird; oder umgekehrt: Dass PolitikerInnen niedergeschrieben werden, wenn sie zu wenig bezahlen.

Seit vergangener Woche steht die Zeitung „Heute“ und ihre Herausgeberin Eva Dichand im Fokus dieses Verdachts. Der Falter hat die Causa hier und hier sehr lesenswert zusammen gefasst. Wir erinnern uns: Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft ermittelt unter anderem gegen Thomas Schmid und Wolfgang Fellners OE24, weil dort über das „Beinschab-Tool“ mutmaßlich gefälschte Umfragen publiziert wurden. Als „Belohnung“, so der Verdacht, öffnete das Finanzministerium den Geldhahn und ließ Inseratengelder in die Kassen der Fellners fließen. Soweit, so bekannt.

Der Falter schreibt nun über den neuen Vorwurf der Staatsanwälte: „Damit der Deal, den die Türkisen mit Fellners Österreich-Gruppe mutmaßlich geschlossen haben, um Kurz mit frisierten Umfragen zu pushen, nicht auffliegt, wurden auch die Blätter der Dichands fett bedient.“

Diese Grafik aus dem Standard illustriert den Vorwurf sehr gut: