Category Archives: Starker Kobuk

Wenn die Ukraine Hunde tötet, stirbt bei uns die Wahrheit

Wie “Kronen Zeitung” und ORF falsche Internetpropaganda verbreiten und auf wen das österreichische Parlament wirklich hört.

Prolog

Straßenhunde sind keine Kuscheltiere, sondern übertragen Krankheiten und sind eine ernste Bedrohung, insbesondere für Kinder. Uns Couch-Tierschützern mag diese Sicht nicht gefallen, aber viele Menschen, die täglich mit Streunern konfrontiert sind, und oft selbst “wie arme Hunde” leben, empfinden es so.

Und sie sind damit nicht allein. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zum Beispiel, rügte im Juli Rumänien: Allein im ersten Quartal 2010 seien dort über 2.000 Menschen von wilden Hunden angefallen worden. Anfang 2011 wurde eine alte Frau von einem Rudel zu Tode gebissen. Das Land gehe nicht konsequent genug gegen die Tiere vor. Dies sei ein Verstoß gegen das Grundrecht auf Schutz des Privatlebens, hieß es in der Rüge.

Das soll nichts entschuldigen, was mit den Tieren passiert. Aber man sollte die Umstände kennen, bevor man über andere Menschen und ganze Länder urteilt.

20. November 2011, “Kronen Zeitung”

(Bild anklicken für Großansicht)

Kiew am frühen Morgen. Ein Auto fährt durch die Straßen und zwei Männer werfen Fleischbrocken aus dem Fenster. Gierig schnappen Streunerhunde nach den vermeintlichen Leckerbissen [...]

Der Bericht liest sich, als hätte die “Krone-Tierlady” ihn persönlich auf Facebook in der Ukraine recherchiert. Eine erschütternde Reportage über das Leid streunender Hunde, welche für eine “saubere” Fußball-EM 2012 grausam ihr Leben lassen müssen.

250 Euro gibt es laut “Krone” für zehn tote Hunde. Das wäre in der Ukraine deutlich mehr als ein durchschnittliches Monatsgehalt. Fast unerträglich: das Foto einer erschossenen Welpenmutter. Die “Krone” dazu:

Ein Bild wie ein Faustschlag ins Gesicht: Diese Hündin wurde abgeknallt. Ihre hilflosen Welpen wollen ihren Hunger stillen und trinken am leblosen Kadaver ihrer Mutter. Dann wurden wahrscheinlich auch sie bei lebendigem Leib verbrannt.

("Zenica, Juli 2003")

Ein Bild wie ein Faustschlag, zweifellos. Aber ins Gesicht der Wahrheit. Denn die arme Hundefamilie war nie in der Ukraine und die lebendig brennenden Welpen — welch ein Bild — dürften die Mutter bereits vor über acht Jahren verloren haben. In diesem bosnischen Forum wurde das scheinbar aktuelle Foto aus der Ukraine bereits vor vier Jahren veröffentlicht. Es sei im Juli 2003 entstanden, heißt es dort, und zwar in Zenica. Über 1000 Kilometer — und acht Jahre — vom heutigen Kiew entfernt.


21. November: Bereits am nächsten Tag ist die Geschichte das Hauptthema in den “Krone”-Leserbriefen. Für alle, die die Sonntagsausgabe nicht haben, wird noch einmal das Foto der bosnischen Hündin und ihrer Welpen groß abgedruckt:

Ein schreckliches, aufrüttelndes Bild vom Hundemord in der Ukraine [sic!] – die Hündin wurde abgeknallt, ihre Welpen wollen ihren Hunger stillen und trinken am leblosen mütterlichen Kadaver.

Auszüge aus den Leserbriefen von Montag und den Folgetagen:

“Als ich am Sonntag die ‘Kronen Zeitung’ aufgeschlagen habe, hat mich fast der Schlag getroffen. UNFASSBAR” (21. 11.) … “mir schossen sofort die Tränen in die Augen” (21. 11.) … “jeder, der ein bisschen Herz hat, wird diese grauenvollen Bilder nie mehr vergessen können” (23. 11.) … “Bilder des Grauens. Erschütternde Bilder, die sich tief in unser Hirn eingebrannt haben. Bilder, die man nie mehr vergisst, herzerschütternde Bilder, die um die Welt gehen.” (25. 11.)

25. November: Peter Westenthaler (BZÖ) kündigt in einem Leserbrief an die “Kronen Zeitung” parlamentarische Maßnahmen an.

Die beeindruckende Reportage der sehr engagierten Frau Entenfellner [...] hat mich dazu veranlasst, Ideen zu entwickeln, wie das offizielle Österreich gegen diesen Tier-Massenmord protestieren könnte.

"Kronen Zeitung", 25. 11. 2011, S. 32[...] Schließlich werde ich auch bei der nächsten Parlamentssitzung einen entsprechenden Antrag für eine offizielle Protestnote einbringen. Lasst uns alle gemeinsam – Politik und Sport – gegen dieses Tierleid kämpfen!

Vorsitzender des parlament. Sportausschusses

Abg. Peter Westenthaler

27. November: Die “Kronen Zeitung” startet eine große Hilfsaktion und bittet ihre Leser um Geldspenden. Dabei lässt sie durchblicken, wie hilfreich das trügerische Foto aus dem Internet für die bisherige Kampagne war:

Die furchtbaren Bilder von Welpen, die sich an ihre blutüberströmte, totgeschossene Mutter schmiegen, und von fahrbaren Krematorien haben einen Aufschrei des Entsetzens ausgelöst. [...] Bitte spenden Sie! Verein “Freunde der Tierecke”


29. November: Heinz-Christian Strache besucht die “Krone”-Redaktion und spendet namens der FPÖ 15.000 (!) Euro für die Versorgung heimatloser Tiere in der Ukraine. Im Gegenzug gibt es Erinnerungsfotos auf Facebook und in der “Kronen Zeitung”.



30. November: Kurzer Schauplatzwechsel nach Rumänien. Auf der Facebook-Seite der “Krone Tierecke” schreibt Maggie Entenfellner entsetzt:

Liebe Freunde! Dieses Bild des Jammers habe ich eben erhalten – es kommt aus Rumänien. Es anzusehen tut einfach nur weh – Menschen die einem hilflosen Lebewesen so etwas tun – können kein Herz, keinen Verstand und kein Gefühl haben.

(699 Kommentare)

Machen wir’s kurz: Das Foto stammt nicht aus Rumänien, sondern aus Mexiko. Mit ca. 10.000 Kilometern ein neuer Rekord im Welpenweitwurf. Und dem kleinen Racker geht’s auch schon wieder viel besser.

(Hoffentlich prüft die “Krone” bei der Spendenvergabe genauer, ob die Geschichten auch stimmen, in die das Geld der Leser fließt. Spendengütesiegel trägt der Verein “Freunde der Tierecke” jedenfalls keines. Und im Internet sind auch keine Jahres- und Finanzberichte auffindbar, im Gegensatz zu anderen Tierschutzvereinen, die zum Teil vielleicht deutlich weniger Spenden einnehmen.)

3. Dezember: Peter Westenthaler fordert nun auch in einer OTS-Aussendung Maßnahmen der österreichischen Regierung und der EU gegen “das bestialische Hundemorden in der Ukraine”. Er lässt wenig Zweifel, was ihn mit am stärksten dazu bewogen hat:

[...] Das blanke Entsetzen lösten und lösen in diesem Zusammenhang veröffentliche Bilder aus, auf denen Welpen zu sehen sind, die sich an ihre blutüberströmte Mutter schmiegen”, so Westenthaler [...]

9. Dezember: Das Parlament reagiert einstimmig mit einem Entschließungsantrag auf den Bericht der “Kronen Zeitung”. Die freut sich über die politischen Prioritäten im Land:

Alle Parteien gegen Mord an Hunden in der Ukraine!

Wenn schon nicht bei der Schuldenbremse, so sind sich Österreichs Politiker wenigstens im Kampf gegen Tierleid einig [...] Wie berichtet, hatte „Krone“-Tiereckenchefin Maggie Entenfellner den unfassbaren Skandal der grausamen Säuberungsmaßnahmen aufgedeckt.

Wirklich lauter falsche Hunde in der “Krone”, der in diesem Bericht stammt in Wahrheit aus Rumänien.

9. Dezember: Das ORF Servicemagazin “Konkret” berichtet über die Hilfsaktion der “Krone-Tierlady” und ORF-Moderatorin. Um das Tierleid in der Ukraine zu illustrieren zeigt “Konkret” ein Video (“Quelle: Internet”), in dem ein Hund lebendig in eine Müllpresse geworfen und darin scheinbar zerquetscht wird.

Dazu der Sprecher:

[...] Weil für Plätze in Tierheimen aber kein Geld da ist, werden viele Hunde von Müllwagen einfach entsorgt. [...]


(Bild anklicken für Animation, 2 MB)


Das angeblich ukrainische Video des ORF war schon 2005 in der Dokumentation “Earthlings” zu sehen. Die gezeigte Szene dürfte in der Türkei laut einer Kobuk-Leserin in Indien aufgenommen worden sein und ist vermutlich gestellt: Zum einen stoppt die Presse in ungefährlicher Position, sobald der Hund nicht mehr sichtbar ist. Zum anderen ist kurz zuvor für einen Sekundenbruchteil eine zweite, professionelle Kamera am linken Bildrand sichtbar.



Wag the Dog 2.0

Ich fürchte, wie es tatsächlich um die Hunde in der Ukraine steht, kann derzeit niemand von uns beurteilen. Weil Journalisten ihren Job nicht mehr machen und nur Schockpropaganda aus dem Internet durchschleusen, die eine politische und teilweise auch wirtschaftliche Agenda verfolgt.

Das alles ist schon erschreckend nah an der Filmsatire “Wag the Dog”. Um das US-Volk mit einem gefakten Video auf die schreckliche Lage in Albanien einzustimmen, soll im Filmstudio eine junge Frau vor scheinbaren Unruhen fliehen — mit einem Kätzchen einer Tüte Tortilla-Chips im Arm:

Regisseur: Halt die Tüte gut fest, wir brauchen die für die Armhaltung. Im Bild ist sie dann ein Kätzchen.
Darstellerin: Könnt’ ich ein Kätzchen halten?
Regisseur: Nein, das kopieren wir nachher rein — genau da.
Darstellerin: Sie kopieren das Kätzchen nachher rein, warum?
Regisseur: Um mehr Möglichkeiten zu haben.
Darstellerin: Was für Möglichkeiten denn?
Regisseur: An Kätzchen!

Jede Ähnlichkeit mit realen Ereignissen und lebenden Personen ist rein zufällig.


Stellungnahmen

(Eingeholt von Helge Fahrnberger)

Ich habe Frau Entenfellner von der “Krone”-Tierecke und die Redaktion von “Konkret” um Stellungnahmen zu den Hinweisen ersucht, dass die verwendeten Aufnahmen nicht aus der Ukraine stammen und nicht aktuell seien. Frau Entenfellner antwortete mir mit dem Satz:

Wir haben die Bilder von Tierschützern aus der Ukraine erhalten.

Auf meine Nachfrage, ob die Authenzität der Aufnahmen in irgendeiner Weise überprüft wurde, sagte mir Frau Entenfellner telefonisch, dass sie keine Möglichkeit habe, die Echtheit solcher Fotos zu überprüfen, da sie bisher nicht in der Ukraine gewesen sei (Kobuk übrigens auch nicht) und sich erst morgen auf den Weg mache. Die Information über das auf Facebook gespostete Welpenfoto habe sie aber bereits richtig gestellt. (Wer findet die Richtigstellung auf Facebook zuerst?)

Eine falsche Herkunft aller anderen verwendeten Fotos würde sie stark verwundern, da sie wegen der anlaufenden LKW-Hilfslieferungen ständig mit den ukrainischen Behörden in Kontakt stehe und diese sie wohl darauf hingewiesen hätten. Wir sollten aber nicht nur die “Krone”, sondern auch andere kritisieren, die diese Bilder verwenden, wie bespielsweise Tierschützer. Auf meinen Einwand, dass wir diese nicht kritisieren, da Kobuk nur für Medien zuständig ist, fragte Maggie Entenfellner:

Gilt Facebook als Medium?

(Wenn das kein Hinweis auf den “medialen” Ursprung der “Krone”-Bilder ist.) Inzwischen gibt es auch eine ausführlichere Stellungnahme auf ihrer Facebook-Seite, inklusive einer kurzweiligen Diskussion.

Der Sendungsverantwortliche von Quelle: Fernsehen “Konkret”, Edwin Möser, ließ mir folgenden Text schicken:

Beim gezeigten Material – das auch ausdrücklich mit der Quellenangabe “Internet” versehen wurde – handelt es sich um ein You-Tube-Video, das offenbar zum Thema “Hundetötung in der Ukraine” ins Internet gestellt worden war. Die “konkret”-Redaktion hat dieses Material nur als Genre-Bild verwendet, um damit die Erzählungen von Augenzeugen der Tiertötungsmethoden in der Ukraine zu dokumentieren. Sollte es sich tatsächlich um Material handeln, das fälschlich unter diesem Titel ins Internet geraten ist, bedauert die “konkret”-Redaktion diesen Irrtum. Der Sachverhalt wird jedenfalls noch einmal genau geprüft. An der Tatsache, dass in der Ukraine anlässlich der Fußball-EM viele Hunde getötet werden sollten und bislang auch getötet wurden, ändert dies jedoch nichts.

Also posted in Kampagnenmonitor, Krone.at, Kronen Zeitung, ORF | 218 Comments

Krone.at, Oe24.at: Die Leiden des jungen Werthers 2.0


Krone.at und Oe24.at zeigen, wie man im Sinne der Suizidprävention nicht über einen Selbstmord berichtet.

Ludwig Hirsch ist letzte Nacht verstorben. Wien.orf.at berichtet sehr zurückhaltend und nennt auf Wunsch der Familie Hirschs keine Details:

Auch das Wilhelminenspital bestätigte zuletzt, dass Hirsch in der Früh im Haus verstorben war. Genauere Auskünfte könne man auf ausdrücklichen Wunsch der Familie jedoch nicht geben, hieß es seitens des Krankenanstaltenverbunds (KAV).

Über den Wunsch der Familie berichten zwar auch Krone.at und Oe24.at – allerdings erst, nachdem sie den Freitod Hirschs in allen verfügbaren Details ausgeschlachtet haben.

Krone.at erklärt im zum Artikel gehörenden Video sogar ganz stolz, dass “ein Reporter der Krone herausgefunden hat”, in welcher Abteilung sich der Musiker befunden hatte. Beide Medien verpacken schon in Dachzeilen, Überschriften und Einleitungen alle Details über Ort und Methode des Selbstmordes. Dabei sollten JournalistInnen sehr genau wissen, wie man über einen Selbstmord berichtet, um den sogenannten Werther-Effekt zu vermeiden. Zumindest könnten sie im Leitfaden zur Berichterstattung über Suizid des Wiener Kriseninterventionszentrums (PDF, ca. 300KB) nachlesen, dass u.a.

  • erhöhte Aufmerksamkeit der Medien
  • sensationserregende Sprache
  • Details zur Person (Alter, Beruf, Geschlecht, …) und
  • genaue Angaben zum Ort des Selbstmordes

eine Nachahmung wahrscheinlicher machen.

Die Berichterstattung von Krone.at und Oe24.at zielt ohne Rücksicht auf Verluste auf hohe Klickraten und einen “spannenden” Artikel ab – ohne Rücksicht auf die Vermeidung etwaiger Nachahmungstaten. Das verrät viel über die ethischen Grundsätze dieser Medien.

Also posted in Jenseitiges, Krone.at, Oe24.at | Tagged , , , , , , | 18 Comments

Der tägliche Medienpranger im Fall Stefanie P.

Vor einem Jahr erschien auf Kobuk ein Artikel über die menschenverachtende und pietätlose Berichterstattung von “Österreich” über den Mord an Stefanie P. Der Artikel hatte immerhin eine Verurteilung durch den Medienrat zur Folge.

Nun findet der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter statt. Hat “Österreich” dazugelernt? Nein, im Gegenteil: Auch andere Medien unterlassen den gesetzlich vorgeschriebenen Schutz von Persönlichkeit, Identität und Intimssphäre von Opfer und Tatverdächtigem zugunsten reißerischer Berichterstattung über Sex & Crime.

Das Medienrecht sieht in § 7a den Schutz vor identifizierender Berichterstattung vor, um Opfer und ihre Angehörigen nicht ein zweites, öffentliches Mal zum Opfer werden zu lassen und um zu verhindern, dass Verdächtige oder Verurteilte in Form eines ‘Medienprangers’ anstelle oder neben einer gerichtlichen Bestrafung eine soziale Ersatz- oder Zusatzbestrafung erfahren. (Korn, 2010)

Da die Dokumentation der Verstöße gegen diese Bestimmung diesen Blogeintrag sprengen würde (siehe Collage oben), gibt es hier alle Zeitungsausschnitte zum Mordfall Stefanie P. in einem separaten Album (von uns anonymisiert).

Die auffälligsten Verfehlungen der letzten Tage:

  • Bilder des Angeklagten und des Opfers werden tagelang unverpixelt in Heute, Krone und Österreich abgedruckt. Dasselbe passiert in Onlineartikeln. Bei “Heute” gibt man unverfroren zu, dass ein Foto des Opfers schlicht von Facebook stammt (siehe Bildcredit!).  Auch der Kurier hält sich bei Philipp K. und Opfer Stefanie P. nicht zurück.
  • Wie in den Zeitungsausschnitten ersichtlich, präsentieren “Österreich” und die Krone (auf der Titelseite) den vollen Namen des Angeklagten und die Krone sogar den vollen Namen des Opfers und seiner Schwester. Der Beitrag ist zwar schon etwas älter, doch auch die Oberösterreichischen Nachrichten bringen ein unverpixeltes Foto und den vollen Namen des Opfers.  Überraschenderweise reihte sich sogar die “Presse” in diese Riege ein, wie man im Google-Cache eines Berichts noch sehen kann, hier wurde aber mittlerweile (vergleichsweise vorbildlich) schon korrigert.
  • Allem Anschein nach herrscht in den Redaktionen Verwirrung darüber, wann und wie die Identität der Beteiligten geschützt werden muss. Beispiel Oe24.at: Online wird der Angeklagte verpixelt (das Foto kommt schließlich von der APA), aber trotzdem mit vollem Namen genannt. An anderer Stelle jedoch wieder abgekürzt. Auch die Krone gibt sich ungeschickt: Beim Video-Beitrag zum Prozess ist der Angeklagte zunächst unverpixelt und klar erkennbar, im Video selbst jedoch unkenntlich gemacht.
  • “Österreich” nimmt in der Ausgabe vom 5. Mai gleich das Urteil vorweg, denn „Lebenslang ist beinahe fix!“ Die in Artikel 6 Absatz 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention vorgeschriebene Unschuldsvermutung scheint nicht zu gelten.
  • Ebenso unverschont bleibt das Privatleben der Beiden. Die Krone präsentiert, im öffentlichen Interesse natürlich, deren „Liebes-Collage“, das Magazin News zeigt in einer Online-Bilderstrecke Privatfotos und sogar intime Liebesbriefe.

Aus ihrem Interview in “Österreich” schließen wir, dass die Mutter des Angeklagten ihr Gesicht bewusst in der Öffentlichkeit zeigen will. Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass ihr Sohn, der mutmaßliche Täter, diese Ansicht teilt. Dass ein explizites Einverständnis vorliegt, ist zu bezweifeln, schließlich haben andere Medien brav verpixelt.

Wenn Philipp K. anonym bleiben wollte (was der Berichterstattung der APA nach durchaus denkbar ist), stellt sich die Frage, ob es zulässig ist, den Namen eines Verdächtigen abzukürzen, aber dann dennoch jedermann mittels des vollen Namens der Mutter über seine Identität zu informieren. Immerhin, rein rechtlich zählen sowohl Name als auch familiäre Beziehungen zu jenen Identifizierungsmerkmalen, die vom Identitätsschutzparagraphen (§ 7a MedienG) erfasst werden.

Der Ehrenpreis für den sinnfreiesten Versuch, die Persönlichkeitsrechte zu schützen, geht an Oe24.at: Sowohl Angeklagter als auch Opfer werden innerhalb der selben Seite je einmal verpixelt und einmal nicht:

Vielen Dank an Patrick, Alex, Petra, Tanja und Hannes, die alle an diesem Artikel mitgearbeitet haben!

Also posted in APA, Die Presse, DiePresse.com, Heute, Kronen Zeitung, Kurier, Kurier.at, Medien, News, Oe24.at, OÖN, Persönlichkeitsrecht, Österreich | Tagged , , , , , , , , , | 9 Comments

Die elende Schleichwerbung

Der nette Herr im Bild rechts ist aus einer Szene aus Kottan ermittelt aus dem Jahr 1977:

Schremser: (Blättert in einer griechischen Zeitung.)
Kottan: Können Sie griechisch?
Schremser: Ka Wort, warum?
Kottan: Nur so.
Schremser: Ah, Sie meinen wegen der Zeitung? A österreichische Zeitung im österreichischen Fernsehen? Schleichwerbung – das geht nicht!

Auf Kobuk startet ab sofort ein Schwerpunkt zum Thema Schleichwerbung (hier die Sammlung aller Artikel dazu), denn: Wer wie die Kobuk-Autoren Medien quasi beruflich kritisch konsumiert, stellt unweigerlich früher oder später fest, wie unfassbar viele Artikel und Beiträge ganz offensichtlich mehr mit Scheckbuchjournalismus oder den Agenden irgendwelcher Interessensgruppen zu tun haben als mit tatsächlich Berichtenswertem.

Nicht immer kann nachgewiesen werden, dass für Berichterstattung tatsächlich Geld floss. Oft ist das kommerzielle Motiv hinter einem Artikel allzu offensichtlich, manchmal sieht Werbung trotz Kennzeichnung redaktionellen Beiträgen einfach nur täuschend ähnlich, bisweilen fragt man sich gar, ob nicht einfach einem befreundeten Unternehmer ein Gefallen getan werden soll, manchmal ist es vielleicht nur pure Faulheit, aber immer, immer ist Schleichwerbung elend!

Sie untergräbt die Glaubwürdigkeit der Medien, sie korrumpiert unsere Gesellschaft, sie täuscht und tarnt und lügt. Und die Politik hat kein Interesse dagegen vorzugehen, ist sie doch längst selbst verstrickt.

Dabei sagt das Medienrecht: Entgeltliche Beiträge sind als solche zu kennzeichnen. Der OGH leitet daraus ein Trennungsgebot zwischen redaktionellen und entgeltlichen Inhalten ab. (Genau besehen sind sogar wörtlich übernommene Presseaussendungen “entgeltlich”, denn die ersparte Arbeit stellt einen geldwerten Vorteil dar. Die Rechtslage dürfte für so eine Auslegung aber zu schwammig sein.) Auch hat der OGH bemängelt, dass es der Gesetzgeber unterlassen hat, “das Deutlichkeitsgebot (der Kennzeichnung) näher zu umschreiben”.

Da Schleichwerbung nur schwer beweisbar ist, müssen Verdachtsfälle öffentlich diskutiert werden. Übrigens gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung: Wir können nicht ausschließen, dass unser Eindruck von Schleichwerbung täuscht. Die abschließende Meinung müssen sich die Leser bilden. Unsere Definition von Schleichwerbung ist deshalb: Uns beschleicht der Verdacht, hier soll für etwas geworben werden.

Wie fix Schleichwerbung im Produktportfolio mancher Medien verankert ist, zeigt ein Experiment der taz: In einer verdeckten Recherche bat ein als Medienberater getarnter Journalist die Anzeigenabteilungen von zehn deutschen Verlagen um ein “geeignetes redaktionelles Umfeld”, das Codewort für Schleichwerbung. Die Verkäufer der Frankfurter Rundschau lieferten gar Artikelentwürfe (siehe Bild), die Steuerhinterziehungsmodelle in Österreich bewerben sollten. Das gesamte Experiment findet sich hier und dieser ARD-Beitrag fasst die Recherche gut zusammen:

Alle Kobuk-Artikel mit Schleichwerbeverdacht finden sich in der Kategorie Schleichwerbung.

PS: Danke an Hans-Peter Lehofer für die Kottan-Idee!

Also posted in Medien, Schleichwerbung | 5 Comments

Das Titelseitenreisebüro von “Österreich”

Wir hatten ja schon viel hier auf Kobuk: Spalten- oder seitenweise ungekennzeichnete Werbung, 1:1 abgedruckte Presseaussendungen, von der Schoko-Industrie finanzierte Gesundheitsstudien oder überhaupt “Berichterstattung wie vereinbart”.

Aber Reisevertrieb per Tageszeitung-Titelstory, das ist neu:

Die “259 Euro für 1 Woche Luxus” der Titelseite finden sich auf Seite 6 wieder: Als ein Angebot der Joe24.at GmbH, eine 100%-Tochter der Media Digital GmbH, die wiederum zur Gänze der Fellner Medien GmbH gehört. Genau wie die Tageszeitung “Österreich”.

Joe24-Geschäftsführer Peter Grossmann darf auch gleich die Begründung liefern, warum derzeit ein “neuer Reise-Boom” dafür sorgt, dass die “Jets ausgebucht” sind:

Zu besten Zeiten flogen wöchentlich 2.000 Österreicher nach Ägypten. Laut Grossmann könnte das bald wieder so sein.

Der “neue Run auf Reisen ans Rote Meer” ist nicht nur eine Titelstory wert, sondern offenbar auch so massiv, dass Grossmann seine Reisen zu Spottpreisen verschleudern muss, um die Flieger voll zu kriegen: “Im Schnitt sind die Preise um 40% günstiger.”

Immerhin sind vier der zehn aufgelisteten “besten Ferien-Angebote” von der Konkurrenz. Doch sind sie das wirklich? Zwei der vier Reisen werden von ETI angeboten, ein auf Ägypten spezialisierter Reiseveranstalter, der auch der Veranstalter von 10 der 12 derzeit von Joe24 vermittelten Pauschalreisen ist. Zu erkennen auch am Scan unten am ETI-Sonnenlogo auf den drei Reisen. Der ETI-Chef kommt neben seinem Geschäftspartner Grossmann auch im Artikel zu Wort.

Die beiden übrigen Reisen werden von Ltur angeboten – zumindest theoretisch. Praktisch konnte ich auf Ltur.com weder eine derart günstige Ägypten-Reise finden, noch überhaupt irgendeine, die von österreichischen Flughäfen aus starten würde. (Screenshots verfügbar.) Es dürfte also der gesamte Umsatz, der durch diese Titelgeschichtenkampagne erzielt wird, bei Joe24 und seinen Geschäftspartnern landen.

Eine kleine Formulierung eines anscheinend von Gewissen und Herausgeber geplagten Redakteurs lässt einen Lichtblick am düsteren Himmel der journalistischen Prostitution erhoffen:

Seit Mubarak abtrat, wollen scheinbar alle nach Ägypten reisen.

Wen dieser Schein bis hierhin nicht getäuscht hat, den überzeugt vielleicht die Rückseite derselben Tageszeitung (unten) – oder der eine oder andere redaktionelle Beitrag à la “Urlaub jetzt so billig wie nie” und “Last-Minute ist Sommer-Reise-Trend“.

Für alle Beteiligten gilt übrigens die völlige Unschuldsvermutung.

Update: Oben zwei Absätze zu den Reiseveranstaltern ETI und Ltur eingefügt. Danke Hans für den Hinweis!

Update 2: They did it again.

(Scans: “Österreich” Gratisausgabe, Freitag 18. 2. 2011; via Chorherr)

Also posted in Schleichwerbung, Werbung, Österreich | 9 Comments

Wie die Kronen Zeitung das Volk verhetzt (Update IV)

Es ist eines dieser Urteile, die man sonst nur aus Amerika “kennt”: Weil ein Rentner beim Rasenmähen fröhlich jodelte, und damit seine muslimischen Nachbarn im Gebet störte, wurde er von einem Grazer Gericht zu 800 Euro Geldstrafe verurteilt.

So jedenfalls berichtete es die Kronen Zeitung diesen Sonntag:

Das Leserforum unter dem Artikel musste mittlerweile geschlossen werden, weil “gegen die Netiquette verstoßende Postings überhandgenommen” hätten. Ein Euphemismus, der in der Regel andeutet, dass die Moderation mit dem Löschen strafrechtlich relevanter Kommentare nicht mehr nachkam.

Doch wenn die Krone ihre Foren schließt, blüht ihre Saat in anderen erst auf. Manche dort haben Herrn G. dann sogar angerufen und ihm finanzielle Unterstützung für seinen Kampf gegen das Urteil angeboten. Doch das wolle er nicht annehmen, berichteten die Anrufer — und das hat einen guten Grund…

Es gibt nämlich gar kein Urteil. Doch der Reihe nach:

Der Freitag

Helmut G. mähte an einem Freitagnachmittag auf seinem Grundstück in Graz den Rasen. “Und weil ich so gut gelaunt war, hab ich dazu gejodelt und ein paar Lieder angestimmt”, erzählt der Pensionist.

Herr G. dürfte ein überaus fleißiger Rasenmäher und Jodler gewesen sein, deutet man unter Verweis auf die Unschuldsvermutung bei jenem Grazer Gericht an, das den Fall verhandelt hat.

Fast ein ganzes Jahr lang, von 2009 bis Sommer 2010 habe er regelmäßig an Freitagen, immer zur Gebetszeit seiner Nachbarn, den Rasen gemäht und dabei “fröhlich” gejodelt. Oder auf andere kreative Art das Gebet seiner Nachbarn lautstark gestört und verhöhnt, heißt es sinngemäß in den erhobenen Vorwürfen. Auch nachdem die Lautsprecherübertragungen der Gebete in den Garten längst eingestellt waren, soll er sein Treiben noch monatelang fortgesetzt haben.

Die Anzeige

Das passte seinen Nachbarn, gläubigen Moslems, gar nicht. [...] Einige fühlten sich von dem rasenmähenden 63-Jährigen in ihrer Religionsausübung gestört – und zeigten ihn prompt bei der Polizei an.

Die Anklage erfolgte nicht auf Betreiben der Muslime. Nachdem die Polizei auf ihre Bitte mehrmals eingeschritten war, hielt sie es aber für nötig, die Vorfälle an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Da es sich um ein Offizialdelikt handelt, musste diese dann von sich aus ein Verfahren einleiten. Aus den Akten gehe laut Gericht hervor, dass die Muslime stets auf eine einvernehmliche Lösung gedrängt hätten.

Das “Urteil”

[Das Gericht] verurteilte einen Pensionisten (63) [...] “In der Begründung hieß es, mein Jodler habe wie der Ruf eines Muezzins geklungen”, schüttelt Helmut G. fassungslos den Kopf.

Es gibt keine Verurteilung und damit auch keine Urteilsbegründung. Das Strafverfahren wurde nach Diversion, gegen Zahlung einer Geldbuße, eingestellt. Für Herrn G. gilt daher bezüglich aller genannten Vorwürfe weiterhin die Unschuldsvermutung. Auch wenn er selbst der Diversion ausdrücklich zugestimmt hat.

Epilog

In einem Folgeartikel rühmte sich die Krone gestern, unser Land über die Grenzen hinaus mit ihrer “Exklusivstory” lächerlich gemacht zu haben:

Vom “irren Jodel-Prozess in Österreich” berichtet die “Hamburger Morgenpost”, “skurril” nennt der deutsche “Express” das umstrittene Urteil: Die “Steirerkrone”-Exklusivstory über den Moslem-Streit in Graz [...] schlug Wellen bis über die Landesgrenzen hinaus!

Sogar Johannes B. Kerner wolle den Rentner jetzt in seine Show einladen, heißt es. Na, dann kriegen unsere Freunde vom BILDblog ja vielleicht auch noch was zu tun…

[Update 15:07] krone.at hat alle Artikel zu dieser Geschichte offline genommen (heute war kurzzeitig noch ein dritter Bericht über HC Strache hinzugekommen, der sich über das “Urteil” empöre und anbot, dem Rentner die Strafe zu bezahlen.)

[Update 22:10] Der Standard zitiert Kobuk in seiner morgigen Printausgabe, worüber wir uns prinzipiell freuen. Allerdings hat der Rentner nicht “ein Jahr täglich” beim Rasenmähen gejodelt, wie das Blatt schreibt, sondern “nur” wiederholt an Freitagen die Gebete gestört und das — wie ebenfalls bei uns zu lesen ist — durchaus auch mit anderen kreativen Methoden.

[Update 23:30] Der Standard hat den Artikel tlw. korrigiert und lässt den Rentner nun nicht mehr täglich Rasenmähen.

[Update 4.12.] Die Obersteirischen Nachrichten (ON) verbreiten die Krone-Story noch am 2.12. ungeprüft in ihrem Leitartikel weiter. Er schließt mit der Frage: “Wie dumm sind wir Österreicher samt unseren Gesetzen eigentlich”…? (Danke an Wolfgang K. für den Hinweis)

Also posted in Jenseitiges, Kampagnenmonitor, Krone.at, Kronen Zeitung | 49 Comments

Krone bunt: 32 Seiten ungekennzeichnete Werbung

Krone bunt Cover vom 19. September

Am 19. September erschien in der “Krone bunt” die 32 Seiten umfassende Serie “Wirtschaftsstandort Wien”. Darin präsentierten sich zwölf Unternehmen und erzählten von ihren Zukunftsvisionen. Wie jetzt aus einem Bericht des PR-Ethik-Rates (PDF) hervorgeht, handelte es sich bei der Beilage um bezahlte Einschaltungen, also um Werbung. Diese war jedoch in keinster Weise als solche gekennzeichnet. Ein klares Vergehen der Kennzeichnungspflicht nach § 26 Mediengesetz, so der PR-Ethik-Rat.

Der Bericht hält weiter fest, dass der Tarif für eine Doppelseite 30.000 Euro betrug.  Der verantwortliche des Projekts, Chefredakteur und Herausgeber der Krone Christoph Dichand, war zu keiner Stellungnahme gegenüber dem Ethik-Rat bereit.

Ein brisantes Detail: Auch ein Interview mit Bürgermeister Michael Häupl unter dem Titel “Der Wähler soll auf Nummer sicher gehen” findet sich in der Beilage. Was für den/die LeserIn wie ein journalistisch geführtes Gespräch wirkt, war allem Anschein nach die Folge bezahlter Einschaltungen.  Erschwerend kommt hinzu, dass die Veröffentlichung drei Wochen vor den Wiener Gemeinderatswahlen erfolgte.

Häupl äußert sich zu Fragen wie: Was kann ein Bürgermeister konkret beitragen, damit in einer Großstadt wie Wien Lebensqualität erhalten bleibt oder sich im besten Fall sogar steigert? Oder: Womit kann Wien als Wirtschaftsstandort gegenüber anderen Städten punkten? Fragen, die zu einer Werbebotschaft geradezu einladen. Der Standard äußerte zur “Krone bunt” Ausgabe bereits im September Bedenken.

Der seit 2008 existierende PR-Ethik-Rat sprach damit erstmals eine öffentliche Rüge aus, nachdem sie im März 2010 (PDF) bereits für mehr Transparenz bei bezahlten Berichten appeliert hatten. “Dieses Vergehen ist so alt wie die Branche selbst, aber in den letzten Jahren hat sich das Problem dramatisch verschärft”, so die stellvertretende Vorsitzende Renate Skoff gegenüber Kobuk . Da es sich beim PR-Ethik-Rat um ein Organ der freiwilligen Selbstkontrolle handelt, kann sie die Krone mit keinen weiteren Sanktionen belegen.

Abschließend wird in dem Bericht festgehalten:

Den Branchenusancen entsprechend geht der PR-Ethik-Rat davon aus, dass bezahlte Produkte wie die gegenständliche Beilage allen Beteiligten vor Drucklegung zur Freigabe vorgelegt werden.(…) Die Glaubwürdigkeit der gesamten Kommunikationsbranche steht auf dem Spiel.

Bei den beteiligten Firmen handelt es sich um: Erste Bank Group, Austrian Airlines, A1 Telekom, Siemens, Vienna Insurance Group, PORR, Flughafen Wien, Signa Holding, REWE Österreich, Austria Trend, Hotels (Ruefa, Verkehrsbüro), Wiener Städtische und Donau Versicherung.

Ein ähnlicher Fall wurde auf Kobuk bereits reblogged: Berichterstattung wie vereinbart

Update:

Der PR-Ethik Rat stellte uns freundlicher Weise einen der betroffenen Artikel zur Verfügung. So sieht Werbung im journalistischen Gewand aus:

Also posted in Krone.at, Kronen Zeitung, Medien, Schleichwerbung, Werbung | Tagged | 4 Comments

Der Datenschutz, den sie meinen

Von Datenschutz halten Kinder hierzulande wenig“, schreibt die Gratiszeitung “Heute”. Während die “Krone” zur gleichen Studie in eine Sex-Schlagseite verfällt und zu groteskem Spagat fähig ist, macht sich “Heute” an private Daten. Und zwar an die privaten Daten eines 12-jährigen Mädchens aus den USA.

Um zu illustrieren, dass “Facebook-Profile von Kindern zu öffentlich” seien, druckte “Heute” am 16.11 das Profil der 12-jährigen Kayla R. aus New Jersey ab, samt Foto, vollem Namen und persönlichen Statusnachrichten. Frech: Die Foto-Credits daneben: “Archiv”.

Als Kayla von Kobuk-Autor Ricardo Arangüena erfuhr, dass ihr Profil in Österreich groß in der Zeitung prangt, löschte sie dieses sofort. Ihre Mutter ist entsetzt und überlegt rechtliche Schritte. Ein Einverständnis zum Abdruck lag nie vor.

Dabei war Kaylas Profil harmlos, es zeigte das Leben einer ganz normalen 12-jährigen. Auf MySpace tauscht sie Fotos von Justin Bieber und auf Youtube lädt sie Songs hoch, die sie in die Webcam singt. Nichts, das lüsterne ältere Herren besonders anlocken würde. Aber offenbar Fotoredakteure und bigotte Datenschützer.

“Heute” schließt mit:

Experten plädieren jetzt für mehr Medienerziehung, speziell zu den Gefahren des Internets.

Die Gefahren manch anderer Medien mögen dabei nicht vergessen werden. Wir haben “Heute” um Stellungnahme ersucht. (Recherche: Ricardo Arangüena.)

Also posted in Heute | Leave a comment

Obamas fantastische $200 Mio. Reisekosten pro Tag

Screenshot www.glennbeck.com

Anlässlich der Indienreise Barack Obamas sorgte in US-Medien eine Zahl für Furore: 200 Mio. Dollar täglich sollte der Staatsbesuch kosten, die konservativen Moderatoren Glenn Beck und Rush Limbaugh gaben sich entrüstet, CNN berichtete und vor allem FOX widmete sich der Thematik ausführlich:

http://www.youtube.com/watch?v=7o0jUknE3SM

Um diesen Betrag in Relation zu setzen: Der Afghanistan Krieg kostet die Vereinigten Staaten täglich ca. 190 Millionen Dollar. Eine vergleichbare Afrikareise Bill Clintons im Jahr 1998 schlug ohne den als geheim eingestuften Ausgaben für die Sicherheit mit 42,8 Millionen zu Buche, allerdings für die gesamten 12 Tage. Das entspricht 3,6 Millionen pro Tag, wie die New York Times vorrechnet.

Tatsächlich hatten diese lächerlich hoch wirkenden Zahlen nicht lange Bestand. Als Quelle stellte sich eine NDTV-Meldung (New Delhi Television) heraus, die sich wiederum auf eine anonyme Quelle berief. Spätestens nach der Stellungnahme durch Vertreter des Weißen Hauses war die Falschmeldung als solche enttarnt. Das hielt einige deutschsprachige Regionalmedien aber trotzdem nicht davon ab, sie Tage später zu veröffentlichen.

Vielleicht ist das alles aber auch nur ein rein kulturelles Missverständnis.

Also posted in CNN, Fox, International, Medien | 5 Comments

Tirol: „Berichterstattung wie vereinbart!“

Dieser Beitrag stammt von Markus Wilhelm, der das Watchblog DieTIWAG.org betreibt, in dem er die “Tiroler Wasserkraft” und die -Politik kritisch beobachtet und wo dieser Artikel zuerst erschien.

Die Tiroler Wasserkraft (TIWAG) setzt enorme Summen an Kundengeldern ein, um die Meinung ihrer Kunden zu manipulieren. Wir nehmen das dieser Tage erfolgte Hinscheiden der „Tiroler Woche“ zum Anlass, das verbriefte Durchgriffsrecht des Anzeigenschalters auf die Redaktionen anhand der TIWAG und anhand dieses Wochenblatts beispielhaft zu dokumentieren. Mitzubedenken dabei ist nämlich, dass es in TIWAG-Land viele Medien und viele Vereinbarungen dieser Art gibt.

Die „Tiroler Woche“ war oder ist ein Wochenblatt, das seit 2007 unter diesem Namen (und davor jahrzehntelang unter verschiedenen Titeln und von wechselnden Eigentümern herausgegeben) unverlangt in fast allen Tiroler Haushalten gelandet ist. Zuletzt erschien es in Kooperation mit der im Oberland marktbeherrschenden „Rundschau“, welche die wichtigsten Projektregionen der TIWAG (Ötztal, Pitztal, Kaunertal, Oberes Gericht, Paznaun, Stanzertal, Sellrain) lückenlos abdeckt.

Die Abmachungen zwischen der TIWAG und der „Tiroler Woche“, angestiefelt von der TIWAG-Agentur Hofherr, aber im Auftrag des Vorstandsvorsitzenden Wallnöfer, schließen damit immer auch die „Rundschau“ (mit ihren Ausgaben Imst, Landeck, Telfs) mit ein. In der Agentursprache nennen sich solche Manipulationsverträge schlicht „Medienkooperation“.

In unserem Beispiel schlägt die TIWAG-Agentur Hofherr Communikation ihrem Auftraggeber im September 2008 so einen Vertrag vor:

Schon kurze Zeit später kann Hofherr das Konzept für den Abschluss einer entsprechenden Vereinbarung mit dem „Partnermedium“ dem TIWAG-Vorstand vorlegen:

„Klar ist, dass die Gegner nicht zu Wort kommen“

Der Kooperationsplan als PDF.

Seit Jahren werden nebst Tiroler Tageszeitung und ORF auch die Regionalmedien mit TIWAG-Inseraten regelrecht geflutet. Ohne Ende. Das sieht im Falle der „Tiroler Woche“ so …

… und im Falle „Rundschau“ so aus:

Das Prinzip ist einfach und funktioniert ganz offensichtlich: Über geschaltete Anzeigenseiten werden positive Berichte mitgekauft, denn „diese redaktionell gestalteten Beiträge eines anerkannten Mediums haben eine hohe Glaubwürdigkeit“, wie es oben im Konzept der TIWAG-Agentur heißt.

Das Angebot der „Tiroler Woche“ (auch für die „Rundschau“) schließt dementsprechend und vielleicht erstmals in dieser Deutlichkeit „Redaktionelle Berichterstattung wie vereinbart!“ ein:

Die Vorgangsweise selbst ist auch von der Politik erprobt. Welchen anderen Sinn sollten viele nichtssagende Werbeeinschaltungen der Landespolitik denn haben, als damit wohlwollende Berichterstattung zu erkaufen? Nicht von ungefähr fällt dem ÖVP-Landtagsabgeordneten und stellvertretenden ÖVP-Klubomann und TIWAG-Lakaien Jakob Wolf zum Thema TIWAG-Projekt Ötztal-Kaunertal als erstes ein, der Rundschau – offenbar gewohnheitsmäßig – Geld für „redaktionelle Beiträge” anzubieten:

„Kooperationsplan“

So schaut das dann im Normalfall aus: Überteuertes Ganzseiteninserat einerseits und damit querfinanzierter „glaubwürdiger“ redaktioneller Artikel andererseits – oft in ein und der selben Ausgabe, versehentlich mitunter sogar nebeneinander oder aus Scham durch einige Seiten getrennt:

„Tiroler Woche“

„Rundschau“

Wobei davon auszugehen ist, dass Interviews mit dem TIWAG-Chef Wallnöfer (siehe oben) oder den Projektleitern Eibl, Pließnig, Stroppa nicht nur bei der Rundschau angeleiert, sondern von Hofherr selbst erfunden und von der TIWAG endredigiert werden:

Korrigiertes Interview-Manuskript, Agentur Hofherr, Oktober 2008

Entsprechend sieht der von der TIWAG-Agentur Hofherr ausgearbeitete Plan für die „Medienkooperation Oberländer Rundschau / Tiroler Woche auch zum „Auftakt“ solch ein Interview mit DW (Direktor Wallnöfer) vor:

(Medienkooperationsplan groß anzeigen)

Medium heißt Mittel. Die Medien sind das Mittel, ein Ziel zu erreichen. Im Falle der TIWAG: ihre Projekte zu realisieren. Geld, im Falle der TIWAG: Kundengeld, spielt keine Rolle. Allein für „Tiroler Woche“ und „Rundschau“ für lediglich zwölf durchgeschaltete Seiten 145.000 Euro (netto) sind kein Dreck.

Wie gesagt, die genannten Blätter sind kein Einzelfall in TIWAG-Land. Für 2005 ist ebenso schön eine „Kooperation“ mit den Bezirksblättern dokumentiert. Auch dabei geht es um bezahlte „redaktionelle Berichterstattung bezüglich neuer Kraftwerke“, die über horrende Anzeigentarife abgerechnet wird:

Tirol ist ein in Korruption versinkendes Land

Auf diesem festen finanziellen Fundament („Kooperation“) aufbauend konnten bei den Gemeinderatswahlen 2010 die „Tiroler Woche“ im Fall Neustift und die „Rundschau“ im Fall Kaunertal perfekt für den Wahlkampf der beiden TIWAG-freundlichen Bürgermeister eingesetzt werden.

Wenn man diesen fast totalen Durchgriff der TIWAG auf die Berichterstattung im Lande sieht, muss man sich noch viel mehr wundern, dass sie mit ihren Projekten nicht von der Stelle kommt.

Es ist Korruption. Keine Frage. Und sie kennen keinen Genierer mehr. Die TIWAG nicht und die Medien nicht. Wie selbstverständlich rennen auch die Chefredakteure der größten Tiroler Medien zum Angefüttertwerden durch den TIWAG-Chef ins reservierte Altstadtstüberl.

Also posted in Medien, Rundschau, Schleichwerbung, Tiroler Woche, Werbung, Zweitveröffentl. | 10 Comments
Was ist Kobuk?   |   Hinweise
Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken &handeln! Willst du auch an der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien