Qualitätsmedien erliegen dem Spin einer irischen NGO

Irlands Finanzkrise beherrscht die Schlagzeilen in ganz Europa, immer öfter ist jedoch auch von der sogenannten Pferdekrise die Rede. Wie Standard, SN, Kleine Zeitung, Presse, OÖN oder auch die Süddeutsche berichten, droht bis zu „20.000 herrenlosen Pferden“ in diesem Winter ein qualvoller Hungertod, da sich ihre Besitzer die Haltung – als direkte Folge der Wirtschaftskrise – nicht mehr leisten könnten. Die meisten beziehen sich dabei auf einen Artikel von Spiegel Online, dem zufolge sogar „mehr als 20.000 Pferde auf der Kriseninsel umherirren“ sollen.

Die herzzerreißende Story hat allerdings gleich mehrere Haken: Weder sind Stray Horses ein neues Phänomen – der „Independent“ berichtete z.B. schon 2005 davon, also lang vor der Finanzkrise, noch konnten wir die Zahl von 20.000 Pferden irgendwo in irischen Medien finden.

Im April 2009, als die Zahl vermutlich erstmals auftaucht, und zwar auf BBC News, wird ein Tierschützer noch mit „20.000 Pferden, die niemand will“ zitiert, von streunenden ist noch nicht die Rede. Im Juni wird sie in einem Interview der Deutschen Welle zur „Zahl, die möglicherweise stimmen könnte“ (was auch immer das heißen mag) und im Oktober sind es im Guardian dann „möglicherweise besitzerlose Pferde“. Spiegel Online schreibt von Schätzungen irischer Tierschützer zu herumstreunenden Pferden, was u.a. in der Kleinen Zeitung zur Tatsache wird: „Wie Spiegel Online berichtet, irren (..) etwa 20.000 Pferde herrenlos umher.“ Stille Post par excellence.

Eines haben alle Berichte gemein: Die Quelle ist immer die – spendenfinanzierte – Dubliner Tierschutzorganisation DSPCA, meist in Form ihres Sprechers, Jimmy Cahill. Deren Mutterorganisation ISPCA auf unsere Frage nach einer verlässlichen Quelle:

There are no definitive numbers on horses abandoned in Ireland, our Inspectors have brought in 13 horses in 2007, 16 in 2008, 23 in 2009 and 41 so far this year.

Nicht nur irische Medien und Websites irischer Behörden schweigen sich zu dieser Pferdekrise erschreckenden Ausmaßes aus, auch die Tierschützer selbst wollen sie also nicht explizit bestätigen.

Offenbar wollte man der doch abstrakten Finanzkrise ein konkretes Gesicht geben. Schade, dass dies nicht mit einer Geschichte geschehen ist, deren Fakten stimmen. Oder, um es in den Worten eines in Irland lebenden Spiegel.de-Users zu sagen:

Mit der Wirtschaftskrise hat das nichts zu tun und wenn hier 20 000 herrenlose Pferde rumlaufen würden, wäre das sicherlich schon jemandem aufgefallen…so einen Unsinn habe ich wirklich lange nicht mehr gelesen!

Das krisengeschüttelte Irland und Haustiere, dieser verlockenden Kombination konnten offenbar auch Qualitätsjournalisten nicht widerstehen, trotz mangelhafter Quellenlage.

Update: Spiegel Online entschärfte den Artikel nach unserer Veröffentlichung und fügte diesen Absatz hinzu:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand die Zwischenzeile „Mehr als 20.000 Pferde sollen auf der Kriseninsel umherirren“. Dies ist falsch. Tatsächlich geht es um 20.000 Pferde, die nach einer Schätzung der Tierschutzorganisation DSPCA nicht mehr benötigt werden, weil viele Betriebe mit bis zu 200 Pferden seit dem Crash auf dem irischen Pferdemarkt kein Geld mehr einbrächten.

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9 Kommentare

  1. Am 1. Dezember 2010 um 19:32 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wer hat den was gegen eine gutes Scheibe Pferdesalami?

  2. Kyra
    Am 2. Dezember 2010 um 22:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Oh weia, Simon. Eine „gutes“ Scheibe Pferdesalami… *augenroll*… wer soll „den“ da was dagegen haben?
    Ich nicht! Gegen deine grausige deutsche Sprache hingegen schon!

  3. Am 3. Dezember 2010 um 18:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Vielen dank Kyra, dass du dich meiner Rechtschreibung annimmst.
    Falls du immer soviel Zeit hast für Lau fremder Leute Rechtschreibung zu korrigieren würde ich dir noch gern ein, zwei Aufsätze zukommen lassen oder wir machen aus dir eine Rechtschreibprüfung in Word 😉 de_AT selbstverständlich …

  4. Am 7. Dezember 2010 um 23:46 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Kurzer Widerspruch:
    Ich war gerade auf Besuch bei der NGO (SPCA) in Dublin. Tatsächlich hat sich nach ihren Angaben die Zahl der Pferde in ihrer Obhut seit 2008 verdreifacht (und angeblich ist das nur Dublin). Sie meint allerdings, dass nur ein sehr kleiner Teil der Fälle registriert wird. Allein in Dublin sind es heuer 120 dieses Jahr (laut NGO – ich weiß nicht woher ihr eure Zahl habt). 20.000 ist wahrscheinlich ein blödsinn – und man hätte vorsichtiger mit der Zahl umgehen sollen. Die Sicherheit, mit der aber hier behauptet wird, Qualitätsmedien erliegen dem Spin einer NGO scheint mir auch falsch zu sein. Zahl der Problem-Pferde hat sich verdreifacht, und zu glauben ist auch das nicht alle Fälle gemeldet werden. Und außerdem: Die wirklich schlaue Frage wäre, was man mit so einer Geschichte macht, in der ein Teil der Fakten schlicht nicht recherchierbar ist?
    Ansonsten finde ich eure Seite aber wirklich spannend, l.g
    András Szigetvari – Pferderedakteur beim Standard

  5. Am 8. Dezember 2010 um 01:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

    @Andreas: Ich sehe das als Bestätigung, nicht als Widerspruch. Wenn die Zahl nicht gesichert ist (und vielleicht sogar „wahrscheinlich Blödsinn“), dann ist das genau die Kritik von Kobuk. Niemand sagt, dass nicht vielleicht wirklich ein durch die Krise gestiegenes Problem mit herrenlosen Pferden existiert.

  6. martin
    Am 3. Januar 2011 um 11:45 Uhr veröffentlicht | Permalink

    gestern abend wurde das thema in „spiegel TV“ auf RTL wieder aufgewärmt, die 20.000 fielen auch dort.

  7. Stefania
    Am 3. Januar 2011 um 14:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

    @simon … wie wäre denn wenn wir mal an dir eine Scheibe abschneiden und die den Pferden füttern, damit die was zum Fressen haben? Solch unkompetente Kommentare schließen mal wieder daraus wie dumm manche Mitbürger sind.

  8. Frederike
    Am 31. Januar 2011 um 22:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

    @Stefanie oh mein Gott, ich gebe dir sowas von Recht!! Wie mich solche Menschen ankotzen!
    Klaaar die Leute dort brauchen auch etwas zu essen, aber solche obszönen und unpassenden Kommentare, also bitte…..

  9. Alexandra
    Am 14. Juni 2011 um 21:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hallo Liebe Lesende,

    Ich moechte gerade mal etwas licht auf diese Sache werfen.
    Ich lebe seit 7 Jahren in Irland und hab Jahrelang in der Pferdeindustrie gearbeitet.
    Die Zahl 20.000 wird auch bei uns in den Medien erwaehnt, davon mal abgesehen kann niemand eine genaue Zahl dazu geben. dadurch das jeden Tag neue Pferde verhungert und verwahrlost gefunden werden.
    Die Tierschutzgruppen sind Grundsaetzlich ueberfordert mit dem Problem und die Irische Regierung dreht Ihren Ruecken dazu.
    Eines der groessten Probleme zur Zeit ist der Mangel eines neuen Tierschutzgesetzes, das jetzige stammt von 1911.
    Was dann noch dazu kommt sind die sogenannten Horse Pounds, eine staatliches Tierheim fuer Pferde, wo ein Pferd, Pony oder Esel eine frist von 7 Tagen bekommt um von seinem Besitzer abgeholt zu werden und wenn niemand auftaucht, eas meistens der Fall ist wird es dann entsorgt(geschlachtet oder eingeschlaefert)
    Das sind die wirklichen fakten und die Pferde hier in Irland koennen jede Hilfe gebrauchen die sie bekommen koennen, ist nunmal nicht die Schuld der Pferde das die Menschen so grausam sind.

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