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„Österreich“: Taktlos bis über den Tod hinaus

Die Gratiszeitung „Österreich“ stempelt in der Ausgabe vom 15. Mai einen psychisch kranken Mann, der noch dazu Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, als „Gemeinde-Bau-Ekel“ ab. Und das natürlich boulevardwirksam auf dem Titelblatt und im Artikel auf Seite 8.

Nicht einmal Menschen mit (psychischer) Behinderung sind also vor vorverurteilender Berichterstattung gefeit. Die Redakteure bezeichnen das Mordopfer als „Gemeindebau-Ekel“, im Artikel sogar als „Gemeindebau-Schreck“. Sie bezichtigen ihn auch des Drogenmissbrauchs:

Laut Anrainer dürfte Frühpensionist Andreas T., der alleine wohnte, ein Drogenproblem gehabt haben.

Außerdem informiert die Redaktion über sein Schizophrenie-Leiden.

Den „ekelhaften“ Eindruck des Opfers komplettiert die Gratiszeitung noch mit dieser Aussage des Nachbarns:

„Wenn er wieder einen Schub hatte, hat er alle angepöbelt.“

Fest steht: das Opfer kann sich nicht mehr verteidigen. Der psychisch kranke Mann, der weder absichtlich noch mutwillig zum „Gemeindebau-Schreck“ wird, kommt im Artikel beinahe schlechter weg als der 16-jährige Täter. Dieser wird nur kurz als „Straßengangster“ bezeichnet.

Das Traurige daran ist aber, dass uns diese pietätlose Arbeitsweise bekannt vorkommt.

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1 Kommentar(e)

Antonik Seidler - Am 01. Juni 2013 um 00:03

Das Traurige daran, dass es den Historiker an die Massen-Mentalität der Zwischenkriegszeit erinnert. Wenn „Ausländer“ – ob sie solche sind oder nicht – Taschendiebstahl begehen, wird selbiger meist wie ein Schwerverbrechen gedichtet – weil böse Randgruppe. Wenn der österreichische Familienvater Frau und Kinder mit einer Axt erschlägt, handelt es sich lediglich um eine „Familientragödie“ – weil guter Zuunsgehöriger.

Und wenn nun ein psychisch problematischer Frühpensionist ermordet wird, versucht man am Rande der Legalität diesen als selbst schuldigen Täter darzustellen, den Mörder als Befreier – weil Frühpensionisten seien nicht effektiv und damit Landesverräter (siehe Nationalsiozialismus, wahlweise auch Stalinismus/Maoismus, g’hupft wie g’hatscht) und „psychisch Kranke“ seien ohnehin unwertes Leben.

Das kann man natürlich so nicht schreiben, weshalb man sich damit begnügt, die Charakterisierung der Beteiligten nicht durch ihre eigentlichen Taten herzuleiten, sondern durch das Volksempfinden, dass lange genug in eine bestimmte Richtung hin manipuliert wurde.