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Wie die Kronen Zeitung den Mythos der Bettelmafia schürt

Eines muss man der „Krone“ lassen: Wenn sie sich in ein Thema verbissen hat, bleibt sie hartnäckig dran. Mit beinahe allen Mitteln. Da werden Zusammenhänge herbei fantasiert, Quellen unsauber angegeben und Menschen pauschal verurteilt. Dieses Mal im Visier: Die ominöse „Bettelmafia“.   

Die Story ist eingängig und wird seit Jahren nicht nur vom Boulevard verbreitet: Eine osteuropäische Bettelmafia zwinge verarmte Menschen auf heimischen Straßen zu betteln. Von diesem Geld leben die „Bosse“ in den Heimatländern in Saus und Braus. Beweise dafür sind bis heute rar. Natürlich sprechen sich zwar auch arme Menschen ab und „organisieren“ etwa eine gemeinsame Fahrt und Unterkunft. Mafiöse Strukturen im großen Stil konnten allerdings auch in wissenschaftlichen Arbeiten nicht nachgewiesen werden. Fakten scheinen für die Krone aber ohnehin zweitrangig zu sein – wie eine Artikelserie im Jänner zeigt.

Krone SBG Bettler-Bosse leben in Villen 2014-01-19_Krone_Sbg_22 2014-01-20_Krone_Sbg_10 2014-01-20_Krone_Sbg_11 2014-01-21_Krone_Sbg_20 2014-01-21_Krone_Sbg_21

Den Anfang macht die Salzburger Krone am 19. Jänner. Dort kommt ein rumänischer Botschaftsrat zu Wort, der über die Existenz einer Bettelmafia erzählt. Für die Krone sind das bereits unumstößliche Tatsachen.

Schon am folgenden Tag legt die Zeitung nach und liefert die passenden Bilder zu den Aussagen des Botschaftsrates. Sie stammen aus dem rumänischen Dorf Buzescu und wurden von „National Geographic Deutschland“ aufgenommen. Zu sehen sind posierende Kinder, die nicht gerade einen sympathischen Eindruck machen, und bizarr anmutende Villen in kitschigem Prunk.

Villen in Rumänien

Für die Krone ist klar:

„Ihre Besitzer sind Roma. Clans, die verarmte Menschen zum Betteln ins reiche Westeuropa schicken und auch noch mit „Metallhandel“ ihr Geld machen.“

Den Zusammenhang zwischen den Bildern aus Buzescu und Bettlern in Österreich stellt aber nur die Krone her, denn der Autor des National Geographic-Artikels Tom O‘Neill erwähnt das Thema Betteln mit keiner Silbe. Im Gegenteil: Dort steht, das Geld sei mit Altmetallhandel nach dem Zusammenbruch des Kommunismus verdient worden. Nicht nur, dass die Krone einen Zusammenhang zwischen den Bildern und einer Bettelmafia behauptet, sie suggeriert auch noch, dass es sich dabei um das Rechercheergebnis der deutschen Kollegen handelt. 

Armenpfarrer Pucher in der Krone

Immerhin lässt die Salzburger-Krone in ihrem nächsten Artikel am 21.1. die „Gegenseite“ zu Wort kommen, in Gestalt des „Armenpfarrers“ Wolfgang Pucher aus Graz. Er bestreitet die Sichtweise der Krone vehement.

Und doch ist die Artikelserie in der Salzburger-Krone nichts im Vergleich mit der Oberösterreich-Ausgabe wiederum einen Tag später, am 22.1. Denn die Linzer Redaktion betätigt sich als journalistischer Resteverwerter und formt aus den haltlosen Behauptungen der Salzburger-Krone einen eigenen Bericht, bei dem man den Eindruck bekommt, die Zeitung selbst habe nach langer Recherche endlich die Bosse der Bettelmafia überführt.

 

Wieder verwendet man die eigentlich harmlosen Bilder von „National Geographic“. Plötzlich scheint die Krone aber zu wissen:

„Diese Villen werden mit Bettlergeld finanziert.“

OÖ-Krone OÖ Krone 2

Als Fotocredit liest man „Krone“. Ein Hinweis auf „National Geographic“ oder Metallhandel? Keine Spur.

Ungeachtet dessen, wie die fotografierten Villen tatsächlich finanziert werden, ob es in Zusammenhang mit der Armutsmigration auch kriminelle Strukturen gibt und inwieweit osteuropäische Bettler Opfer solcher Strukturen sind: Augenscheinlich ist der Krone beinahe jedes Mittel recht, um die Ressentiments in der Bevölkerung und den Mythos der Bettelmafia weiter zu bedienen.

Das zeigt auch die Wiener Ausgabe am 23.1. Am Titelblatt heißt es:

2014-01-23_Krone_Wien_01xTatsächlich geht es im Artikel um einen Vater, der seine Kinder an einem Bahnhof in Wien aussetzte. Ein tragischer Fall, keine Frage. Was das aber mit einer „Mafia“ zu tun haben soll, das weiß vermutlich nur die Krone.

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8 Kommentar(e)

Shana - Am 07. Februar 2014 um 14:43

Das die KRONE seit jeher ein Revolverblatt war und ist, die schon im Vorfeld Menschen „abstempelt“, gerne denunziert und sich auf jornalistische Freiheit beruft, ist nichts Neues. Diese „Zeitung“ würde ich niemals kaufen und schon gar nicht lesen. Denn wenn man bleogen werden will, hält man sich doch an die Politiker und nicht an ein Schmierblatt, dass ständig in Berichten Halbwahrheiten verbreitet, oder gänzlich erfindet.

Shana - Am 07. Februar 2014 um 14:46

Das die KRONE seit jeher ein Revolverblatt war und ist, die schon im Vorfeld Menschen „abstempelt“, gerne denunziert und sich auf jornalistische Freiheit beruft, ist nichts Neues. Diese „Zeitung“ würde ich niemals kaufen und schon gar nicht lesen. Denn wenn man belogen werden will, hält man sich doch an die Politiker und nicht an ein Schmierblatt, dass ständig in Berichten Halbwahrheiten verbreitet, oder gänzlich erfindet.

Weekly Leseempfehlung vom 7. February 2014 | off the record - Am 07. Februar 2014 um 16:00

[…] Wie die Kronen Zeitung den Mythos der Bettelmafia schürt via Pocket […]

nömix - Am 08. Februar 2014 um 18:19

@ Shana,
Revolverblatt ja, zugleich ist die Krone aber auch Österreichs auflagenstärkstes Volksbildungsorgan, deswegen sollte der Effekt solcher öffentlicher Stimmungsmache-Geschichten nicht unterschätzt werden.

AKTIVE ARBEITSLOSE - Am 09. Februar 2014 um 10:22

Am besten immer gleich eine Beschwerde beim Presserat machen und dessen Reaktion auch mal thematisieren, denn das ist einfach ein unsägliches Salzamt das primär dazu dient, schärfere gesetzliche Regelungen über die Verantwortung der Medien zu verhindern.

http://www.presserat.at

Wie die Kronen Zeitung den Mythos der Bettelmafia schürt (Text: Kobuk) | BettelLobbyWien - Am 09. Februar 2014 um 22:14

[…] Weiterlesen […]

Gast - Am 11. Februar 2014 um 12:09

„Zu sehen sind posierende Kinder, die nicht gerade einen sympathischen Eindruck machen, “
Das Foto kommt noch dazu von Martin Parzer, also ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass diese Kinder in Linz und nicht in Salzburg fotografiert wurden.