Wir lesen Zeitung
und schauen fern.

Ich weiß, was du, Heute, auf Wikipedia getan hast

„Heute“ feiert 10. Geburtstag. Für die Fans gibt es schmerzbefreite Politiker-Selfies auf Twitter, für die anderen “Dossier”. Doch während das Alter von „Heute“ feststeht, ist das Alter seiner Herausgeberin auf Wikipedia erstaunlich umkämpft. Und das führt zu überraschenden Einsichten.

Über dreieinhalb Jahre hat jemand auf Wikipedia immer wieder versucht, das Geburtsjahr Eva Dichands von 1973 auf 1975 zu ändern. Seit Ende 2010 stammten alle diese Fälschungsversuche direkt von einer IP-Adresse des „Heute“-Verlags. Stets wurden diese anonymen Änderungen von anderen Wikipedia-Autoren wegen fehlender Belege abgewehrt.

Im Mai 2012 stellte „Heute“ dann aber selbst einen falschen, verjüngten Lebenslauf von Eva Dichand als PDF auf Heute.at online (

Sollte die Datei zwischenzeitlich gelöscht werden, hier eine Kopie (PDF).
). Kurz darauf vermerkte der oder die anonyme Autorin aus dem „Heute“-Verlag diese „offizielle“ Quelle. Und seither steht stand auf Wikipedia bei der „Heute“-Chefin ein falsches Geburtsjahr:

evad-dichand-wp

Bevor nun Zweifel aufkommen: Eva Dichand ist tatsächlich 41, und damit zwei Jahre älter als man uns glauben machen will. Das ist notariell im Firmenbuch beglaubigt:

Musterfirmazeichnung_Eva_Dichand

Wir wollen hier aber gar nicht weiter auf dem Alter Eva Dichands herumreiten. Viel spannender ist, was der oder die anonyme Autorin oder die Autoren unter den

Hier die betreffenden IP-Adressen mit allen verlinkten Wikipedia-Aktivitäten:
213.235.233.58, 88.117.8.15, 188.22.163.82 und 78.142.182.178 („Heute“-Verlag AHVV).
auf Wikipedia sonst noch so getrieben hat oder haben.

Wikipedia-User, die Eva Dichand verjüngten, editierten demnach auch:

Auflagezahlen, Erfolgsmeldungen und PR-Details der Gratiszeitung „Heute“.

Gesundheitstipps für Trägerinnen von hohen Absätzen.
Sticheleien gegen den Journalistenkollegen Christian Ortner:

„Ortner vertritt in seinen Artikeln, Kommentaren und Kolumnen eine intellektuell eher schlichte Variante des Wirtschaftsliberalismus.“

Sehr viele Sticheleien gegen das Konkurrenzblatt „Österreich“:

„Das Blatt hat noch immer schwere logistische Probleme im Vertrieb.“

„In Wien wurden unzähliche [sic!] Entnahmeboxen – ähnlich denen der Gratiszeitung HEUTE- vor den U-Bahnabgängen im Freien aufgestellt. Bei schlechtem Wetter bleiben diese meist zu [sic!] großteil [sic!] voll.“

„Das Tageszeitungsprojekt wurde allerdings nicht wie erwartet vom Markt angenommen. […] Im Gegensatz zu seinen Magazingründungen bläst Fellner hier eisiger wind [sic!] entgegen. Die kolportierten 60 Mio. Anfangskredit mußten [sic!] bereits verdoppelt werden. ein Großteil der Auflage wird durch Gratisverteilungn [sic!] erzielt.“

➡ Und dann bringt „Heute“ noch das bemerkenswerte Kunststück zuwege, ein Gerücht anonym zu streuen und gleichzeitig „mit Nachdruck“ zu verneinen:

„HEUTE gilt für Brancheninsider als das Abwehrprodukt der Mediaprint gegen die neue Tageszeitung ÖSTERREICH, die zum Großteil ebenfalls gratis verteilt wird. Eine Verbindung zwischen Mediaprint bzw. der Familie Dichand wird von beiden Seiten mit Nachdruck verneint.“

Ein Gerücht, das angesichts der vom Rechercheteam „Dossier“ dokumentierten Fidelis-Connection zwar harmlos scheint, aber das die WAZ als Hälfte-Eigentümerin der „Krone“ brennend interessieren dürfte. Denn ohne die Zustimmung der WAZ war es Hans Dichand versagt, neue Zeitungen zu gründen. Interessant, dass dies vom „Heute“-Verlag offenbar selbst in den Raum gestellt wurde. Wenn auch – vermeintlich – anonym und „mit Nachdruck“ verneinend.

Neugierig geworden auf noch mehr „Heute“-Interna, -Rätsel und -Zusammenhänge? Die Kollegen bei „Dossier“ haben da so einiges zusammengetragen.

 


Zur Erklärung: Viele Links in diesem Artikel führen zu einer „Änderungsansicht“ auf Wikipedia, die die Unterschiede einer Bearbeitung zur Vorversion eines Artikels darstellen. Einfach linke und rechte Seite vergleichen.

Wir legen Wert auf die Feststellung, dass wir über keine Beweise verfügen, dass all diese Wikipedia-Bearbeitungen tatsächlich von Frau Dichand persönlich oder auf ihre direkte Anweisung hin entstanden wären, oder ob hinter den Änderungen eine Person oder eventuell auch mehrere, sich eine IP-Adresse teilende Personen standen. Jeder möge sich anhand der dokumentierten Fakten selbst eine Meinung bilden.

(Danke an @dossier für den Hinweis in dieser Sache gestern auf Twitter!)

"Krone" zündelt mit unwahrer Titelstory gegen Asylwerber
“Heute” druckt 32 Jahre alte Titelstory

11 Kommentar(e)

Franky - Am 11. September 2014 um 17:51

uuund da is das datum schon wieder auf 73 geändert mit referenz auf diesen artikel

Apo - Am 11. September 2014 um 18:14

Nächstes Jahr wirds dann 76 sein.. Frauen werden ja jährlich 39 😀

Rainer - Am 11. September 2014 um 21:37

UND: wer weiß da schon, ob Frau Dichand wirklich eine „Frau Doktor“ ist …?

Andreas - Am 12. September 2014 um 00:27

Frau Doktorin ist sie ziemlich sicher: http://permalink.obvsg.at/AC02447972

Matthias - Am 12. September 2014 um 09:15

Zumindest kann man davon ausgehen, dass Dichand von dem gefakten Lebenslauf wusste. Unvorstellbar, dass irgendein Mitarbeiter ohne Rücksprache mit der betroffenen Person im Lebenslauf auf der Unternehmenshomepage das Geburtsjahr der Chefin fälscht.

alex - Am 12. September 2014 um 18:20

@Apo

Doch nicht 39, das klingt wie fast vierzig, 38, das 75iger Baujahr war nur die Vorbereitung, irgendwann ist sie dann auch wieder 28, das klingt noch frischer 😉

Der Niederbruch › Journal Emanuel-S - Am 16. September 2014 um 17:42

[…] Noch amüsanter ist zudem auch das Alter von Frau Dichand, denn da geht es ebenso heiß her auf Wikipedia und anonymen Heute-IP-Adressen, die da rumbasteln und die Gute mal eben verjüngen. […]

Abonsu - Am 19. September 2014 um 16:41

Das ist doch kalter Kaffee. Das jüngste Beispiel, das ihr anführt stammt vom Mai 2012, die meisten Sachen aus 2008 oder 2009.

Regina - Am 20. September 2014 um 18:32

Rechnet sie mit der Verleihung der „Fields Medaille“ ?

Anon - Am 23. September 2014 um 22:29

Wow, jetzt gibts hier schon Spam. Ich fürchte ihr braucht Captchas für die Kommentare.

Hans Kirchmeyr
Hans Kirchmeyr (Autor) (Autor) - Am 23. September 2014 um 23:49

@Anon: Och, Spam gibt’s hier schon länger – im letzten halben Jahr hat der Filter 30.204 Spamkommentare abgewehrt. Ein paar rutschen immer wieder durch, aber da räumen wir manuell hinterher. Noch geht’s ohne Captcha 🙂