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und schauen fern.

„Krone“ zündelt mit unwahrer Titelstory gegen Asylwerber

Es war die „Krone“-Schlagzeile der Woche in Salzburg und wurde auf der Facebook-Seite von FPÖ-Chef Strache umgehend zum meistgeteilten Posting des Jahres:

Salzburger Mindestrentnerin muss aus
Wohnung raus, weil Asylwerber kommen

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Einer 72-jährigen Mindestrentnerin sei also laut Kronen Zeitung völlig überraschend die Wohnung gekündigt worden. Sie müsse jetzt bis Ende April 2015 räumen, damit Asylwerber einziehen können.

Die schäbige Motivation des Wohnbauträgers ist für die „Krone“ als Kennerin der Asylpolitik und der Wohnungsvergabe klar:

Für Kenner der Asylpolitik und der Wohnungsvergabe ist die Sache klar: Pro Asylwerber gibt es 19 Euro vom Bund, […] in einer Wohnung sind es dann 2300 bis 3000 Euro im Monat für den Vermieter — in diesem Fall für die Wohnbauträger.

Das „Dumme“ nur, die Dame muss gar nicht aus der Wohnung raus: Bereits im August war auf Ersuchen ihres Sohnes eine Verlängerung des Mietvertrags zustande gekommen. Der „Krone“-Redakteur wusste das, drehte es aber für den flüchtigen Leser so, als sei diese Zusage erst nach seiner Anfrage aus Kulanz erteilt worden.

Der Mietvertrag war auch nie gekündigt worden: Er war von vornherein auf drei Jahre befristet und sollte 2015 ganz normal auslaufen. Die Wohnung war der Frau dem Vernehmen nach als Übergangslösung zur Verfügung gestellt worden, nachdem sie als Hausbesorgerin im Bereich ebenjener Wohnbaugesellschaft in Rente gegangen war.

Und es kann nicht um das Geld für Asylwerber gehen: Die betreffende Wohnung ist Teil eines speziellen Pools von Startwohnungen für bereits anerkannte Flüchtlinge (nicht Asylwerber). Diese müssen ein Dienstverhältnis nachweisen und ihre Miete selbst bezahlen. Womit das von der Kronen Zeitung unterstellte Abgreifen von Asylgeldern durch die Wohnungsgesellschaft hinfällig wäre.

Das legen jedenfalls die ausführlichen Stellungnahmen von Wohnbaugesellschaft und Diakonie nahe. Das Perfide: Diese Klarstellungen enthalten keine Information, die dem „Krone“-Redakteur — der übrigens auch schon für diese Bettlerhetze verantwortlich zeigte — nicht schon vor Veröffentlichung seiner stürmerischen Schlagzeile hätte bekannt sein müssen.

Aber mit der Headline …

Frau möchte in Startwohnung für Flüchtlinge bleiben.
Befristeter Mietvertrag auf Bitte des Sohns verlängert.

… lässt sich halt schwer gegen Asylwerber und Flüchtlinge Stimmung machen.

Tag 2: „Krone“ vs. Realität

Wie sehr die Realität der Kronen Zeitung manchmal ungelegen kommt, merkt man an der Fortsetzung der Geschichte, die bereits am Vortag groß angekündigt worden war:

In Salzburg jetzt aufgedeckt:
Zweihundert Wohnungen an Flüchtlinge

Es lässt sich nur mutmaßen, aber wahrscheinlich war eine große „Aufdeckerstory“ über Asylwerber geplant, die Österreichern geförderte Wohnungen wegnähmen. Das „aufgedeckt“ ist trotzig auf der Titelseite verblieben, wirkt mangels Missstand aber seltsam verloren und deplatziert.

Der Artikel im Blattinneren ist dann auch weniger mit Aufdecken beschäftigt, als mit wortreichem Zudecken und Nachreichen der unterschlagenen Fakten in der Falschmeldung vom Vortag.

Da heißt es gleich eingangs, bemerkenswert umständlich und trotz Kürzungen nahezu unlesbar:

2014-09-05_S18_Sbg_Krone_aufgedeckt_FaksimileDer Fall der […] Pensionistin […], die […] nach dem auf drei Jahre befristeten Vertrag die Wohnung wieder räumen hätte sollen, hatte — wie schon berichtet — ein zumindest vorläufig gutes Ende. Frau Z. wurde nach dem Schreiben vom 11. August (die „Krone“ druckte es am Donnerstag ab), dass man die Wohnung dringend für Flüchtlinge brauche — innerhalb einer Woche (am 19. August) per mündliche [sic!] Zusage für drei Jahre verlängert.

So liest es sich, wenn die Rechtsabteilung neben dem Redakteur sitzt.

"Asylrekord": Krone leidet unter Gedächtnisverlust
Ich weiß, was du, Heute, auf Wikipedia getan hast

13 Kommentar(e)

finefin - Am 06. September 2014 um 11:10

Moment… Frau Z. wurde für drei Jahre verlängert? Die arme Frau…

akinmagazin - Am 06. September 2014 um 14:07

ich würd das gern in der akin nachdrucken. darf ich? mit quellenangabe selbstverständlich!
ligrü
bernhard redl

Hans Kirchmeyr
Hans Kirchmeyr (Autor) - Am 06. September 2014 um 14:21

@akinmagazin: Gerne!

JoAnn - Am 06. September 2014 um 14:30

Da wird sie froh sein, dass die Krone ihr erlaubt hat zumindest 75 zu werden. Wenn sie dann den armen jungen Österreichern den Platz wegnimmt, wird sie halt dann halt nicht mehr verlängert werden.

Die Verantwortung der Medien | Alex Eisenmann - Am 06. September 2014 um 20:09

[…] Hier der Link zu den wahren Hintergründen […]

Mik - Am 07. September 2014 um 18:19

Tja, so sind sie eben, die reißerischen Tageszeitungen. Nur schade, dass so viele Menschen diese Schundblätter lesen.
Andererseits trifft’s großteils eh Menschen ohne Hirn oder FPÖ-Wähler, wie diese Sorte Mensch auch genannt wird… 😉

Sweet lé Crystal - Am 07. September 2014 um 21:05

Da ist nicht die Zeitung schuld, da sind alle Beteiligten schuld. Alle hier, die über andere lästern, ihr könnts euch alle selber an der Nase nehmen!

Der Fall mit der Zeitung ist ein klarer Fall von überdramatisierung. Jeder macht aus einer Mücke einen Elefanten, weil der Empfänger es anders versteht, als es der Sender gemeint hat.

Lest auch zwischen den Zeilen! Nicht nur das gedruckte! Vor allem, schaltet euer Hirn ein, und lästert nicht gleich, wenn ihr nicht richtig in das Thema eingebunden seid!

Sweet lé Crystal - Am 07. September 2014 um 21:21

Nachdem ich mir den Artikel zwei mal durchgelesen habe, geht daraus hervor das es sich von Anfang an um Starthilfe Wohnungen gehandelt hat, welche von Beginn an auf drei Jahre befristet sind. Aus dem einfachen Grund, damit man in Österreich Fuß fassen kann und sich ein Leben aufbauen kann. Drei Jahre sind nun mal drei Jahre, in diesem Zeitraum hätte diese Dame genügend Zeit gehabt sich eine passende Wohnung zu suchen, man sollte halt seinen Mietvertrag auch durchlesen.

So hat man mal wieder die #Heimat #Kärnten ausgenutzt …

So werden freiheitliche Mandatare mit Steuergeld fürs Hussen teuer bezahlt | Prono Ever - Am 08. September 2014 um 06:54

[…] Es ist aktuell wieder einmal zu erfahren, wofür beispielsweise He.-Chr. Strache monatlich über dreizehntausend Euro an Steuergeld brutto kassiert: für das Lesen der Kronen-Zeitun…. […]

Schmidt321 - Am 08. September 2014 um 10:57

und der Herr Strache fällt auf den ganzen Blödsinn, den diese BILD-Zeitungs-Kopie verzapft, rein. Daß er da keine kritische Distanz hält, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Intellekt dieses Herrn.

Witzany - Am 08. September 2014 um 14:14

für die auflage macht diese zeitung alles — es wundert mich das seriöse firmen in diesem kleinformat noch webung schalten und sich nicht distanzieren

petra lex - Am 10. September 2014 um 11:29

Danke für die feine recherche. froh macht mich nur eins: dass dieser artikel nicht in der steiermark erschienen ist. das hätte meinen alltag in der stadtteilarbeit wieder mal ordentlich ungemütlich gemacht. bitte wachsam bleiben! lg

abdel - Am 10. September 2014 um 12:40

Finde es witzig das sich eh nur die NICHT österreichischen leute aufregen… bin selber ausländer mit österreichischer Staatsbürgerschaft… das witzige ist halt nur wenn man 2 jahre als Junger Österreicher auf eine wohnungsvergabe wartet, und sieht wie die leute die frisch nach österreich gekommen sind ( BEKANNTE!!!!) gleich ne wohnung bekommen… Wir sind ein schlaraffenland und die falschen leute wissen das einfach nur zu gut.. darum schenke ich dieser debatte dem strache meine zustimmung….. irgendwann kracht es .. und ich hoffe bald!