Krone macht traumatisierte Mutter zur „tobenden Türkin“

Eine Frau verliert ihren Sohn. Sie geht wenig später zu einem Krippenspiel in die Schule ihres Enkels und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Die „Kronen Zeitung“ macht daraus diesen menschenunwürdigen Artikel:

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Eine „tobsüchtige Türkin“ habe mit wildem Geheule das Krippenspiel einer christlichen Schulklasse gestört. Ihre Tochter und ihr Mann sollen sogar noch „in das Geheule“ eingestimmt haben. Erst „hünenhafte“ Polizisten mit „gezückten Pfeffersprays“ konnten „das Trio“ wieder unter Kontrolle bringen.

Ein Brief (Volltext) der Schuldirektorin an die Eltern, den diese uns gegenüber telefonisch bestätigte, lässt die ganze Sache in einem anderen Licht erscheinen: Der Vater eines der Schüler war vor wenigen Wochen bei einem Unfall gestorben. Die Großmutter des Schulkindes, also die Mutter des kürzlich Verstorbenen, besuchte an jenem Abend das Krippenspiel. Die trauernde Frau habe die Klasse in einem Moment betreten, in dem eine Lehrerin kollabierte. Das habe bei der Frau einen Schock ausgelöst. Sie habe einen Nervenzusammenbruch erlitten, die Rettung brachte sie ins Krankenhaus.

Aus dem Brief:
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Die Frau „platzte“ nicht in die Vorbereitungen des besinnlichen Krippenspiel: Sie war schlichtweg eingeladen – wie alle anderen Eltern und Großeltern auch. Warum die Frau einen Nervenzusammenbruch hatte, erwähnt die „Krone“ mit keinem Wort.

Der Artikel der „Krone“ blendet den Kontext aus und beleuchtet ausschließlich den Vorfall des Zusammenbruchs. So völlig losgelöst und verdreht mutet die Szene merkwürdig an. „Aber jederzeit wäre es möglich gewesen, Unklarheiten über die Direktion zu klären“, wird im Brief betont – diese Bemühungen wurden offensichtlich nicht unternommen:

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Stattdessen trägt der Artikel beliebig Elemente – von Schleier über wildes Geheul bis zur rettenden Rolle einer „hünenhaften“ Polizei – zusammen, die auf Kosten einer trauernden Familie und einer Schulgemeinschaft ein Feindbild befeuern.

Update:

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2 Kommentare

  1. Gabi Muschl
    Am 21. Dezember 2014 um 15:24 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich glaube, dass die Krone auf einen sehr guten Weg ist die Menschen zu manipulieren. Ich habe selten etwas Wahres in dieser Zeitung gelesen. Menschen sind leicht manipulierbar und haben verlernt selbst für sich zu denken, nichts wird hinterfragt. Das Privatleben der Menschen wird in keinster Weise respektiert. Würde gerne wissen ob man wirklich nichts gegen diese Zeitung tun kann, würde dies sofort unterstützen.

  2. Torsten Pauleit
    Am 22. Dezember 2014 um 10:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wie bei uns die Bildzeitung – die Würde des Menschen ist unantastbar… (Art. 1 Abs. 1 GG) – schade, das man damit nicht auch
    gegen Schmierenzeitungen vorgehen kann.
    Schöne Weihnachten !

Ein Trackback

  • Von Ein einziger Neujahrswunsch | Georg Sander am 1. Januar 2015 um 14:12 Uhr veröffentlicht

    […] Ich wünsche mir halt ein paar Tage, an denen Boulevardzeitungen nicht auf niederträchtige Art und Weise gegen benachteiligte Bevölkerungsgruppen hetzen, wenn irgendwas ist. Also beispielsweise recherchieren, dass es sich um eine traumatisierte Mutter handelt, nicht um eine „tobende Türkin“… […]