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und schauen fern.

Kategorie: APA

Gestern kursierte eine APA-Meldung durch die österreichischen Medien, der zufolge Cherie Blair eine Armbanduhr ihres Mannes Tony verkauft haben soll. Es handelte sich dabei um ein Geschenk von Silvio Berlusconi. Interessant wird es bei der Angabe zur Marke:

Nach Angaben italienischer Medien wurde die Lucman Marc Titanium-Uhr um 98 Pfund (111,8 Euro) zugeschlagen.

Eine „Lucman Marc Titanium-Uhr“ gibt es jedoch nur in der Agenturphantasie, gemeint war ein Modell der Uhrenserie Locman Mare.

Die Meldung schafft es ziemlich wortgleich auf orf.at, oe24.at, diepresse.com und wirtschaftsblatt.at.  Die nationale Nachrichtenagentur der Schweiz (SDA) bringt die Story auch (z.B. auf bluewin.ch). Abgesehen davon, dass man statt in Euro in Franken rechnet, sind die SDA- und APA- Meldungen ident. Inzwischen hat es die Meldung bis in die Slowakei geschafft. Welche Agentur hier von der anderen abgeschrieben hat, bleibt offen.

Die Agenturen, beziehen sich auf „Angaben italienischer Medien“. Der Ursprung der Story liegt allerdings in England: The Daily Telegraph brachte die Story als Erstes. Italienische Medien verweisen ebenfalls darauf  (z.B. hier). Eine „Lucman Marc“ gibt es jedoch nur in Österreich, Schweiz und Slowakei.

Die Auflösung der Story ganz kurz: Es handelt sich um diese Auktion bei eBay. Laut The Sun verbirgt sich hinter dem eBay Pseudonym 7711cb die britische Ex-First Lady Cherie Blair.

Danke an @Stefan_Ferras, der uns den Hinweis zu dieser Story geliefert hat.

Am 12.10. erschien im „Standard“ und auf DerStandard.at eine (vermutlich von der APA kommende) Meldung unter dem Titel:

Fahrraddiebstahl: Wien unter Top drei in Europa

Das deutsche Online Portal Geld.de hatte in einer Studie die Zahl der Fahrraddiebstähle in 60 Städten in Deutschand, Österreich und Schweiz erhoben.

Screenshot derStandard.at

Screenshot derStandard.at

Die drei deutschsprachigen Länder wurden also kurzerhand zu ganz Europa gemacht und Wien dann gleich aufs Stockerl gehievt.

Auch die Aussage, Wien befände sich unter den Top 3 der untersuchten 60 Städte im deutschsprachigen Raum befindet kann nicht unkommentiert werden lassen: So ist es wenig verwunderlich, dass die Anzahl der Fahrraddiebstähle neben Hamburg und Berlin in Wien am größten ist, sind diese drei Städte doch auch die drei größten im deutschsprachigen Raum.

Bei einem genaueren Blick zeigt sich, dass bei der Zahl der Diebstähle umgerechnet auf die Einwohnerzahl Münster, Bern und Basel die Statistik anführen.

Die Kleine Zeitung war im Stande, die Statistik korrekt zu interpretieren und berichtet über Graz auf Platz sieben der Liste.

Von der Standard-Headline „Wien unter Top drei in Europa“ bleibt jedoch nicht viel über.

Die APA schreibt von einem neuen Rekordhoch des Goldpreises und alle schreiben ab. Seit 2001 steigt der Goldpreis, worüber sich die Medien immer wieder aufs Neue erstaunen. So wurde auch am 6.10. brav vom neuesten Rekordhoch berichtet. Ein Blick auf Wikipedia zeigt, dass der Goldpreis 1980 schon um einiges höher war als heute. Die Grafik wurde mit inflationsbereinigten Zahlen erstellt – was die einzig sinnvolle Art ist, Preisentwicklungen über längere Zeiträume zu vergleichen. Von einem Rekord ist also keine Rede. Inflationsbereinigt war die Feinunze Gold 1980 an der New York Commododities Exchange schon 2312,94 US-Dollar wert, das sind satte 58,9% mehr als der vielfach als Rekordhoch berichtete Stand von 1364,60 US-Dollar vom 7.10.2010.

(Grafik: Wikipedia, gemeinfrei)

Ein Gericht verbietet dem TV-Sender RTL per einstweiliger Verfügung, Nacktszenen der preisgekrönten deutschen Schauspielerin Sibel Kekilli zu zeigen. Kekilli hatte im Alter von 22 Jahren in einem Porno mitgespielt.

Nach so vielen Jahren hat sie es nicht mehr zu dulden, dass die Szenen im Fernsehen ausgestrahlt werden.

..zitiert das Gratisblatt „Heute“ sowie Heute.at das Gericht. Und illustriert den Artikel ausgerechnet mit einer Nacktszene aus besagtem Porno. „Deutschland-Verbot, bei der APA im Archiv“ lautet die speicheltriefend-heuchlerische Rechtfertigung in der Bildunterschrift. Das Kammergericht Berlin hat der BILD außerdem schon 2004 verboten, Nacktszenen aus dem Film abzudrucken. Aber solang’s die APA im Archiv hat..

Die Headline „Verbot ihrer Sexfilme“ ist übrigens schlichtweg falsch, der Gerichtsentscheid bezog sich nur auf eine Ausstrahlung auf RTL.

iPhone 4 - where form meets function. And duct tape. Foto: CC   http://www.flickr.com/photos/jronaldlee/4801102319/APA, dpa und nahezu alle gleich- und zugeschalteten Medien berichteten über die iPhone 4 Antennen-Pressekonferenz, Steve Jobs habe dort verlautet:

„Nach internen Daten des Apple Partners AT&T sei im Vergleich zum Vorgängermodell iPhone 3GS die Rate der Verbindungsabbrüche um ein Prozent gestiegen“

Auch wenn dieser Satz erschütternde 7.150 Google-Treffer bringt (jetzt 7.151), das hat Steve Jobs nicht gesagt. Er sagte: Im Vergleich zum Vorgängermodell 3GS gäbe es beim iPhone 4 weniger als einen zusätzlichen Verbindungsabbruch, pro hundert Gesprächen.

Das klingt recht ähnlich und auch beruhigend wenig. Verdächtig ist hier eigentlich nur die seltsam umständliche Form der Formulierung, die bei einem Rhetorik-Genie wie Steve Jobs stutzig machen sollte. Zu Recht…

Offizielle Zahlen liegen zwar nicht vor, aber Branchen-Insidern zufolge brach beim iPhone 3GS ca. ein Gespräch von hundert ab. Wenn da nun, wie Apple selbst einräumte, knapp eines hinzukommt, dann läge eine Verdoppelung(!) der Verbindungsabbrüche beim iPhone 4 vor — oder eine Steigerung um satte 100 (in Worten: einhundert) Prozent!

Einen Schaden von (vermutlich) plus 100 Prozent auf plus 1 Prozentpunkt kleinzureden, ohne zu lügen und so, dass es die Menschen und Medien tatsächlich schlucken, so ein PR-Genie würde sich wohl auch ein nicht näher genannter Ölkonzern derzeit sehnlichst wünschen.

(Foto: CC James Lee)

Die Innenpolitikseite der Salzburger Nachrichten kümmert sich auch um das russische Militär:

Screenshot: http://www.salzburg.com/online/nachrichten/innenpolitik, 26. 5., 12:30 Uhr

Neben der offensichtlichen Verfehlung des Ressorts wird der Beitrag auch mit einem Bild von Finanzminister Pröll garniert – dieses passt immerhin in die Innenpolitik. Auch die Zahlen dürften ein wenig verrutscht sein: Die Moscow News berichtet von 10%, die das Verteidigungsministerium bekommen würde, der von der APA übernommene Artikel schreibt von 50 Prozent.

Mutmaßungen wie etwa der Wunsch der Innenpolitikredaktion nach einem ähnlichen Sanierungskonzept für Österreich bleiben hier den Lesern überlassen.

Jetzt ist schon wieder was passiert. In einer Linzer Straßenbahn wurde ein 50- bis 51-Jähriger (hier gehen die Überlieferungen auseinander) niedergeschlagen, nachdem er sich über die laute Handy-Musik eines Jugendlichen beschwert hatte.

Hier ein paar Auszüge aus den Überschriften und Anreißern zu dieser Geschichte:

Weil sich ein Fahrgast über seine Musik am Handy aufgeregt hat, schlug ein Bursche zu. („Österreich“, 21.5.2010)

Ein 51-jähriger Fahrgast beschwerte sich bei einer Gruppe Jugendlicher. Ein 19-Jähriger rastete daraufhin aus, schlug und trat auf sein Opfer ein. (OÖN, 21.5.2010)

Ein Jugendlicher, 19, ging in einer Linzer Straßenbahn auf einen 50-Jährigen los, weil sich dieser über die laute Musik aus dem Handy des Burschen beschwert hatte. (Kurier, 21.5.2010)

In einer Straßenbahn ist am Mittwochabend ein Fahrgast (50) von einem 19-Jährigen verprügelt worden; der Mann hatte sich vorher über die laute Handymusik des Jugendlichen beschwert. (Die Presse, 21.5.2010)

Der Jugendliche ging auf den 50-Jährigen los, nachdem sich dieser über die laute Musik aus dessen Handy beschwert hatte. (Der Standard/APA, 21.5.2010)

Den detailliertesten Bericht lieferte überraschenderweise die Kleine Zeitung. Hier erfährt der geneigte Leser nicht nur, an welcher Haltestelle die Jugendlichen zustiegen (Hauptbahnhof), in welche Linie (Nr. 1), ja sogar fast bei welcher Türe („in den mittleren Wagen der Straßenbahngarnitur“) — auch der arabische Migrationshintergrund des Jugendlichen wird dezent thematisiert.

Kein Detail schien der Kleinen zu … klein, um ihren Lesern den Vorgang möglichst anschaulich und nachvollziehbar darzulegen. Bis vielleicht auf dieses hier:

Als der Bursch den 51-Jährigen auch noch mehrfach antippte, schlug ihm dieser entnervt das lautstark tönende Handy aus der Hand — und wurde daraufhin vom 19-Jährigen niedergeschlagen und auch noch mit Fußtritten attackiert. (Kronen Zeitung, 21.5.2010)

Ja, dass der ältere Herr, der sich bei dem Vorfall glücklicherweise nur leichte Prellungen zuzog, nicht bloß nett gefragt, sondern dem Jugendlichen das Handy aus der Hand geschlagen hatte, bevor die Lage eskalierte, das stand meines Wissens tatsächlich nur in „Österreich“ und Krone.

DerStandard.at berichtet über die gescheiterte BAWAG-Volksbanken-Fusion am Donnerstag Abend mit Hinweis auf die Printausgabe am Freitag.  ORF.at zitiert jedoch erst die Montagausgabe. Doch nicht jeder freie Tag ist ein Sonntag.

Die Presse berichtet ebenfalls unter Berufung auf den „Standard“, allerdings auch mit Bezug auf die APA. Wie passt dies mit der Meldung von ORF.at vom gleichen Tag zusammen, wonach von „der APA bis dato keine Stellungnahme“ vorliege?

Korrektur: Im Artikel steht „gegenüber das APA“, also kein Problem.

Das Rezept ist einfach:

  1. Copy and Paste, eine passende Überschrift, für ganz fleißige noch eine Unterüberschrift. Und nach 5 Minuten bei 280°C haben Sie einen fertigen Törtchen- Bericht für Ihre Online-Ausgabe. Weiterverwendung für Print, TV und Radio möglich.
  2. Auch wenn die APA-AGBs (pdf) dies eigentlich verbieten: Verzichten Sie auf Quellenangaben, denn auch gute Köche verraten ihre Rezepte nie.

Wenn es Ihnen gelungen ist, können Sie dieses Rezept mit anderen Freunden teilen und dann haben Sie viele identische APA-Törtchen. Viel Spaß beim Nachbacken!

Sie zweifeln noch? Backen Sie einfach dieser APA-Meldung nach. Orientieren Sie sich dabei an Kleiner Zeitung, OÖ Nachrichten, Krone.at oder Vorarlberg-Online.

Nachricht (Journalismus)
„Die Nachricht ist eine journalistische Darstellungsform und teilt eine Neuigkeit mit […].“

Boulevardisierung
„[…] Die Auswahl der Nachrichten orientiert sich […] nicht mehr ausschließlich an journalistischen Aktualitätskriterien […].“

Update: Da habe ich ORF.at Unrecht getan, ein ganz wenig. Denn diese Boulevard-Meldung ohne Newswert wurde ihm offenbar — man höre und staune — von der APA als Nachricht verkauft. Und der Standard hat da natürlich auch zugeschlagen.