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Kategorie: Heute

Im Goldenen Zeitalter Ovids gab es keine Gesetze, keine Furcht und keine Strafe. Im Goldenen Zeitalter der Autofahrer, das „Heute“ beschwört (Donnerstag-Ausgabe), war der Sprit billig, das Autofahren machte noch Spaß und Gesetze wie das der Inflation schienen nicht zu gelten:

Die Milchmädchenrechnung 35 Euro dividiert durch den jeweiligen Spritpreis mal Spritverbrauch stimmt nur leider nicht. Ich habe den Verbraucherpreisindex befragt, ob 35 Euro früher auch 35 Euro waren – hier das Ergebnis (und ohne Google-Maps-Copyright-Verletzung):

Von wegen Sölden, man kam ums gleiche Geld gerade mal übers Deutsche Eck, lediglich ein Drittel weiter als heute. Basel war erst recht nicht drin, die Füllung Diesel reichte nur bis Ulm. (Alle Formeln und Quellen dazu gibt’s übrigens hier.)

Und da ist noch nicht mal berücksichtigt, dass Autos vor 20 Jahren einen wesentlich höheren Verbrauch – und damit eine niedrigere Reichweite – hatten. (Update: Laut dem dt. Umweltbundesamt sank der Durchschnittsverbrauch von 1991 bis 2009 um 1,7 Liter pro 100 km. Danke an Michael Groh für den Hinweis!)

Ach früher war halt alles viel besser! Und die Autofahrer, ja die armen Autofahrer sind sowieso die Melkkühe der Nation.

Freie, unabhängige Medien sind die Wachhunde der Demokratie. Es ist daher nicht ganz unerheblich, von wem manche ihre schönsten Knochen kriegen — und nach welchen Kriterien. Man darf also schon mal seriös und fachlich fundiert die Presseförderung hinterfragen, in Österreich.

Oder man macht’s wie “Österreich”:

"Österreich", 21. 2. 2012, S. 4/5

Eine Presseförderung, wo die Regierung direkt sieben auflagenschwache Tageszeitungen finanziert, […] gibt es auf der Welt nicht mehr.

Was uns „Österreich“ über die Welt erzählt, sollte man immer mit Vorsicht genießen. Dabei hätte ein Blick nach Europa schon gereicht:

Internationale Zahlenvergleiche (aus diesem PDF, S. 63) sind naturgemäß mit Vorsicht zu genießen, aber weltweit einmalig, wie Wolfgang Fellner schreibt, ist direkte Presseförderung für finanz- und auflagenschwache Blätter keineswegs.

Schon eher einmalig, die Rechenkünste von „Österreich“:

So erhält etwa das regelmäßig von „Österreich“ zitierte unter Ausschluss der Öffentlichkeit erscheinende Wirtschaftsblatt pro verkauftem Exemplar 42 € Förderung. […]

42 Euro pro Exemplar: […] Das Wirtschaftsblatt erhielt 2011 743.850 Euro […] — bei einer verkauften Auflage (Direktverkauf) von 17.547 Stück pro Tag. Das sind 42 Euro Steuergeld pro verkauftem Exemplar!

… wenn das Wirtschaftsblatt an nur einem Tag im Jahr erschiene. Hoffen wir, dass kein flüchtiger „Österreich“-Leser die Fördersumme auf 250 Tage hochrechnet — ich sage nur #oocupyWirtschaftsblatt.

ÖSTERREICH kassiert keinen Cent Presseförderung.

Offiziell nicht. Nach Branchenschätzungen gibt die Politik allerdings jährlich knapp 100 Millionen Euro für mehr oder weniger sinnvolle Inserate aus. Alleine Wolfgang Fellners „Österreich“ soll laut Kurier zwischen 2006 und Mitte 2011 über 35 Millionen Euro für Inserate vom Staat und staatsnahen Betrieben erhalten haben. Das wären im Schnitt über 500.000 Euro pro Monat, das Meiste davon Steuergeld.

Bei „Heute“ ist die Summe ähnlich hoch, für Freunde des gepflegten Déjà-vus:

"Heute", 20. 2. 2012, S. 5

http://www.andreas-unterberger.at/2011/10/wie-viel-zahlt-die-oeffentliche-hand-den-boulevardzeitungenij/

Boulevard ist, wo jeder Tod ein Mord, jeder Diebstahl ein Raub und jeder Wind ein Orkan ist — und sagt jetzt nicht, das sei Betrug.

DJ Ötzi in Miami ausgeraubt
Während einer Mittagspause brachen unbekannte Täter den Produktionswagen auf und entwendeten fast das gesamte Equipment der Filmcrew. […] Auch eine Diebstahlsanzeige [sic!] bei der Polizei Miami blieb bis dato erfolglos.

Und weil’s bei den Kollegen von „Österreich“ grad so toll mit Photoshop geklappt hat, pflanzt auch „Heute“ den DJ ganz unauffällig vor ein paar Archivpalmen hin.

Update 29.1.2012: Was soll man von einer öffentlich-rechtlichen Sendung erwarten, die „Heute in Österreich“ heißt? Hier die Anmoderation der Ötzi-Story im ORF (abrufbar bis 3.2.):

Miami – nicht nur die Top-Touristenattraktion und der Ausgangspunkt für viele Reisende quer durch Florida. Miami zählt auch zu den gefährlichsten Städten von Amerika. Das musste jetzt auch Gerry Friedle alias DJ Ötzi am eigenen Leib verspüren. Er wurde während eines Videodrehs zu seinem neuen Album, das er gemeinsam mit dem US-Country-Duo „Bellamy Brothers“ herausbringt, ausgeraubt. […]

Also noch mal ganz langsam: Ein Fahrzeugeinbruch, in Abwesenheit des Besitzers, ist kein Raub (und hoffentlich auch kein Beleg für die Gefährlichkeit einer Stadt). Zu behaupten DJ Ötzi sei „ausgeraubt“ worden, ist daher ungefähr so zutreffend, wie seinem Gesang reale Körperverletzung zu unterstellen. Obwohl…

(Mit Dank an Erich T. für den ORF-Hinweis)

Eigentlich war die Idee ja gut und recht witzig, aber nicht leicht umzusetzen: Vier Headlines nebeneinander, alle mit demselben Beginn, dem Wort „Zum“ gefolgt von einem nominal gebrauchten Verb und einer kurzen Erklärung.

Drei Mal funktionierte das ganze auch:

Zum Abschied: Salesch sagt baba
Zum Staunen: Klaute Gaga Song-Ideen?
Zum Feiern: 007 ist seit 50 Jahren im Dienst

Doch gerade, als die „Heute“-Redaktion voll in Fahrt war, passierte der Fauxpas:

Poeten sind auch im heute arm dran.

In der Ausgabe vom 6.12. erzählt „Heute“ die Erfolge des spanischen „Tormanngottes“ Iker Casillas  in Bildern:

Doch der gezeigte „legendäre WM-Kuss beim Interview“ ist nur eine Imitation des berühmten Kusses Iker Casillas und seiner Freundin Sara Carbonero bei der WM 2010, wie man auf YouTube erkennen kann (am besten anhand des hineinmontierten Hintergrundes):

Falscher Kuss (Youtube):                                                      Richtiger Kuss (Youtube):

Österreich, die Süddeutsche oder das Abendblatt machten es im Juli 2010 richtig und veröffentlichten das originale Kussbild, auf Heute.at konnte kein früherer Bericht darüber gefunden werden.

(Danke an die beiden in Wien weilenden spanischen Touristen für den Hinweis!)

Die Gratiszeitung „Heute“ infomiert am 2.12. über himmelschreiende Ungerechtigkeiten der heimischen Justiz, über „Wahnsinns-Urteile“, nach denen einmal Lügen so viel koste wie 20 gebrochene Frauennasen:

Auch wenn die konkrete Strafbemessung für Laien schwierig erscheint, sollten Journalisten, die sich darüber lauthals und vorallem publizistisch mockieren, sich zumindest ein wenig schlau machen:

  • Geldstrafen berechnen sich nach Tagsätzen. Lediglich die Anzahl dieser Tagsätze richtet sich nach der Art und Schwere der Tat, und damit auch nach konkret vorliegenden mildernden oder erschwerenden Umständen, wie beispielsweise der (Un-)Bescholtenheit des Täters.
  • Die Höhe dieser Tagsätze allerdings bestimmt sich nach den wirtschaftlichen und persönlichen Umständen des Täters – und ist mit mindestens €4 und höchstens €5.000 festzusetzen (Strafgesetzbuch §19).

Die Strafbemessung ist also nicht einfach ein Preiszetterl, das auf einer Tat klebt. Eine niedrige Geldstrafe kann einfach ein Indiz dafür sein, dass der Täter ein armer Schlucker ist und/oder mildernde Umstände vorlagen.

Sich damit näher auseinander zu setzten,  hätte die Geschichte obsolet gemacht war „Heute“ wohl zu langweilig.

(Danke für den Hinweis an Georg Wageneder.)

Update:

Beispiel für gelungene Kritik an der österreichischen Justiz im Standard.

Bitte nicht nachmachen. Das Gehirn 40 Minuten ohne Sauerstoff und dabei keinen Schaden davontragen, das können nur speziell ausgebildete „Heute“-Redakteure … sich ausdenken:


Bub (2) überlebt 40 Minuten unter Wasser.
Caleb (li.) war in Arizona (USA) in einen Pool gefallen, trieb 40 Minuten lang unter Wasser. Als ihn seine Mama fand, schlug sein Herz nicht mehr. Dann das Wunder: Ärzte holen den Buben im Spital zurück ins Leben — Caleb ist auf dem Weg der Besserung.


Es lief so ab: Der Junge war von seiner Mutter leblos im Pool gefunden worden. Nach über einer halben Stunde gelang es, ihn wieder zu reanimieren — da war er natürlich längst nicht mehr „unter Wasser“. Mittlerweile ist der Bub vollständig genesen und hat glücklicherweise auch keine Folgeschäden davongetragen, die spätestens nach fünf Minuten ohne Sauerstoff irreversibel eingetreten wären, wie „Heute“ heute jeder weiß.

Drei Menschen sprachen mit „Heute“ über „die eine Sekunde, die unser Leben rettete“ – auch Ex-Miss-Austria Patricia Kaiser kam dabei zu Wort.

Äh… kam angeblich zu Wort. Wie die 27-Jährige auf ihrer Facebook-Seite erklärte, gab es nämlich nie ein Gespräch zwischen ihr und „Heute“…

Vielen Dank an @maldungi für den Hinweis!

(… und vergisst dabei einen kleinen Budgetposten)

Die Spatzen pfeifen es schon lange von den Dächern: Österreich hat zu viele Schulden angehäuft und nun drohen ernste Konsequenzen. Dabei wären die so einfach abzuwenden. Jeder Stammtisch kann es. Und die Experten für Steuergeldverschwendung bei „Heute“ sowieso:

(Bild anklicken für Großansicht)


Herr Faymann, Herr Spindelegger! Lesen Sie das hier, dann sparen wir uns 12 Milliarden

Hier einige der, im wahrsten Sinne, revolutionären Sparideen der „Heute“-Redaktion:

  • Ausgediente ÖBBler erhalten künftig keinen, ja wirklich, keinen Euro staatliche Pension mehr (bringt laut „Heute“ 1,7 Milliarden).
  • Alle Staatsgelder für Investitionen der Bahn in unsere Wirtschaft Infrastruktur und unrentable Bahnstrecken werden ebenfalls gestrichen (bringt 2,1 Milliarden).
  • Die Kosten für die Sanierung des Parlaments kennt noch keiner genau, aber „Heute“ weiß: von einem Fantasiebetrag kann man locker die Hälfte abziehen (bringt 250 Millionen).

Bis hinunter zu 29 Mio. geht die Liste. Doch, halt: Ganze 100 Millionen leicht gesparte Euro hat „Heute“ einfach übersehen. Doch das holen wir gerne nach:

Herr Faymann, Herr Spindelegger!
Lesen* Sie das hier, dann sparen wir uns 100 Millionen:

Juristen warnen, dass Politiker mithilfe von Regierungsinseraten die Medienfreiheit untergraben – einen Grundpfeiler der Demokratie. […] Der Staat und staatsnahe Unternehmen dürften an die 100 Millionen Euro pro Jahr für Inserate und Kampagnen ausgeben.

*) Sie können es sich auch anhören: Ö1 Mittagsjournal, “Medienfreiheit in Gefahr

Wie konnte diese demokratieschädigende Steuergeldverschwendung der Sparwut von „Heute“ entgehen? Ach so…

Politikinserate
Anteil am gesamten Anzeigenvolumen von „Heute“: 28 %
Durchschnitt aller österr. Tageszeitungen: 12 %

Quelle: derStandard.at

PS: Falls ihr weitere Ungereimtheiten in den Sparplänen von „Heute“ entdeckt, postet sie bitte in den Kommentaren.

Wie die Kobuk-Leser bestimmt schon wissen, haben die österreichischen Medien so ihre Probleme mit dem Balkangebiet.

Auf den ersten Blick beschreibt ein Artikel in der „Heute“-Ausgabe vom 11.11. die „Reichweiten der vier Mullah-Raketen“, doch wirft man einen genaueren Blick auf die Karte, so fällt auf: In der Balkanregion fehlen zwei Länder, die erst „kürzlich“ unabhängig wurden: Montenegro (seit Juni 2006 unabhängig) und Kosovo (Unabhängigkeit von Serbien wurde im Februar 2008 proklamiert).

Ob „Heute“ uns dadurch mitteilen will, dass die Redaktion diese beiden Länder nicht anerkennen will, oder ob dies bedeutet, dass man in der Redaktion politisch nicht auf dem Laufenden ist, ist Interpretationssache.

Welchen Sinn der Pfeil haben soll, ist auch ein Rätsel. Er beginnt weder in Teheran, noch bei den eingezeichneten Atomanlagen. Er endet noch dazu im Atlantik, wobei er auch auf den Text zeigen könnte. In diesem Fall unterstellt „Heute“ ihren Lesern aber die Unfähigkeit, den Zusammenhang zwischen Bild und daneben stehendem Text zu erkennen.

PS.: Auf Seite 20 in der selben Ausgabe wird der Begriff „Männlichkeit“ definiert:

Wieder etwas gelernt: Ameisen machen Honig.