Wir lesen Zeitung
und schauen fern.

Kategorie: Österreich

Aus unserer beliebten Reihe ÖSTERREICH für Anfänger“:

Regel #9
Gehen Sie bei den Kurzgeschichten in „Österreich“ nie davon aus, dass abgebildete Personen etwas mit der Erzählung zu tun haben. Auch wenn hinzugefügte Augenbalken und Bildtexte es suggerieren.

(Unschärfe v. Kobuk)

„Der jüngste Einbrecher ist jetzt im Waisenheim.“

Rechts das Originalfoto des Waisenknaben auf der Homepage der amerikanischen Bildagentur Getty Images.



Hier weitere Beispiele für diese neue Form von … symbolischem Journalismus in Österreich.

In der Ausgabe vom 23. November möchte uns „Österreich“ auf die Gefährlichkeit von Feinstaub hinweisen und illustriert den Artikel mit einer anatomisch nicht ganz korrekten Darstellung der menschlichen Atemwege:

Die Bronchien der menschlichen Lunge befinden sich logischerweise in der Lunge und nicht in der Luftröhre. Hier eine anatomisch korrekte Version:

Blausen 0770 RespiratorySystem 02 (Lizenz: CC BY 3.0 BruceBlaus - Own work)

(Illustration: BruceBlaus, CC BY 3.0)

 

Seit vorletztem Sommer wissen wir, wer hierzulande Opfer eines Verbrechens wird, braucht sich um seinen Ruf nicht mehr zu sorgen, den erledigt „Österreich“:

"Die kaputte Welt des Mordopfers", ÖSTERREICH, 6. 7. 2010, S. 6


Und weil dem Reporter jemand erzählte, die hinterbliebene Mutter sei mal als Prostituierte bezeichnet worden, schrieb er auch das pflichtschuldig in seinen Mordsartikel*, neben allen anderen Gerüchten, die ihm zugetragen wurden.

Was uns zum Kern führt: In einer Zeitung kann nur stehen, was ihr anvertraut wird (von freien Erfindungen und Facebook-Fragmenten abgesehen). Und mal ehrlich, was würdet ihr „Österreich“ in einem solchen Fall anvertrauen? So kommt es, dass der Ruf eines bis eben noch unbekannten Opfers und seines engsten Umfeldes heute im Zweifel davon geprägt wird, was Wichtigtuer, Überforderte und Gierige dem Boulevard als wahr verkaufen.

Wenn nun aber — wie im Fall einer kürzlich ermordeten Pensionistin — dabei so gar nichts hochkommt, womit man die Privatsphäre Konkurrenz exklusiv vom Platz fegen könnte?

Dann bläst „Österreich“ schon mal den sprichwörtlichen Schuh zum „Familiengeheimnis“ auf:

Familie lebte auf großem Fuß

Drei Eigentumswohnungen, eine Menge Bargeld zu Hause und Schuhgröße 49 –  die Geheimnisse der Familie E. […] „Ich kenne die Familie schon seit Jahren“, sagt Orthopäde Christian Ebner zu ÖSTERREICH: „Derzeit fertige ich dem Sohn gerade einen Maßschuh an. Größe 49.“

[Daneben ein Foto, Bildtext: „Orthopäde Christian Ebner mit dem 49er-Schuh für den Sohn.“]



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*) Kobuk hat damals eine Verurteilung von „Österreich“ durch den Medienrat erwirkt. Der Reporter wurde dem Vernehmen nach zwischenzeitlich zum Ressortleiter befördert und zeichnet auch für die aktuelle Geschichte verantwortlich.

In der Rubrik „Money-Extra“ macht uns die Tageszeitung „Österreich“ vergangen Sonntag darauf aufmerksam, dass man über private Pflegevorsorge nicht früh genug nachdenken könne.

Mit der demographischen Entwicklung in Österreich – die Bevölkerung wird im Schnitt immer älter – drängt sich ein Thema in den Vordergrund: die Pflege.

„Expertenwissen“ kommt von Robert Lasshofer und Luciano Cirinà, die beide in einem kleinen Interview ihre Meinung zum Thema kundtun dürfen. Und dass die beiden dazu eine starke Meinung haben ist klar, immerhin ist Lasshofer Chef der Wiener Städtischen und Cirinà Generaldirektor der Generali-Versicherungen.
Private Pflege-Vorsorge boomt also lt. „Österreich“. Wer jetzt in Panik geraten sollte, weil er eben noch nicht für seine Pflege im Alter vorgesorgt hat, dem sei geholfen: Gleich zwei große Werbeeinschaltungen just jener Versicherungsgesellschaften, die auch ihre Meinung im dazugehörigen Artikel kundtun dürfen, prangen jeweils auf der gegenüberliegenden Seite (Generali) und auf der nächsten Doppelseite (Wiener Städtische).

Und sollte Ihnen der Herr in der Werbeanzeige der Wiener Städtischen bekannt vorkommen – Nein, Sie irren sich nicht. Es ist der Herr vom Artikel auf der vorherigen Seite: Robert Lasshofer, Generaldirektor der Wiener Städtischen. Er darf also gleich zwei mal in der selben Zeitung mitteilen, wie er zu seinen Produkten zur privaten Pflege-Vorsorge steht.

Obwohl wir uns das eigentlich auch so hätten denken können.

Kennt ihr schon den: Was macht ein „Österreich“-Reporter vor dem Bahnübergang?
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Er wartet auf Grün:

"Österreich" (NÖ-Ausgabe), 28.10.2011, S. 18

„Doch wenn eine Bahnanlage ausfällt, dadurch acht Schnellbahnen […] nicht mehr vom Platz kommen und zudem auch noch Ampeln bei 12 Bahnübergängen nicht mehr grün [sic!] werden, ist das ein besonderes Pech“

(Danke an Wolfgang für den Hinweis)

Beide kämpfen auf ihre Art für den Wandel der Medien: Wolfgang Fellner, der „Opa des Inzest-Journalismus“, so die Jury der frisch vergebenen Big Brother Awards. Und A1-Chef Hannes Ametsreiter, ebenfalls geehrt, als Totengräber der Netzneutralität*).

Das verbindet. Und so darf A1 heute auf einer Doppelseite das „Thema des Tages“ einnehmen. Jene journalistische (!) Rubrik im Fellner-Blatt, wo für gewöhnlich Persönlichkeitsverletzungen Rufmord das Wichtigste des Tages abgehandelt wird:

(Bild anklicken für Großansicht)

Ein kleiner Auszug aus dem investigativen Report:

… Neues Super-Smartphone bei A1 … Heute erster Verkaufstag des neuen Apple-Smartphones bei A1 … A1 startete den Verkauf als Erster … Als Erster öffnete Mobilfunk-Marktführer A1 um Mitternacht seine Shops … Im A1-Shop in der Pernhartgasse gab es um Mitternacht eine Produktpräsentation … Größte Stückzahl bei A1 … Bei A1 haben sich mehr als 10.000 Interessenten vorregistriert … „Anfangs gibt es immer zu wenige“, sagt A1-Vorstand Alexander Sperl … Top-Angebote. A1 bietet das iPhone 4S mit Vertrag und iPhone-Paket … Wer jetzt einen der vier A1-Smartphone-Tarife abschließt, hat sein gesamtes Vertragsleben lang doppelt so viele … Doppeltes Freivolumen: In allen vier A1-Smartphone-Tarifen bekommen Neukunden jetzt das doppelte Freivolumen … Und dass auch datenintensive Anwendungen wie Fernsehen am iPhone (A1 TV-App) richtig Spaß machen, dafür sorgt das super-schnelle A1-Netz …

Gezählte 38 Mal wird die Marke auf den beiden redaktionellen Seiten erwähnt. In dieser Ausprägung fällt es schwer, noch von Schleichwerbung zu sprechen. Das ist schon Tourette.

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*) Ohne Netzneutralität entspräche das Internet in etwa einem Kiosk, wo eines Morgens nur mehr „Österreich“ und „Krone“ gut sichtbar aufliegen, weil sie dem Betreiber dafür mehr Geld zahlen als die Konkurrenz. Und Zeitungen, die gar nichts zahlen? „Die hol ich aus dem Lager, dauert nur ein bisschen.“

Überschrift in "Österreich" Serben fielen über zwei Wiener her. Messerstich: Opfer den Hals zerschnitten"Von einer brutalen G’schicht weiß „Österreich“ in der Printausgabe von Sonntag zu berichten:

Serben fielen über zwei Wiener her

Klare Sache. Zwei Wiener, zwei Serben, letztere greifen erstere an und verletzen sie. Ganz so klar ist die Sache doch nicht, wie sich beim Durchlesen des Artikels herausstellt:

(…) Die zwei Unbekannten schimpften die beiden Freunde in vermutlich serbischer Sprache. Plötzlich zog einer der Übeltäter ein Messer aus seiner Tasche und stach dem Wiener, Gerald K., in den Hals. Anschließend flüchteten die beiden Serben in unbekannte Richtung.

Der einzige Hinweis auf die Herkunft der Täter ist also die Aussage der Opfer und einzigen Zeugen, wonach die zwei Männer „vermutlich“ auf Serbisch geschimpft hätten. So schnell kommt man zu einer Staatsbürgerschaft sonst nur mit viel Geld in einem südlichen österreichischem Bundesland.

Ein Gedankenexperiment: Die zwei angegriffenen Wiener sind Slawisten. Und weil sie aufgrund der Aussprache einzelner Wörter genau wussten, dass die Männer serbisch und nicht zB kroatisch gesprochen haben, konnten sie so eine genaue Angabe über die gesprochene Sprache machen.

Selbst wenn man zweifelsfrei – aufgrund der Aussage der einzigen Zeugen, die gleichzeitig Opfer sind – wüsste, dass die beiden Männer serbisch gesprochen hätten, könnte man daraus nicht ableiten, dass es sich um Serben gehandelt hat. Viele ÖsterreicherInnen sprechen (zusätzlich oder ausschließlich) andere Sprachen als Deutsch. Und dass sich „Österreich“ mit den verschiedenen Ländern Südosteuropas ein bisserl schwer tut, wissen wir ja inzwischen.

„Österreich“ schließt aufgrund der Aussage zweier Zeugen vorschnell auf eine Staatszugehörigkeit – vielleicht, weil’s so schön ins Klischee passt?

Die Tageszeitung “Österreich” berichtet in ihrer Ausgabe vom 19. Oktober unter der Rubrik „Wien Aktuell“ von dem Fitnessgerät Powerplate.

Wie es der Zufall so will, findet sich auf der selben Seite eine Werbeanzeige, der auch im Artikel genannten Firma Lifestyleladies, die in Österreich das Training mit dem Sportgerät anbietet.

Der Artikel selbst ist nichts anderes als ein leicht modifizierter Pressetext der der Vertriebsfirma des Fintnessgeräts, welcher auch auf der angepriesenen Homepage heruntergeladen werden kann. Dort findet sich übrigens auch ein Flyer für ein Probetraining. Die Models auf dem Gutschein weisen eine frappierende Ähnlichkeit zu den jungen Damen auf, die uns im Zeitungsbericht so freundlich entgegen lächeln.

Den identischen Text findet man auch auf Oe24.at, wo als „Service“ der Redaktion ein Probetraining bei den Lifestyleladies empfohlen wird.

Eine Kennzeichnung als Werbeanzeige sucht man vergebens.

Interessant ist das ja eigentlich schon: Da fasst das FBI endlich den bösen, bösen Hacker, der die Nacktaufnahmen der Stars von deren Computern und Mobiltelefonen klaut, und dann kommt „Österreich“ und veröffentlicht ebendiese prekären Aufnahmen sowohl in der Print- als auch in der Online-Ausgabe.

Aufatmen. Nach den Hackerangriffen auf Prominente wie Scarlett Johansson (26) und Mila Kunis (28) kann Hollywood wieder ruhig schlafen. Im Rahmen der “Operation Hackerrazzi“ wurde Christopher Chaney (35) nach elfmonatigen FBI-Ermittlungen in Florida festgenommen.

Ob die Stars wirklich so ruhig schlafen können, wenn plötzlich Tageszeitungen anfangen, die viel diskutierten Nacktfotos abzudrucken? Und dazu texten:

Lasziv auf dem Bett: Das Foto war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Dass dies eine Verletzung der Intimsphäre darstellt, scheint „Österreich“ wenig zu stören:

Berechtigte Interessen werden in jedem Fall durch Veröffentlichungen von Aktfotos des oder der Abgebildeten ohne deren Einwilligung verletzt. Die Verletzung berechtigter Interessen liegt hier in der Verletzung des aus dem Grundsatz der Achtung der Privatsphäre erfließenden Selbstbestimmungsrechts […].

(Korn: Einführung in das Kommunikationsrecht)

Woher hat „Österreich“ die Fotos überhaupt? Weder in der Print- noch in der Online-Version des Artikels wird die Quelle des Fotos offengelegt (Ja, eh – vom Iphone der Scarlett, werden viele jetzt denken. Reicht aber nicht). Des Rätsels Lösung finden wir beim Konkurrenzblatt „Heute„:

© Facebook

Wie „Das Biber“ entdeckte, berichtete „Österreich“ in der Ausgabe vom 13. Oktober über den hohen Ausländeranteil in Österreich. Die Grafik wies zumindest einen Fehler auf:

Die „Krone“ toppte „Österreichs“ faux pas in der Krone Bunt vom 16. Oktober und verlegte Serbien nach Bosnien:

Nicht der erste Kobuk vom Balkan.