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Medien erfinden Strafsteuer für Dicke

In Deutschland wird über eine Steuer auf kalorienreiche Lebensmittel diskutiert. Zugegeben, eine umsatzsteigernde Schlagzeile ist das nicht gerade. Für Boulevardzeitungen aber offenbar kein Problem – sie erfanden einfach ihren Teil dazu. Und so wurde aus einer simplen Lebensmittelsteuer eine „Strafsteuer für Dicke“.

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Den Anfang machte die Bild-Zeitung. Sie titelte als erstes mit der „Strafsteuer für Dicke“ und bezog sich dabei auf Edgar Franke. Der  SPD-Politiker schlägt im Artikel aber lediglich „eine Gesundheitssteuer auf besonders fetthaltige und zuckerreiche Nahrungsmittel“ vor. Bekanntlich essen auch dünne Menschen gerne einmal Fast Food und andere Kalorienbomben. Von einer Strafsteuer nur für Dicke kann also keine Rede sein. Der Boulevardzeitung war das aber offenbar egal.

Auf diesen Zug sind dann jedenfalls auch andere Medien aufgesprungen. So versahen unter anderem auch die deutsche Ausgabe der Huffington Post und das Webportal von Microsoft MSN ihre Artikel zur Lebensmittelsteuer mit der Headline „Strafsteuer für Dicke“. Die beiden Medien verwiesen dabei ausdrücklich auf Bild.de. Dieser Schlagzeile konnten dann auch Heute.at und „Österreich“ (9.11, Seite 9) nicht widerstehen und so wurden auch in österreichischen Medien die neuesten deutschen Steuerüberlegungen zur „Strafsteuer für Dicke“.

Ob Franke selbst jemals von einer „Strafsteuer für Dicke“ gesprochen hat, ist fraglich. Weder im Bild-Artikel, noch sonst wo, lässt sich dieses Zitat finden. Vermutlich ist die „Strafsteuer für Dicke“ also der Kreativität der Medien zu verdanken. Denn als Franke im ZDF darauf angesprochen wurde, stellt er klar, dass es um eine Steuer gegen Dickmacher und nicht gegen Dicke gehe. Der Titel der ZDF-Sendung lautete übrigens ebenfalls „Strafsteuer für Dicke?“.

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ZDF: “Jede 3. Hotelbewertung im Internet ist gefälscht.” Echt?

Uwe Frers ist Gründer des Hotelbuchungsportals Escapio. Der folgende Beitrag erschien zuerst auf seinem Blog.

Am Wochenende war ich bei Mama in Bayern. Sie ist 79 und hat von Computern, iPhones oder dem Internet keine Ahnung. Bei frischem Erdbeerkuchen und Filterkaffee mit Sahne wird sie plötzlich ernst und erklärt mir: “Uwe, stell Dir vor, diese Hotelkritiken im Internet sind gefälscht. Kam diese Woche im Fernsehen. Da müsst ihr ganz arg aufpassen.” Ihr Wissen über die offensichtlich kriminellen Methoden der Online-Reiseindustrie hatte meine Mama aus einem Bericht in der Nachrichtensendung “heute” vom ZDF am 4. Juli.

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Wie kam es zu dem Fernsehbericht? Die Geschichte basiert auf einer Studie von Prof. Dr. Roland Conrady der FH Worms (PDF) vom Februar 2012. Im Rahmen der Studie haben drei Studenten 330 deutsche Hotels über ihre Erfahrungen mit Hotelbewertungen befragt. Eine eigenwillige Interpretation der Ergebnisse wurde 2012 bereits dankbar von überregionalen Medien publiziert, wie zum Beispiel Spiegel Online am 9. März 2012 “Online-Portale: Großer Teil der Hotelbewertungen ist manipuliert” oder die NZZ am 4. Mai 2012: “Hotel-Bewertungen im Internet: Fluch oder Segen?“. Als Akteur in der Branche der Online-Hotelvermittler überraschen mich einige Details sowohl bei der Studie als auch bei der Berichterstattung sehr deutlich.

Wer wurde wie befragt? Ausschließlich Hotels. Zum Beispiel wurde unter der Kategorie “Ihre Erfahrung mit gefälschten Bewertungen” gefagt, ob das Hotel bereits unangemessen bewertet wurde. 55% geben keine negativen Erfahrungen an, 32% der Hotels berichten von “Nicht angemessenen negativen Bewertungen über das eigene Haus”. Aber was versteht ein Hotel konkret unter “Nicht angemessenen Bewertungen”?

Wer oder was sind Hotelbewertungsportale? Die Studie wirft hier diverse höchst unterschiedliche Akteure in einen Topf:

  • Allgemeine Bewertungsportale wie Qype oder Ciao. Hier lassen sich verschiedenste Produkte, Dienstleistungen oder Unternehmen bewerten. Diese Portale sind nicht auf Hotelbewertungen spezialisiert. Sie haben keine eigenen Prüfteams, die sich nur mit Hotelbewertungen befassen. Bewertet werden kann ohne Nachweis einer Hotelbuchung:
  • Hotelbewertungsportale wie Holidaycheck oder Tripadvisor: Diese Portale haben sich auf Hotelbewertungen spezialisiert und besitzen eigene Prüfteams sowie Software Algorithmen für die Qualitätskontrolle der eingehenden Inhalte. Zudem können angemeldete Hotels Hotelbewertungen kommentieren. Bewertet werden kann ohne Nachweis einer Hotelbuchung, durch Partnerschaften mit Hotelbuchungsportalen gibt es aber “trusted reviews”, bei denen der Verfasser der Hotelbewertung auch sicher das Hotel gebucht hat.
  • Hotelbuchunsportale wie Booking.com, HRS oder Hotel.de. Hier können nur Reisende ein Hotel bewerten, die über dieses Portal das entsprechende Hotel gebucht haben. Die Mengen sind beeindruckend, alleine HRS verfügt über mehr als 3 Millionen Hotelbewertungen.

Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Während bei allgemeinen Bewertungsportalen theoretisch systematisch gefälschte Bewertung abgegeben werden kann, wird dies bei Hotelbewertungsportalen sehr schwer, bei Hotelbuchungsportalen fast unmöglich. Auffällig ist auch das Fehlen der Dickschiffe der Online-Pauschalreise-Vermittlung wie Opodo, Weg.de oder Lastminute.de. Diese und weitere 100 Anbieter haben über den Technologie-Dienstleiter Traveltainment zusammen knapp eine Millionen Hotelbewertungen eingesammelt (730.000 bis Februar 2012, ca. 200.000 kommen pro Jahr hinzu), die ebenfalls an eine Buchung gekoppelt und damit systematisch nicht zu fälschen sind. Da sich die Studie nur mit Deutschen Hotels beschäftigt, bleiben die Hotelbewertungen dieser Portale unberücksichtigt, obwohl Sie mehrere Millionen Hotelübernachtungen pro Jahr vermitteln.

Summiert man die im Netz erhältlichen deutschsprachigen Hotelbewertungen zusammen, wurde der größte Teil annähernd fäschungssicher über Hotelbuchungsportale generiert, auf Platz 2 folgen professionell agierende Hotelbewertungsportale und am Ende die allgemeinen Bewertungsportale.

Wie werden die Ergebnisse in der Studie interpretiert? Wie vorab schon erwähnt, werden bei “Ihre Erfahrung mit gefälschten Bewertungen” Hotels gefagt, ob das Hotel bereits unangemessen bewertet wurde. 55% geben keine negativen Erfahrungen an, 32% der Hotels berichten unter anderem von “Nicht angemessenen negativen Bewertungen über das eigene Haus”. Daraus wird in der Studie folgendes Resume gezogen: “Fast die Hälfte der Hoteliers: Erfahrungen mit gefälschten Bewertungen” (Chart 28 – pdf). Die Schlussfolgerung von “nicht angemessenen Bewertungen” aus der Sicht eines Hoteliers zur “Fälschung” erschließt sich mir nicht. Die Hotels wurden in der Studie auch gefragt, wer denn wohl die gefälschten Bewertungen geschrieben hätte (Chart 29 – pdf). 27% der Hotels geben an, dass das Wettbewerber waren, 9% sagen, dies käme von dafür beauftragten Agenturen. Moment mal, woher wissen die Hotels das denn?

Wie wird die Studie in den Medien interpretiert? Aus dem Zitat von Prof. Dr. Conrady “Wir haben festgestellt, dass tatsächlich eine Reihe von Fälschungen beobachtet werden können oder sehr sehr einseitige extrem positive oder sehr negative Darstellungen. In der Summe gehen wir davon aus, das ungefähr bei einem Drittel der Beurteilungen Vorsicht angebracht ist, weil es sich entweder um stark irreführende Beurteilungen oder sogar Fälschungen handelt” (im Video ab Sekunde 47) wird online die Überschrift: “Jede dritte Hotelbewertung ist gefälscht”. Es versteht sich zudem von selbst, dass eine Verlinkung auf die online publizierten Studienergebnisse fehlt.

Mein persönliches Fazit: Wie so oft liegt die Tücke im Detail. Insofern würde ich mir von etablierten Medien wie dem ZDF wünschen, das Vertrauen der Verbraucher in das Medium Internet nicht durch eine einseitige und zudem fahrlässig verkürzte Darstellung zu gefährden. Eine ergänzende kritische Analyse der Studienergebnisse durch Branchenkenner hätte eine differenzierte Sicht auf das Thema ergeben. Und das sollte das Ziel einer jeden Medienberichterstattung sein, zumindest beim öffentlich rechtlichen Rundfunk.

Last but not least: Der Erdbeerkuchen meiner Mama war sehr groß, wir waren alleine auf der Terrasse und hatten viel Zeit. Insofern weiß sie jetzt, dass Hotelbewertungen sicher nicht zu einem Drittel gefälscht sind.

Auch in Zweitveröffentl. veröffentlicht | Kommentare geschlossen