Wir lesen Zeitung
und schauen fern.

„Zum Regieren brauche ich nur Bild, BamS (Bild am Sonntag) und Glotze.“ Mit diesen Worten untermauerte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder einst die Macht der „Bild“ in Deutschland. Die größte Boulevardzeitung des Landes nimmt in puncto politischer Berichterstattung auch heute noch eine gewichtige Rolle ein und folgt dabei – gelinde gesagt – nicht immer journalistischen Leitlinien. Das ist auch bei der Berichterstattung über den deutschen Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck der Fall.

In den vergangenen Monaten fuhr „Bild“ eine heftige Kampagne gegen den Grünen-Politiker. Mehrmals pro Woche schrieb die Boulevardzeitung negativ über Habeck – und das nicht nur über seine politische Arbeit, sondern auch über ihn als Person. „Bild“ machte den 53-Jährigen zum Sündenbock für alles Mögliche, was in Deutschland schiefläuft, oder irgendwann in Zukunft einmal schieflaufen könnte.

Im Zeitraum vom 1. Juli bis 31. Dezember 2022 analysierten wir alle Print-Berichte der „Bild“ und „Bild am Sonntag“ über Habeck. Meinungsbeiträge nicht dazu gezählt (dazu später mehr), fanden wir 147 relevante Artikel. Davon waren 101 negativ und 45 in einem neutralen Ton verfasst. Bei lediglich einem Artikel war eine positive Haltung gegenüber Habeck auszumachen. 

Der erste Frame: Habeck ist unfähig

Am häufigsten schrieb „Bild“ Artikel, die darauf hinauslaufen, dass Habeck unfähig und als Minister heillos überfordert ist. In einem Text vom 25. November wurde er beispielsweise zu den drei größten Flops der Ampel-Koalition gezählt.

Ein weiteres Beispiel: Am 27. August berichtete die Boulevardzeitung über „Habecks Horror-Woche“ und sprach dabei von einer „Blamage“ sowie „kleinlauten Nachbesserrungen“. Worum ging es konkret?

Habeck wollte damals eine Gasumlage einführen, mit deren Hilfe er die Gas-Versorgung Deutschlands stabilisieren wollte. Diese Umlage hätte für Haushalte und Firmen bis Ende April Zusatzkosten in Milliardenhöhe bedeutet. Das Geld hätte an Gas-Importeure gehen soll, damit diese Preisschwankungen beim Gas-Einkauf ausgleichen können. Ende Augst kündigte der Wirtschaftsminister eine Änderung an, durch die verhindert werden sollte, dass von den Zusatzzahlungen auch Unternehmen profitieren, die diese nicht benötigten. Und das war laut „Bild“ also die große Blamage?

Medien wie zeit.de oder orf.at sahen das nicht so und berichteten neutral und ausgewogen. tagesschau.de und handelsblatt.com hoben in ihren Artikeln sogar die zu erwartende Entspannung bei der Vorsorge für den Winter hervor. Zur Umsetzung dieser Gas-Umlage kam es übrigens nie – das Vorhaben wurde Ende September begraben.

Komplettiert wurde die vermeintliche Horror-Woche Habecks laut „Bild“ dadurch, dass „sein Plan für mehr und schnellere Kohletransporte per Bahn holpert“. Was die Zeitung nicht erwähnte: Mehr und schnellere Kohletransporte per Bahn waren zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen.

Dieses Beispiel zeigt ein beliebtes Muster der „Bild“-Kampagne: Einordnungen und wichtige Zusatzinformationen fanden in der Berichterstattung meist keinen Niederschlag. Dabei setzte die Zeitung auf Maledicta – also Begriffe, die eine abwertende Bedeutung haben -, um Habeck in ein schlechtes Licht zu rücken. So bezeichnete „Bild“ den Vizekanzler am 17. Oktober als „Streithahn“, mehrfach war im Zusammenhang mit ihm das Wort „Murks“ zu lesen und mitunter unterliefen Habeck auch schon mal „Patzer“ und „Pannen“.

Der zweite Frame: Habeck ist müde und an allem schuld

„Bild“ attackierte Habeck auch persönlich. So wurde nicht nur seine Regierungsfähigkeit in Frage gestellt, sondern auch auf das äußere Erscheinungsbild des 53-Jährigen eingegangen. „Die vergangenen Tage haben Habeck sichtlich zugesetzt: Er hat tiefe Ringe unter den Augen, die Stimme ist leise und kraftlos. Haben die Enthüllungen über seine Atom-Lüge dem Vizekanzler schlaflose Nächte bereitet?“, schrieb „Bild“ Anfang November. In einem Meinungsartikel vom 10. November wurde auf Habeck als „Bückling“ referenziert. Schon am 8. September hatte die Zeitung den Vizekanzler in einem TV-Interview als „müde“ und „angespannt“ wahrgenommen. Auch andere Medien wie spiegel.de oder süddeutsche.de stellten Habeck nach dem Interview mit Sandra Maischberger ein schlechtes Zeugnis aus – der Unterschied: Sie bezogen ihre Kritik auf Inhalte.

Auffällig ist zudem, dass Habeck von der „Bild“ oftmals als Alleinschuldiger auserkoren wurde. „Habeck will offene Ladentüren verbieten!“, „Habeck lässt uns doppelt zahlen!“ und „Diese Dreckschleudern bringt Habeck jetzt wieder ans Netz!“ sind nur drei der Beispiele, bei denen der Vizekanzler als Sündenbock herhalten musste. Zur Erinnerung: Auch in Deutschland müssen Gesetze und Verordnungen in einem Parlament von einer Mehrheit beschlossen werden.

Besonders perfide wurde die Kampagne am 28. September: „Herr Habeck, ein Blackout bedeutet für mich den Tod!“, titelte die Zeitung. Im Text wurde eine 64-jährige Frau zitiert, die im Falle eines Blackouts angesichts einer chronischen Lungenerkrankung vor großen Problemen stünde. Die Zeitung suggerierte also, dass Habeck nicht nur Schuld an einem Blackout hätte, sondern irgendwie auch dafür verantwortlich wäre, sollte diese Frau sterben.

Der dritte Frame: Habeck will Bürger:innen bevormunden

Des Weiteren zeichnet sich die Kampagne der „Bild“ durch die vermeintliche Weltuntergangsstimmung in Deutschland aus, für die Habeck in vielen Fällen verantwortlich gemacht wurde. Vor allem im Zuge der Energiekrise wollte er die Bürger:innen laut „Bild“ dabei auffällig oft bevormunden.

So schrieb „Bild“ nach der Präsentation eines neuen Energiesparpakets am 22. Juli von „Habecks eiskaltem Winter-Plan“ und suggerierte, dass die deutsche Bevölkerung im Winter frieren müsse, wenn sie den Anordnungen des Wirtschaftsministers nicht gehorche. Am 20. August stellte die Zeitung dann sogar die Frage, ob die Grünen gemäß dem „Dusch-Vorbild“ Habeck („schnell“, „kalt“) den Menschen das Duschen verbieten wollen. Nur fünf Tage später malte „Bild“ ein weiteres Schreckensszenario an die Wand: „Regierung befiehlt: Licht aus! Maske auf! Heizung runter!“ Die skizzierten Worst-Case-Szenarien traten – wie wir heute wissen – allerdings nicht einmal ansatzweise ein.

Das i-Tüpfelchen: Habeck und die Meinungsbeiträge

Viele dieser Berichte haben wenig mit Journalismus zu tun, so richtig heftig wurde es aber erst in den Kommentaren der „Bild“. 22 der 23 geschriebenen Meinungsbeiträge (Kommentare und Kolumnen) im untersuchten Zeitraum wiesen eine Abneigung gegenüber Habeck auf. Eine Kostprobe:

  • „Habeck spielt mit unserem Land“, meinte etwa Filipp Piatov in einem Kommentar vom 6. September.
  • Nur zwei Tage später erklärte Jan W. Schäfer, dass Deutschland keinen „Minister Ahnungslos“ brauche: „Mitten in der Krise offenbart Robert Habeck seine Ahnungslosigkeit. Der Minister, der Firmenchefs mit Vorschriften zum Energiesparen belehrt, weiß offensichtlich selbst gar nicht, wie die Wirtschaft tickt.“
  • Am 1. Dezember schrieb erneut Piatov, dass Habeck „Deutschlands Werte völlig umsonst“ verkaufe.
  • Dass sich an der Einstellung gegenüber Habeck auch zu Beginn des Jahres 2023 nichts änderte, zeigt ein Kommentar vom 5. Jänner. In diesem bezeichnete Schäfer den Vizekanzler als „Polit-Egoist“, der „Deutschlands Glaubwürdigkeit und Ansehen aufs Spiel“ setze.

Am 23. Jänner dieses Jahres eine weitere irreführende Schlagzeile. „Regierung verschenkt Energie ins Ausland – und wir zahlen drauf! Der große Strom-Skandal“, titelte „Bild“. Daneben abgebildet: Robert Habeck. Doch wie der Bildblog richtig schreibt: Die Regierung kauft keinen Strom, verkauft keinen Strom und verschenkt auch keinen Strom. Und schon gar nicht Robert Habeck.

Die „Bild“-Kampagne gegen den deutschen Vizekanzler, sie scheint so schnell kein Ende zu nehmen.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.Klimaministerin Leonore Gewessler kommt in den Fellner-Medien überhaupt nicht gut weg. Wieso es sich um eine Kampagne handelt und was das mit Inseratengeldern zu tun haben könnte.

Dabei fing alles so gut an. Als sich in den Medien Ende Dezember 2019 abzeichnete, dass Leonore Gewessler Umweltministerin werden würde, schwärmte Wolfgang Fellner, sie sei eine „spannende Ansage“. Am 18. Jänner 2020 schrieb er sogar:

„Leonore Gewessler ist eine (…) beeindruckende Frau: Die von allen geschätzte Managerin von Global 2000 zur Umwelt-Ministerin zu machen, war ein Geniestreich von Kogler. Sie hat die Ideen und die ­Power für die Umweltwende.“

Von dieser publizistischen Zuneigung ist nichts mehr übrig. Dass oe24/Österreich bestimmte Politiker:innen ganz besonders im Visier hat, ist nicht erst seit der Kampagne gegen die Wiener Stadtpolitikerin Ulli Sima bekannt. Seit geraumer Zeit schießen die Fellner-Medien nun auch gegen Leonore Gewessler.

Wir haben auf oe24.at 319 Artikel gelesen, in denen Gewessler zwischen 1. Juni 2022 und 17. Jänner 2023 erwähnt wird. Konzentriert man sich auf jene, in denen es auch vorrangig um die Grünen-Politikerin geht und sie nicht bloß am Rande vorkommt, bleiben 199 Artikel übrig. Diese haben wir in neutral, negativ und positiv unterteilt. Das Ergebnis spricht für sich:

Diagramm, das die Berichterstattung über Leonore Gewessler in drei Kategorien unterteilt.

In der Printausgabe von oe24 sind die Negativberichte in Relation sogar noch höher: Seit Mitte September kommt Gewessler in über 60 Prozent der 39 Artikel, in denen sie zumindest erwähnt wird, nicht gut weg.

Verschwenderisch, heuchlerisch, spalterisch

Das alleine ist freilich noch kein Grund, eine Kampagne zu vermuten, sondern könnte auch einfach an schlechter politischer Arbeit sowie dem Faktum liegen, dass sie 2022 als Klimaministerin durch die Energiekrise permanent im öffentlichen Fokus stand.

Sieht man sich die Artikel im Detail an merkt man aber schnell, dass da etwas faul ist. Drei Elemente fallen in der Kampagne besonders auf:

Element eins: Was kostet die Welt?

Collage: Gewessler gibt gerne Geld aus.

Oe24 legt großen Welt darauf, Berichte über Ausgaben des Ministeriums prominent zu platzieren. Hundertausende, ja sogar  Millionen von Euro werden da scheinbar nur so rausgeschleudert – eine Einordnung der Ausgaben (etwa Vergleichszahlen zu anderen Ministerien) fehlen. Bestes Beispiel: Am 1. Juni titelte oe24.at „Klimaanlage für die Klimaministerin um 143.100 Euro“. Tatsächlich wurde die Klimaanalage nicht für die Ministerin angeschafft, sondern für einen anderen Standort mit 300 Mitarbeitern, an dem die alte Klimaanlage kaputt war. Oe24 berichtete sogar am nächsten Tag darüber, allerdings nicht unter dem Titel „Richtigstellung“, sondern „Gewessler: Irrer Streit um teure Klima-Anlage“. Aus der Richtigstellung der eigenen Fehlermeldung einen „irren Streit“ zu konstruieren, ist zumindest kreativ.

Element zwei: Die Ministerin ist `ne alte Umweltsau

Collage: Gewessler ist mit dem Flugzeug unterwegs.

Großen Wert legt Oe24 auf die Reiserouten der Ministerin, die berufsbedingt öfter außerhalb Österreichs weilt. Fliegt sie, wird das stets hämisch in einem Nebensatz erwähnt. Ihrer Flugbilanz wurden mehrere Artikel gewidmet. Die Devise: Die Ministerin, welche zum Energiesparen und zu Umweltbewusstsein aufruft, ist selbst eigentlich eine Umweltsau. So kritisiert die Boulevardzeitung auch, dass Gewessler den Weg nach New York mit dem Flugzeug ja mal so gar nicht umweltbewusst zurücklegt. Die Alternativen für den Weg Wien-New York sind aber auch etwas beschränkt.

Ähnlich verhält es sich mit Gewesslers Reise zum Weltklimagipfel ins ägyptische Sharm El-Sheikh. „Auch zum Weltklimagipfel reiste die Klimaschutzministerin so umweltschädlich wie möglich an“ war diesbezüglich in Oe24 zu lesen. Na klar: Sie hätte laut Google Maps ja auch 42 Stunden mit dem Elektroauto bzw. 664 Stunden zu Fuß anreisen können.

Element drei: Immer Ärger mit Leonore

Collage: Gegenwind für Gewessler.

Egal was Gewessler macht – gut ist es nie, die Kritik kommt von allen Seiten. Zumindest kann man bei der Berichterstattung von Oe24 keinen anderen Eindruck gewinnen. Die Tonalität geht dabei weit über journalistische Kritik hinaus. Oe24 framed Gewessler als Verhindererin und Problememacherin. Geschrieben wird von Eklats, Planlosigkeit, Attacken, Vorwürfen, Empörung und Krach. Besonders der verhinderte Bau des Lobautunnels scheint der Redaktion sauer aufzustoßen. Dieser wird als „Lobau-Foul“ bezeichnet. Über Vorschläge und Forderungen von Gewessler wird selten neutral berichtet. Aus ihren Vorschlägen werden so etwa „geplante Provokationen der VP-Landesorganisationen“.

Kritik durch Dritte an Gewessler nimmt ohnehin viel Platz in der Berichterstattung der Fellner-Medien ein. Man könnte daraus fast schon eine PR-Strategie ableiten. Wer eine Headline in den Fellner-Medien will, hat eine hohe Chance, diese durch Kritik an der Ministerin zu bekommen. Ganz nach dem Motto „Wer hat noch nicht, wer will noch mal?“ bekommen etwa SPÖ-Energiesprecher Alois Schroll, Julia Herr, die ÖVP-Wien sowie die Industriellenvereinigung, die ÖVP, die FPÖ durch Christian Hafenecker oder Generalsekretär Michael Schnedlitz prominent Präsenz, Österreichs Bürgermeister üben angeblich gar einen Aufstand gegen die Ministerin.

Herzschmerz statt Lobeshymnen

Von den Vorschusslorbeeren ist zweieinhalb Jahre später nur mehr wenig zu sehen. Das gilt umso mehr für die Kommentare von Wolfgang Fellner und Oe24-Chefredakteur Niki Fellner. An dieser Stelle folgt eine Auswahl von Kommentaren seit Juli.

  • Der Notfallplan der zuständigen Ministerin Gewessler ist ein Witz“, statt Ansagen zu machen gebe sie wie zum Hohn Energiespartipps, die jeder Volksschüler kenne, schreibt Niki Fellner am 10. Juli.
  • In der türkis-grünen Regierung sei „nicht viel zu gewinnen, weil mit Gewessler, Rauch & Co ein sicheres Desaster droht“, schreibt Wolfgang Fellner am 27. August.
  • Am 10. September erwähnt Wolfgang Fellner „viele absurde Gesetze der grünen Umweltministerin Eleonore (sic!) Gewessler“.
  • Am 8. Oktober bezeichnet Wolfgang Fellner Klimaministerin Gewessler und Gesundheitsminister Rauch als grüne „Hofnarren“, denen ein immer mehr an Kaiser Franz Joseph erinnernder Bundeskanzler applaudiere.
  • Der Bahnstreik richte sich laut Wolfgang Fellner „direkt gegen Ministerin Gewessler als (Be-)Herrscherin der staatlichen ÖBB“ (28. November).
  • Am 5. Dezember versucht sich Niki Fellner am Spagat, gleichzeitig härtere Strafen gegen Raser gut zu finden, die Abnahme ihrer Autos allerdings als ideologiegetriebene Maßnahme der „grünen Anti-Autofahrer-Politik“, die von Gewessler versinnbildlicht werde, zu bezeichen. Mit dieser werde der Koalitionspartner ÖVP von den Grünen zusätzlich vorgeführt.

Wieso der Sinneswandel?

Wieso kippte die Stimmung gegenüber Gewessler? Aufschluss darüber könnte ein Studiogespräch zwischen Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und Wolfgang Fellner am 10. Dezember 2020 geben.

Sie kennen ja das G’schäft. Fürs Inserat gibt’s a Gegengeschäft, oder?“, fragte Sobotka im mittlerweile berühmt gewordenen Interview. „Ja, natürlich“, antwortete der Medienmacher.

Schauen wir uns also die Inseratenausgaben an:

In den ersten drei Quartalen 2022 gab Gewesslers Klimaschutzministerium mehr als 5 Millionen Euro für Inserate aus und war damit knapp hinter dem Bundeskanzleramt auf Platz zwei in der Bundesregierung. Gewesslers Ministerium gibt also sehr viel Geld für Inserate aus. Knapp 200.000 Euro davon gingen an die vier Fellner-Medien oe24 TV, Österreich – oe24, Radio Austria und www.oe24.at. Nur drei Ministerien (zählt man das Bundeskanzleramt dazu) zahlten in diesem Zeitraum mehr Geld an Fellner. Aus Sicht des Medienmachers hört sich das soweit nach guten Einnahmen an.

Grafik mit einer Auflistung der höchsten Inseratenausgaben österreichischer Ministerien.

Allerdings: Es geben nicht alle Ministerien gleich viel Geld für Inserate aus. Deshalb macht es Sinn, sich den Anteil der Fellner-Inserate an den Gesamtausgaben anzuschauen. Und hier zeigt sich: Das Innenministerium wendet satte 26,74% des Inseratenbudgets für die Fellner-Medien auf, beim Verteidigungsministerium sind es fast 20%, im Wirtschaftsministerium 13%. Und Gewesslers Klimaministerium? Hier waren es gerade einmal knapp 4%. Unter allen Ministerien, die zumindest ein Inserat in den Fellner-Medien oe24 TV, Österreich – oe24, Österreich am Sonntag, Radio Austria und www.oe24.at geschaltet haben, hat ihr Ressort in Relation am wenigsten Geld an die Fellner-Medien überwiesen.

Grafik mit dem Anteil an Inseratengeldern, welches österreichische Ministerien für Medien der Mediengruppe Österreich ausgeben.

Das heißt also: Das Klimaministerium hat zwar ein ziemlich üppiges Budget für Inserate, gibt aber relativ gesehen nur einen Bruchteil davon in Fellner-Medien aus. Mit der Berichterstattung könnte das natürlich auch gar nichts zutun haben. Wenn man daran glauben möchte.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

Im OE24 “AutoExtra” verschwimmen die Grenzen zwischen Journalismus und Werbung.

Wolfgang Fellner behauptet gerne, sein Medienimperium sei besonders unabhängig. Spätestens seit der Inseraten-Affäre rund um mutmaßlich manipulierte Politik-Umfragen darf man vermuten, dass es mit dieser Unabhängigkeit nicht weit her ist. Insbesondere dann nicht, wenn sich Geld verdienen lässt.

Auch der Motor“journalismus“ in Fellners Österreichs erzeugt dahingehend eine schiefe Optik. Die Trennung von Werbung und redaktionellem Content funktioniert im Format „AutoExtra“ bzw. „Auto am Sonntag“ nämlich nur leidlich. Das zeigt unsere Analyse aller „AutoExtra“-Ausgaben von Jänner bis Ende Oktober 2022.

Werbung? Journalismus?
So ist vor allem die Berichterstattung (?) in der Printausgabe problematisch. Viele Seiten sind ähnlich aufgebaut: Oben ein Text, in dem ein neues Auto vorgestellt wird, und unten eine Anzeige – oft zum selben Modell.

Das „AutoExtra“ erscheint einmal wöchentlich. Wir haben von Jänner bis Oktober 25 Seiten gefunden, in denen oben das Auto scheinbar redaktionell vorgestellt, und unten beworben wird. Auf 10 dieser Seiten wird dabei zur selben Automarke eine Anzeige geschalten, auf den übrigen 15 sogar zum selben Modell. In 7 weiteren Ausgaben findet sich ein entsprechendes Werbesujet auf der nächsten Seite.

Ob die Autovorstellungen bezahlte Einschaltungen oder redaktionelle Inhalte sind, ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Kritische Berichterstattung kann man OE24 jedenfalls nicht vorwerfen. Meist werden in den Texten penibelst alle Features aufgelistet, die der Newcomer zu bieten hat. Teilweise werden auch Preise genannt. Vor allem in Kombination mit den Sujets unten wirken die Berichte dann sehr werblich.

Good News!
Handelt es sich bei den Texten also doch um bezahlte Einschaltungen? Schwer zu sagen, denn gekennzeichnet sind die Artikel nicht. Nun könnte man annehmen, dass die “Extra”-Bezeichnung des Formats für sich allein genommen schon einen Werbeblock ankündigt. Allerdings publiziert Österreich auch andere “Extras”, die einen redaktionellen Schwerpunkt haben – das „SportExtra“ oder das „OlympiaExtra“ zum Beispiel.

Weil wir uns unsicher waren, haben wir eine Anfrage an die OE24-Redaktion geschickt und um Aufklärung gebeten. Antwort haben wir keine erhalten. Ein Indiz auf die Frage „Journalismus oder Werbung“ findet sich allerdings in der Österreich-Ausgabe vom 30. Jänner: Da verpasst die Redaktion einem „Bericht“ über den neuen Renault Twingo rechts oben auf der Seite einen „Good-News“-Sticker (linkes Bild). Es geht aber nicht nur um Auto-Werbung: Österreich informiert sein Publikum im Frühling auch über den bevorstehenden Sommerreifen-Wechsel. Entsprechende Angebote diverser Werkstätten dürfen dabei natürlich nicht fehlen (rechtes Bild).

Gute Nachrichten erhält auch KIA. Ende Mai gewinnt das Modell Sportage die Österreich-Wahl zum „Auto des Jahres“. Ob für diesen Sieg tatsächlich 13.000 Leser:innen-Votings verantwortlich sind, wie die Zeitung angibt, können wir nicht beurteilen. Dass das Modell in den Fellner-Medien quasi einen Dauerauftritt hat, dürfte ihm aber nicht geschadet haben. Der KIA wird in beinahe allen AutoExtra-Ausgaben des Jahres 2022 über ein Autohaus beworben.

Rechtliche Grauzone
Alles in allem – Autovorstellungen, dubiose Wahlen, sowie nicht gekennzeichnete Advertorials von Autohäusern – kommen wir von Jänner bis Oktober in 43 „AutoExtra“-Ausgaben auf 34 solcher fragwürdigen Artikel. Damit publiziert Fellner im Durschnitt in knapp 80% der „AutoExtra“-Ausgaben einen medienethischen Problembären.

Rechtlich gesehen bewegt sich OE24 hier wohl auf dünnem Eis, denn das Mediengesetz sieht vor, dass Anzeigen explizit und gut erkennbar gekennzeichnet werden müssen. Eine Ausnahme gibt es nur dann, wenn der Durchschnittskonsument Werbung als solche erkennt.

Einen Freibreif für Medienunternehmen stellt diese Ausnahme aber nicht dar, wie dieser OGH-Entscheid zeigt. Ein Gratisblatt hatte eine Werbekampagne mit eigener Berichterstattung begleitet. Das Gericht entschied damals, dass die redaktionellen Artikel als Werbung gekennzeichnet hätten werden müssen, da ein “innerer Zusammenhang” zwischen Anzeigenschaltung und Berichterstattung bestand.

„Kopplungsgeschäfte“: Die Heirat von Journalismus und Werbung
Im oben genannten Fall spricht man von einem Kopplungsgeschäft. Der Deal: Werbetreibende schalten Anzeigen nur unter der Voraussetzung, dass die Medien passende „redaktionelle“ Inhalte beisteuern. Das hat zur Folge, dass Leser:innen getäuscht und vom werblichen Charakter der Anzeigen abgelenkt werden. Von „unabhängiger Berichterstattung“ kann in solchen Fällen natürlich nicht mehr die Rede sein.

OE24 ist bei solchen (mutmaßlichen) Kopplungsgeschäften Wiederholungstäter, wie dieser Entscheid des Presserats zeigt. Der Senat des Medienvereins hat sich auch das „AutoExtra“ schon einmal vorgeknöpft. Es habe „einen gewissen Beigeschmack, dass im Nahbereich der Beiträge Annoncen der betroffenen Autohersteller geschaltet wurden“, schrieb er in einem offenen Brief an Fellner.

Der Presserat entschied sich damals dagegen, ein Verfahren gegen OE24 einzuleiten. Eine Entscheidung, die wir kritisch sehen: Immerhin schafft es die Zeitung in anderen Formaten, Werbung als solche zu markieren.

Österreich weist in seiner Preisliste auch darauf hin, dass Advertorials explizit gekennzeichnet werden. Ein Versprechen, bei dem es sehr fraglich ist, ob es im „AutoExtra“ gehalten wird – genauso wie jenes der „unabhängigen Berichterstattung“.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

Wer sich für das Thema Finanzen interessiert, stolpert im Internet regelmäßig über reißerische Artikel, die großen Reichtum versprechen. Zum Beispiel: “Diese vier Aktien haben die Lizenz zum Gelddrucken”, oder sogar: „Mit russischen Aktien ist noch viel Geld zu holen“: Folgt man den Links, stellt sich in der Regel heraus, dass es sich um einen Schwindel handelt. Im besten Fall sitzt man Clickbait auf – im schlimmsten Fall einer Betrugsmasche.

Doch diese Artikel sind nicht auf einer dubiosen Seite veröffentlicht worden, sondern in der Presse  – immerhin eines der österreichischen Qualitätsmedien. Im Wochentakt schlägt dort Redakteur Eduard Steiner den Leser:innen im Format „Let’s make money“ Aktien vor, mit denen sich “jetzt noch Geld verdienen lässt”, wie er vollmundig verspricht. Ein Versprechen, das oft nicht hält.

So ziemlich alles in dieser Rubrik ist daneben. Die angepriesenen Versprechen sind bestenfalls als unseriös zu bezeichnen, der Stil einer Qualitätszeitung unwürdig, und vor allem: Die handverlesenen Aktientipps taugen nichts. Aber der Reihe nach:

Let’s burn money
Wir haben ein fiktives “Presse-Portfolio” aufgebaut und sind Steiners Empfehlungen ein halbes Jahr lang gefolgt. Von Anfang Jänner bis Ende Juni haben wir jede Woche um den selben Betrag jene Aktien “gekauft”, die “Let’s make money” bewirbt. Passend zum Grusel an Halloween wollten wir Ende Oktober wissen, ob wir – Steiner sei Dank – endlich in Frühpension gehen können.

Aber daraus wird nichts: Die Performance des “Presse-Portfolios” war erschreckend. Nur 22 der Presse-Aktien (31%) warfen Gewinn ab, die restlichen 49 (69%) verloren an Wert. Durchschnittlich haben wir mit den 71 Aktien 10,78% unseres Einsatzes versenkt. Wobei wir in unserer Simulation keine Handelsgebühren bezahlt haben – in der Realität wäre das Minus also noch dicker gewesen. Hier eine Liste mit allen Empfehlungen und wie sie sich seither entwickelt haben:

Als besonders tiefer Griff ins Klo erweist sich Gazprom. Steiner legt uns die Aktie des kremlnahen Unternehmens am 9. Jänner nahe. Am 18. titelt er: „Mit russischen Aktien ist noch viel Geld zu holen“. Zu diesem Zeitpunkt kündigt sich der Krieg in der Ukraine bereits an: An der ukrainischen Grenze stehen 100.000 russische Soldaten Gewehr bei Fuß.

Das scheint Steiner aber nicht zu stören. Er erwartet “Traumdividenden” und “im nächsten Jahr möglicherweise 20 Prozent”. Naja: Nach Beginn des Kriegs verliert der in den USA notierte Titel 95% seines Werts. Inzwischen ist die Aktie im Westen nicht mehr handelbar, also ein Totalverlust.

Auch andere von der Presse beworbenen Aktien waren ein Desaster. So schrieb Steiner Ende Februar über Barrick Gold: “Kursgewinne von 50 Prozent sind durchaus möglich”. Zum 31.10. hat das Papier aber ein Drittel seines Werts verloren. „Einige Analysten sehen Verdopplungspotenzial“ meinte Steiner über Thyssen Krupp Mitte Mai. Auch diese Aktie stürzt um knapp 35% ab. Puma und Shop Apotheke haben sich seit der Empfehlung sogar mit minus 50% halbiert. Bei insgesamt 16 der beworbenen Aktien beträgt der Wertverlust zumindest 30 Prozent – das ist mehr als jede fünfte Empfehlung!

Das Orakel von Styria
Natürlich gelingt Steiner auch der ein oder andere Glücksgriff. Wer zum Beispiel dem Tipp gefolgt ist, in Schoeller-Bleckmann zu investieren, hat tatsächlich gutes Geld verdient.

Wenn allerdings mehr als zwei Drittel der Spekulationen in die Hose gehen, bietet „Let’s make money“ keinen echten Mehrwert für Anleger:innen. Sie könnten ihr Geld genauso gut auf Münzwürfe verwetten. Oder im Casino Black Jack spielen: Die durchschnittliche Chance, eine Runde zu gewinnen, liegt hier bei 40%.

In der Finanzwelt firmiert Steiners Strategie übrigens unter den Namen “Stock Picking” und “Market Timing”. Bei diesem Ansatz wählen Anleger:innen einzelne Aktien zum vermeintlich richtigen Zeitpunkt aus und versuchen so eine bessere Rendite einzufahren, als der gesamte Aktienmarkt im Durchschnitt erwirtschaftet. Die große Mehrheit der Privatanleger:innen verliert mit dieser Strategie Geld – das zeigen Studien. Das selbe gilt sogar für professionelle Fondsmanager, wie Business Insider berichtet.

Börsen-Orakel sind also schlichtweg unseriös. Das ist wohl auch der Grund, warum die meisten Qualitätsmedien im In- und Ausland auf Aktientipps verzichten. Es ist recht simpel: Wer als Medium eine Verantwortung dem Publikum gegenüber verspürt, der weiß auch, dass Aktientipps und die Kursziele der Analysten schlicht besseres Casino sind. Und genau dieses Verantwortungsbewusstsein bleibt bei „Let’s make money“ auf der Strecke.

Nur Information und keine Tipps?
Wir haben Eduard Steiner mit den Ergebnissen unseres Experiments konfrontiert und ihn um eine Stellungnahme gebeten. Der Presse-Redakteur verteidigt „Let’s make money“ ausführlich in einer E-Mail:

Bei der Kolumne handle es sich „nicht um Tipps – wie klar angegeben“, sondern „um Informationen für Zeitgenossen, die aufs Geld schauen“. Hauptintention des Formats sei es, die Leser:innen darüber zu informieren, wie Analysten börsenotierte Unternehmen einstufen.

„Stock Picking ist tatsächlich heikel“, meint Steiner weiter. Man würde die Strategie deswegen auch nicht bewerben. Nur ein langfristiger Investitionsansatz sei sinvoll – auch darauf weise man hin. „Einzelne Aktien werden höchsten als Idee für eine dosierte Beimischung zu einem breitgestreuten Portfolio besprochen“, so der Presse-Redakteur. Von diesem „breitgestreuten Portfolio“ und wie dieses aussehen sollte, liest man in seiner Kolumne aber nichts.

Er verteidigt auch die Gazprom-Empfehlung: Die Aktie sei „zu vielen Zeitpunkten ein gutes Investment“ gewesen. Dass sie – und viele andere der vorgeschlagenen Titel – schlecht performt haben, erkläre sich mit einer Force Majeur. Gemeint ist damit der Krieg in der Ukraine, der ja nicht vorhersehbar gewesen sei. Steiner: „Sich für eine Force Majeur zu entschuldigen, käme einer Vermessenheit meinerseits gleich. Bezeichnenderweise hat auch niemand der Leserinnen und Leser mir in dieser Sache geschrieben – geschweige denn eine Entschuldigung erwartet.“

Bären(markt) aufgebunden
In einigen Punkten muss man Steiner fairerweise recht geben: Das Jahr 2022 war für Aktien tatsächlich kein gutes. Inflation, der Krieg in der Ukraine und die Leitzinserhöhung durch die Zentralbanken hat in vielen Ländern die Kurse in den Keller geschickt. Gerade in so einer Situation würde man aber von einer Qualitätszeitung erwarten, dass sie über die Risiken aufklärt und ganz deutlich sagt, dass wer jetzt gerade Aktien kauft, kurzfristig mit einigen Verlusten rechnen muss. Nur lassen sich mit solchen Warnhinweisen keine wöchentliche Kolumnen füllen.

Steiner führt für sich ins Treffen, dass am Ende der Artikel der rechtlich verpflichtende Hinweis erfolgt, dass es sich nicht um Kaufempfehlungen handelt. Das Risiko, dass naive oder unerfahrene Anleger:innen den Tipps folgen und Geld verlieren, bleibt aber. Und ja, aus unserer Sicht handelt es sich um Tipps. Die Leser:innen werden Titel wie „Zwei heiße Spekulationsaktien mit 200 Prozent Gewinnchance“ wohl kaum als Aufforderung verstehen, die Finger von diesen Aktien zu lassen.

Steiner behauptet in seiner Stellungnahme am Schluss noch, er mache keine Versprechen: „Die Titel sind so gut wie immer mit Modalverben („könnten“, „dürften“) gebildet“. Auch dieser Argumentation können wir nicht folgen. Was soll „Mit russischen Aktien ist noch viel Geld zu holen“ sein, wenn kein Versprechen?

Noch dazu eines, das Steiner nicht einhalten konnte. Wie so viele andere: In Wahrheit sind die einzigen, die mit solchen Artikeln Geld verdienen, nämlich die Presse selbst. Über billigen Clickbait Werbeeinahmen zu lukrieren ist im Internet ein weit verbreitetes Unding. Ist das einer Qualitätszeitung würdig? Wohl kaum.

 

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

Welches Medium hat heutzutage schon Zeit zu recherchieren? Vor allem, wenn ein Bericht über eine vertrauensvolle Quelle wie eine Nachrichtenagentur kommt. Tja. Eine fehlerhafte Meldung der deutschen Presseagentur DPA wurde von zahlreiche Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz oftmals wortgleich übernommen und hat sich so verbreitet. In Österreich zum Beispiel von Der Standard, Orf.at, oe24 und motor.at, eine Plattform von Kurier. Aber der Reihe nach:

In all den Artikeln geht es um den Anteil von Elektroautos an Neuwagen in der EU. Der Fehler liegt im Satz „Auch Plug-in-Hybride legten leicht auf 22,6 Prozent zu.“

 

Die Meldung bezieht sich auf eine Statistik der European Automobile Manufacturer’s Association (ACEA). Dort liest man allerdings, dass Plug-in-Hybride lediglich 8,5 Prozent der neugekauften Autos ausmachen. Und mehr noch: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist der Anteil der Plug-in-Hybriden nicht gestiegen, sondern im Gegenteil sogar um 6 Prozent gefallen.

Plug-in-Hybriden sind nicht mit normalen Hybriden zu verwechseln

Der Fehler liegt darin, dass in den Berichten die Zahlen zu Hybride- und Plug-In-Hybride verwechselt worden sind. Der Unterschied ist keineswegs irrelevant: Plug-In-Hybride können – wie der Name schon sagt – mit einem Ladekabel aufgeladen werden. Bei einem Hybrid-Fahrzeug dient der Elektromotor eher zur Unterstützung des Verbrennungsmotors, weshalb sie meistens nicht als Elektroautos eingestuft werden und auch die entsprechenden Förderungen nicht bekommen.

Wie kommt es nun dazu, dass dieser Fehler durch die deutschsprachige Medienlandschaft kursiert, ohne dass es jemandem auffällt? Offensichtlich hat die Redaktion der deutschen Presseagentur die Zahl falsch abgeschrieben. Die österreichische Presseagentur APA hat den Bericht direkt übernommen, woraufhin die österreichischen Medien den fehlerhaften Bericht ebenfalls weiterverbreitet haben. Auch in Deutschland haben Medien wie Zeit.de, Frankfurt Allgemeine Zeitung,  Merkur.de, RP Online, EU-Info.de und Westdeutsche Zeitung innerhalb von Stunden die fehlerhafte Statistik publiziert; in der Schweiz findet man sie auf Volksblatt und Nau.ch.

Sämtliche Medien hätten diesen Fehler erkennen und korrigieren können, wenn sie sich die Grafik der Original-Quelle angeschaut hätten. Ein Aufwand von nicht einmal einer Minute. Augenscheinlich ist aber auch das schon zu viel verlangt. Zumindest bei den meisten. Denn, ein kleiner Lichtblick in diesem Stille-Post-Spiel, in der blind voneinander abgeschrieben wird: Der Standard hat als einziges Medium den Bericht ausgebessert und das auch transparent ausgewiesen.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

Länger, breiter, höher – falscher? DerStandard.at hat recht unverschämt eine PR-Aussendung abgeschrieben, die noch dazu voller Fehler ist. Die Zeitung, die eigentlich für hohe Qualität stehen möchte, will ihren Leser:innen in einem Artikel die Superlative der Straßen näher bringen. Von zehn Beispielen sind allerdings drei falsch.

Die angeblich höchste Straße

Laut Standard soll der Karakorum-Highway in China die höchste Straße der Erde sein. Mit 4.693 Höhenmetern ist sie aber nicht mal die höchste Straße in der eigenen Nachbarschaft: diese Ehre gehört der Semo La in Tibet mit 5.565 Höhenmetern. Die höchste Straße der Welt ist laut dem Guinessbuch der Rekorde der Umling La Pass in Indien mit 5.798 Höhenmetern.

Die angeblich meisten Fahrstreifen

Bei der Straße mit den meisten Fahrstreifen stimmt die Angabe nicht mal mit dem eigenen Bild überein. Im Standard-Artikel ist von 14 Spuren die Rede, im Bild von der Avenida 9 de Julio in Buenos Aires sind eindeutig 16 Fahrspuren zu sehen.

Aber auch davon abgesehen, ist die Angabe falsch. Der Ontario Highway 401 in Kanada hat 18 Fahrspuren (oder 22 wenn man die An- und Abfahrtspuren dazurechnet). Die Interstate 10 in den USA hat 18 Spuren plus 8 zusätzliche Ab-, An-, und Parallelspuren, die meistens nicht dazugezählt werden. Außerhalb Beijings gibt es eine Mautstelle mit insgesamt 50 Spuren, also mehr als das Dreifache jener Straße, die der Standard angibt.

Die angeblich längste Straße

Der Standard berichtet – wie auch viele anderen Medien – dass die Panamericana zwischen Alaska, im Norden und Ushuaia in Argentinien im Süden mit rund 30.000 km die längste Straße der Welt ist. Im Artikel fehlt aber ein sehr wichtiger Hinweis: die Straße wird ungefähr in der Mitte unterbrochen. Im Text wird das Gegenteil behauptet:

Der so genannte Darien Gap stellt eine 106 Kilometer-lange Unterbrechung der Panamericana dar und gehört zu den gefährlichsten Routen der Welt.  Aufgrund der bedrohlichen Geographie gibt es aktuell keine Pläne, die Strecke jemals zu verbinden.

Aufpassen bei Copy-Paste

Wie kam es zu diesen fehlerhaften Informationen? Ein Hinweis am Ende des Artikels könnte die Antwort anbieten:

Der Originalbeitrag von Sunny Cars ist hier zu lesen. Abgesehen vom Vorspann, unterscheiden sich die zwei Artikeln um nur 512 Zeichen. Die markanteste Änderung ist: In der Aussendung von Sunny Cars wird Straße mit ss geschrieben – also Strassentunnel, Strassennetz usw. Davon abgesehen gibt es ein paar unbedeutende Kürzungen und kosmetische Änderungen. Von einer echten „redaktionellen Bearbeitung“ kann also keine Rede sein.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

Leserbriefe haben einen unschlagbaren Vorteil: Man kann sie als Meinungselemente der eigenen Leserschaft verkaufen – und gleichzeitig bieten sie die Möglichkeit, subtil Stimmung zu machen, indem man nur die “richtigen” Meinungen abgedruckt.

Die Kronen Zeitung ist für ihre Kampagnen berüchtigt. Als am 11. August ihr langjähriger Kolumnist Tassilo Wallentin angekündigt, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, ist die Zeitung offenbar in einem Dilemma: Eine offene Kampagne in der regulären Berichterstattung war wohl keine Option, weil zu offensichtlich. Einzelne Versuche dazu sind relativ schnell entlarvt worden.

Also musste ein anderes Instrument her: Leserbriefe.

Wir haben alle Leserbriefe in der Krone seit dem 11. August analysiert. 62 solcher Briefe im Format „Das Freie Wort“ wurden seither zur Bundespräsidentenwahl gedruckt. Tassilo Wallentin wird dabei in 27 Fällen (43,55%) positiv erwähnt. Ganz schön beeindruckend für einen Kandidaten, der in keinen Umfragen 10 Prozent der Bevölkerung überzeugen kann. Kritische Leserbriefe gab es gerade einmal drei.

Die Leser:innen hielten sich dabei mit Lobeshymnen nicht zurück. Die Krone schenkte Wallentin gleich zum Wahlkampfauftakt einen Korb voller Leser-Liebesbriefe: “Bravo, Dr. Wallentin” schreibt da ein Leser, “Der beste Mann” ein anderer. “Bravo!” ist ein Dritter erleichtert: “Jetzt habe ich einen Kandidaten, den ich wähle!!!” An diesem Tag schafft es nur ein einziges Feigenblatt einziger Brief ins Blatt, in dem sich jemand kritisch über Wallentin geäußert.  

Die Krone schafft es im “Freien Wort” auch, den Wahlkampf geschickt mit Angriffen auf einen Lieblingsfeind zu kombinieren: den ORF. Der ORF sei parteiisch, rechte Kandidaten würden unfair kritisiert, während linke eine Sonderbehandlung bekommen. Man kennt das ja. 

Logisch, dass sich das Boulevardblatt am 21. September nicht die Chance entgehen ließ, Armin Wolf eins auszuwischen. Der ORF-Moderator hatte Wallentin zwei Tage zuvor in der ZIB2 interviewt und nachgewiesen, dass Wallentin in seinen Büchern Falschinformationen verbreitet. Daraufhin gab es reichlich medialen Gegenwind für Wallentin. Die Krone rückte zur Rettung aus – und schickte Leser:innen zur Verteidigung des Ex-Kollegen vor. 

Bei Durchsicht aller Leserbriefe seit August entsteht der falsche Eindruck, die Wahl wäre ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Wallentin und Van der Bellen. Von den 62 Leserbriefen behandeln neben den insgesamt 20 Wallentin-Briefen ebenfalls 20 den amtierenden Bundespräsidenten. Dieser dürfte – jedenfalls laut den Umfragen – eine absolute Mehrheit der Stimmen bekommen. In der Krone merkt man davon aber nichts. 

 

Beinahe alle Leserstimmen über Van der Bellen sind kritisch. Ein Würstelstand-Besuch des Präsidenten regt auf: “Das ist reiner Wahlkampf, um sich volksnah zu zeigen.” Aber nicht nur das. Der Präsident wird “arrogant”, “überheblich” und “amtsmüde” genannt, weil er nicht an den TV-Diskussionen teilgenommen hat. Zuspruch erhält Van der Bellen lediglich vier Mal.

An dieser Stelle vielleicht noch einmal zum auf der Zunge zergehen lassen: Die Zeitung mit der größten Leserschaft Österreichs (immerhin 1,7 Mio. Leser:innen täglich) tut so, als wäre ein 10%-Kandidat bei eben dieser Leserschaft super beliebt, und der 50+%-Kandidat super unbeliebt. Und die anderen 5 Kandidaten kommen fast gar nicht vor.

Nun mag Wallentin unter den Krone-Leser:innen tatsächlich überdurchschnittlich beliebt sein, aber wer ernsthaft glaubt, dass dieses Verhältnis die Realität abbildet, muss schon sehr naiv sein.

Übrigens: “Das Freie Wort” als Instrument, um die Blattlinie zu pushen hat beim Boulevard-Blatt auch Tradition. Dessen verstorbener Herausgeber Hans Dichand bezeichnete das Format einst als “Zeitung in der Zeitung”. Dichand soll auch höchstpersönlich für die Auswahl der Einsendungen zuständig gewesen sein.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

6,8 Milliarden Euro soll das Begräbnis von Elizabeth II laut Krone und Oe24 gekostet haben. Dieser Betrag ist jedoch nicht nachvollziehbar. Und bei den Mathematikfähigkeiten der Oe24-Redaktion hapert es auch anderswo.

Artikel von "Österreich"

Seit dem Begräbnis von Queen Elizabeth II wird in den Medien und auf Social Media über die Kosten des Begräbnisses spekuliert. Diese werden schließlich von den britischen Steuerzahler:innen getragen. Weder die Königsfamilie noch die britische Regierung haben sich bislang dazu geäußert. Einzelheiten würden „zu gegebener Zeit“ bekannt gegeben.

Internationale Medien haben aber bereits fleißig nachgerechnet – und schätzen die Kosten wesentlich niedriger als „Oe24“ und die „Krone“. Die New York Post rechnet etwa mit 7,5 Millionen Dollar, die britische Boulevardzeitung Daily Mirror erwartet „mehr als 8 Millionen Pfund“. Und Time spricht ebenfalls von „millions of dollars“. Die Schweizer NZZ spricht von „mindestens 8 Millionen Pfund“.

Das klingt auch durchaus realistisch, schließlich hat das Begräbnis der Mutter der Queen 2002 etwa 6 Millionen Dollar gekostet, und jenes von Prinzessin Diana 1997 etwa 5 Millionen Pfund. Die angeblichen 6,8 Milliarden (!) bei der Queen scheinen da doch eine andere Preisklasse zu sein, oder wie „Oe24“ sagt: „10-Mal so teuer wie das von Diana“.

Abgesehen davon, dass sich die Boulevardzeitung aber offenbar schwer damit tut von Millionen auf Milliarden umzurechnen, stellt sich die Frage, woher diese Zahl kommt. In der Print-Ausgabe von Oe24 nennen sie das renommierte Wirtschaftsblatt Economist als Quelledort konnten wir diese Zahl aber nirgends finden . Auf oe24.at wird auf  ein Medium namens The Economist Times verwiesen. Die Kronen Zeitung tut es dem Online-Artikel gleich und nennt The Economist Times als QuelleDas ist alleine schon deshalb erstaunlich, weil es so ein Medium nicht gibt.

Gemeint ist offenbar „The Economic Times“. Dort haben wir tatsächlich einen Artikel gefunden, der von „a whopping £6 billion“  an Kosten spricht. Die Zahl wird aber weder erläutert, noch sonst irgendwie erklärt. Nun kann man vermuten, dass sich das Medium vielleicht nur vertippt hat – billion statt million ist schnell passiert. Denn wenn die eigene Recherche zu dem Ergebnis kommt, dass die Kosten etwa tausend Mal höher sind, als alle anderen schätzen, dann würde man diesem Faktum womöglich mehr Aufmerksamkeit widmen.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

Die Tageszeitung „Österreich“ ist vor den Nationalratswahlen 2019 eine massive Pro-Kurz Kampagne gefahren. Spätestens seit der Inseratenaffäre steht der Verdacht im Raum, dass das Boulevardblatt schon im Vorfeld des Wahlkampfs 2017 fragwürdige Umfragen druckte und damit den damaligen ÖVP-Chef Sebastian Kurz zum Wahlsieg verhalf. Es gilt die Unschuldsvermutung, die Ermittlungen laufen.

Kobuk-Recherchen zeigen nun, dass „Österreich“ auch zwei Jahre später alles andere als journalistisch sauber gearbeitet hat. Wieder spielen jede Menge Umfragen von „Research Affairs“ eine Rolle, dem Markt- und Meinungsforschungsinstitut von Sabine Beinschab. Jenem Institut, das im Mittelpunkt der Inseratenaffäre steht.

Kollage aus Covern des Wahl-Extras der Tageszeitung „Österreich“

Wir haben für diesen Artikel die gesamte Wahlkampfberichterstattung von Österreich vom 19. August bis zum 29. September 2019 analysiert. In Summe waren das mehr als 700 Texte in „Österreich“. Um die Berichterstattung vergleichen zu können, haben wir auch mehr als 300 Artikel aus dem gleichen Zeitraum in der Tageszeitung „Heute“ untersucht. Wir haben etwa gezählt, wer wie oft vorkommt – positiv und negativ. Dabei zeigt sich: Die Berichterstattung von „Österreich“ liest sich wie ein Medienbriefing der Österreichischen Volkspartei.

Verglichen mit der Tageszeitung „Heute” berichtete „Österreich“ weitaus intensiver und positiver über die ÖVP. In den 41 Tagen unserer Analyse haben wir 149 positiv gefärbte Berichte zur ÖVP gefunden.

„Recherche, Re-Checks und Unabhängigkeit“

Aber: Messen wir „Österreich“ and ihren eigenen Standards für andere. Chefredakteur und Herausgeber Wolfang Fellner schreibt in einem Kommentar vom 8. September 2019:

Kommentar Wolfgang Fellner 8 9 2019 mit Markierungen

„Ein Kommentar von Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner

[…]

Angeheizt wird dieses Klima der Vernaderung auch von Medien, die jahrelang die „Boulevardisierung“ bejammert haben […] und keiner weiß, was in dieser Skandal-Überdosis noch wahr ist und was „Fake News“.

[…]

Heute erleben wir einen „Postwurf-Journalismus“, wo einige Medien ­ihnen zugespielte „Unterlagen“ ungeprüft veröffentlichen. Das ist Sudel-Wahlkampf.

[…]

Unser Land muss wieder skandalfrei werden. Derzeit muss man sich für Österreich genieren …“

Er meint damit natürlich das Land und nicht seine Zeitung.

Tatsächlich trägt „Österreich“ im Wahlkampf 2019 selbst zur „Skandal-Überdosis“ bei, wenn man sich die Flut an wenig aussagekräftigen Studien ansieht, die während dieser Zeit in der Tageszeitung veröffentlicht wurden. Am 8. September betitelte das Blatt eine Umfrage als “Durchmarsch” der ÖVP in allen österreichischen Bundesländern, angeblich sei „Alles Türkis“. Dieselbe Grafik zeigt aber, dass die SPÖ zu diesem Zeitpunkt in Wien weit vorne liegt (29 Prozent für die SPÖ gegen 22 Prozent für die ÖVP). „Alles Türkis“ - falsch

Fast täglich grüßt dieselbe Studie

Während des sechswöchigen Beobachtungszeitraums wurden die Leserinnen und Leser von Umfragen überflutet. Insgesamt fanden wir mindestens 121 gedruckte Umfragen, wobei einige mehrfach abgedruckt wurden. Teilweise wurden Umfragen im Hauptteil sowie im Wahlextra der gleichen Ausgabe verwendet. Die Sonntagsfrage  wurde fast täglich abgedruckt – alleine in der Woche vom 23. bis 29. August findet sich dieselbe Sonntagsfrage 7 mal in der Zeitung. Falsch waren die Ergebnisse wohl nicht, ob man aber jeden Tag wiederholen muss, wie weit die VP vor allen anderen liegt, ist fraglich.

Kollage über Umfragen

Vor allem in den ersten Wochen des Wahlkampfes werden in den Umfragen von Research Affairs nur um die 500 Personen befragt. Daraus ergeben sich oft sehr große Schwankungsbreiten von über 4 Prozentpunkten – was die Studien wenig aussagekräftig macht. Der Verband für Markt- und Meinungsforschungsinstitute verlangt für korrekte, aussagekräftige Studien mindestens 800 Befragte, sowie online und offline. Reine Online-Umfragen wären für eine Hochschätzung nicht geeignetDie Umfragen in Österreich sind – sofern nachvollziehbar – alle reine Onlineumfragen.

Die unabhängige österreichische Wahlbeobachtungs-Plattform neuwal.com listet noch weitere Qualitätskriterien für die Bewertung von Meinungsumfragen auf. Research Affairs erfüllt diese großteils nicht. Zum Beispiel fehlen Angaben über Sample-Größe, Methode und Schwankungsbreite; kein einziges Mal haben wir die Beschreibungen der Zielgruppe oder die zusätzliche Veröffentlichung der Methodenbeschreibung gefunden. Die „Studie“ wurden auch nie auf der Website des Instituts veröffentlicht.

„Die türkise Brille sitzt“: Kurz on Tour

Wahlkampf ÖVP 2019 Kollage

Österreich veröffentlichte außerdem exklusiv die Wahlkampfplakate der ÖVP (auch der SPÖ, aber mit weniger großen Bildern). ÖVP-Kampagnen-Chef Philipp Maderthaner darf „exklusiv“ erklären, dass die ÖVP auf „nicht gestellte“ Fotos setzt.

Ein Stier kam aus. Die ÖVP führt eindeutig den professionellsten Wahlkampf.

Das schreibt „Österreich“ zum Wahlkampf-Auftakt von Sebastian Kurz in Tulln.

Auch das „türkise Drehbuch“, an das sich „minutiös“ gehalten wird, wird präsentiert: „Jede Woche zwei konkrete inhaltliche Themen“. Wahlkampfreportagen lesen sich oft so:

Wer gekommen ist, ist begeistert. Kritische Stimmen sucht man vergeblich, findet stattdessen viel Lob für das eigene Tun. Hinterfragenswerte Spenden? Ibiza? Das interessiert niemanden – und wenn, dann ist das eine FPÖ-Geschichte.

Wahlkampf ÖVP 2019 Kollage

Kurz‘ Wahlkampftour wurde in der „Österreich“ enorm viel Platz und Aufmerksamkeit geschenkt. In den vielen Berichten wird er als Mann des Volkes, volksnah und häufig mit älteren Menschen und Kindern dargestellt. Die Spitzenkandidat:innen der anderen Parteien haben keine vergleichbaren Touren durch das Land unternommen, haben aber auch sonst nicht annähernd eine Berichterstattung im selben Ausmaß bekommen. Die SPÖ-Wahlkampftour („Rot-Show“) wird etwa angekündigt, große Reportagen wie bei der Kurz-Tour gibt es nicht. Manchmal gibt sogar in Berichten über die SPÖ-Kampagne ein Lob für die ÖVP, so wie hier:
SPÖ Wahlkampf

Kurios: Sogar die Fotos der SPÖ-Wahlkampfreise kommen scheinbar von der ÖVP. Man achte auf die Foto-Credits

PRW wahlkampf mit quelle oevp Foto von spoe Politikerin mit Quelle Oevp.

„Österreichisches Watergate“: Der vermeintliche Hacker-Angriff

Große Wellen schlug im 2019er Wahlkampf der vermeintliche Hacker-Angriff auf die Volkspartei. Bis heute ist nicht geklärt, wer dahinter steckte. „Österreich“ schrieb mit Sebastian Kurz als Quelle, dass die Daten über Großspender an Medien geleakt wurden und verfälscht waren. Im anschließenden Verfahren zwischen Falter und ÖVP wurde zugegeben, dass die Dokumente echt waren. „Österreich“ bietet Kurz für seine Version viel Platz.

Bericht Hackerskandal

Sebastian Kurz: […] “Es wurden nicht nur Daten entwendet, sondern auch manipuliert.“

„Man habe erst Verdacht geschöpft, als – laut Kurz – „verfälschte“ Daten (Wahlkampfkostenabrechnungen und Parteispendenlisten) in mehreren Medien aufgetaucht seien. In Parteikreisen hält man eine russische Beteiligung für wahrscheinlich.“

In „Österreich“ erregte der Angriff große Aufregung, Quellen außer der ÖVP selbst gab es zu diesem Zeitpunkt keine. Im Rückblick auf Fellners Kommentar vom 8. September stellt sich die Frage, wer hier nicht recherchiert und re-checkt.

2019 stellte die Liste Pilz eine dringliche Anfrage an das Parlament, ob der Angriff stattfand – in der Antwort wurde auf das damals noch laufende Vermittlungsverfahren verwiesen. Natürlich muss hier berichtet werden, allerdings übernahm „Österreich“ das ÖVP-Narrativ – die Zweifel der Liste Pilz wurden erwähnt, Expertinnen oder Experteneinschätzung gab es keine.

Am 16. September gab es eine für „Österreich“ ungewöhnlich selbstkritische Umfrage, unter anderem mit der Frage „Wer steckt hinter dem Hacker-Angriff?“ – 33 Prozent der Befragten gaben an, dass sie glauben niemand steckt hinter dem Angriff, er wäre frei erfunden, 30 Prozent sahen gegnerische Parteien als Aggressoren und nur 9 Prozent glaubt eine Intervention aus dem Ausland. „Österreich“ dürfte daraufhin die Berichterstattung den Reaktionen angepasst haben: Der Hackerangriff war anschließend kein Thema mehr.

„Kurz meilenweit vor der ÖVP“

Bemerkenswert ist auch, wo überall „Österreich“ Kurz unterbringen konnte. Pünktlich zum Wahlsonntag kamen auch im Lifestyle-Abschnitt die besten Bücher über Kurz, inklusive Fan-Fiction.

Kollage verschiedene merkwürdige Berichte zu Sebastian Kurz.

Österreich schreibt auch, dass “Kurz meilenwert vor der ÖVP“ liege. Die Wahlextra-Beilage wirkt aber nicht nur deshalb vorschnell produziert. Es fehlen häufig Seitennummern oder etwa Fotocredits.

Die Hintergründe

Insgesamt veröffentlichte „Österreich” sechs Wochen vor dem Wahlsonntag, dem 29. September 2019, rund 700 Texte zur Wahl. Zum Vergleich: In der Gratiszeitung „Heute” waren es im selben Zeitraum insgesamt rund 300 Artikel. In rund 37 Prozent der Texte ging es um die ÖVP, in rund 24 um die SPÖ und in 22 Prozent um die FPÖ.

Bei der ÖVP überwog in der „Österreich” die positive Berichterstattung. Zur Volkspartei gab es 149 positive Texte, auf Platz zwei lag die SPÖ mit 61. Bei der Negativ-Berichterstattung liegt in der Gratiszeitung die FPÖ und vorne. Neos und die Grüne spielten in der Wahlkampfberichterstattung 2019 Nebenrollen: Prozentual machten sie sieben (Neos) und rund zehn Prozent (Grüne) aus. 

Ein Aufkommen übermäßiger Inseratenschaltungen konnten wir im Rahmen der Recherche nicht finden. Im Vergleichszeitraum finden sich in „Österreich“ und „Heute“ nahezu dieselben Schaltungen unterschiedlicher Ministerien und Parteien.

Die ÖVP-Inseratenaffäre und das “Beinschab-Tool”

Seit 2016 soll die ÖVP über das Finanzministerium Studien bei Sabine Beinschab und ihrem Markt- und Meinungsforschungsinstitut “Research Affairs” in Auftrag gegeben haben. Es gilt – wie erwähnt – die Unschuldsvermutung. Hauptabnehmer dieser Umfragen war die Mediengruppe “Österreich”. Auch der NR-Wahlkampf 2019 fällt jedenfalls in diesen Zeitraum.

Zwischen Oktober 2021 und Februar 2021 wurde Beinschab im Zuge der ÖVP-Inseratenaffäre siebenmal als Beschuldigte von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) einvernommen. Laut Beinschab machte sie „für die ÖVP“ laufend politische Umfragen, die von „Österreich” und anderen Medien veröffentlicht wurden. Beinschab wurde bis 2020/2021 mit der Durchführung von Umfragen vom Finanzministerium beauftragt. Die Ermittlungen der Inseratenaffäre dauern an, unter anderem Ex-Kanzler Sebastian Kurz, Wolfgang Fellner (Herausgeber “Österreich”), Helmut Fellner (Finanzchef “Österreich”), Sophie Karmasin und Sabine Beinschab werden als Beschuldigte geführt. 

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

Wie wurden die Daten erhoben? 

Die Recherche war verbunden mit vielen Besuchen der österreichischen Nationalbibliothek, da hier die Ausgaben von „Österreich“ in physischer Form vorliegen. Der Fokus der Recherche lag hier auf der politischen Wahlkampfberichterstattung der beiden Boulevardmedien in Bezug auf die Parteien SPÖ, ÖVP, GRÜNE, FPÖ, Neos inklusive deren Spitzenkandidat*innen. 

Es wurden alle Artikel, die im weitesten Sinne die NR-Wahl 2019 zum Thema hatten unter die Lupe genommen. Nicht gezählt wurden Texte über die “Ibizia-Affäre” oder Heinz Christian Strache, die in keinem Zusammenhang mit der NR-Wahl 2019 standen. Erfasst wurde, ob ein Artikel einer bestimmten Partei gegenüber positiv, negativ oder neutral gestimmt ist. Auch Umfragen und Inserate wurden dokumentiert.

Die Recherche machte Franziska Schwarz gemeinsam mit Katharina Pagitz.

Über den Zeitraum von vier Monaten habe ich alle Bilder der Print-Ausgaben der „OE24-Nachrichten“ analysiert. Symbolbilder von Frauen kommen in der Boulevardzeitung um ein Vielfaches öfter vor als von Männern – allerdings sind Frauen in diesen Bildern oft zum Objekt degradiert. Es zeigt sich: „Österreich“ hat ein Problem mit sexistischen Bildern.

Zwischen 14. September und 31. Dezember 2021 habe ich alle 77 Ausgaben der „OE24 Nachrichten“ untersucht. In diesen vier Monaten wurden 152 Sujetbilder von Frauen gedruckt. Männer wurden in nur acht Bildern als Einzelperson abgebildet, ansonsten waren sie in 15 Pärchenbildern zu sehen.

Den Mund öffnen, aber nichts sagen

Eine weite Beobachtung war die Faszination mit dem offenen Mund von Frauen. Jede 8. Frau (20 von 152) zeigt die Fellner-Zeitung mit offenem Mund. Dabei handelt es sich meist um Frauen, die überrascht oder geschockt sind, oder aber schlicht beim Corona-Test. Ob diese Darstellung der Frau wirklich notwendig ist oder die „OE24 Nachrichten“ hier nur (unterbewusst?) eine Art Perversität ausleben, um Frauen in einer Art pornografische Szene zu zeigen, weiß wohl nur die Redaktion selbst.

Ein Bild von einem Mann mit offenem Mund gab es jedenfalls nicht.

Eine Frau am Tag, macht den Mann besonders parat.

Die meisten Frauenbilder waren während der Erhebung in den Ressorts Tagesgeschehen, Business live sowie Gesundheit & Fit abgedruckt. Dabei sieht man zum Beispiel Frauen, die wegen der „explodierenden“ Energiepreise frustriert sind oder einen Frauenhintern, der aufgrund von Hämorrhoiden schmerzlich nach vorne gebeugt wird.

Die Boulevardzeitung zeigt Frauen auch in Bereichen, die man ihnen womöglich nicht stereotypisch zuschreibt, wie etwa beim Tanken oder beim Gaming. Allerdings zeigt man sie dabei oft in gestressten Situationen. Bei einem Artikel über Preissteigerung ist es eine Frau, die den passenden Gesichtsausdruck zum „Preis-Schock“ liefert, ebenso wie beim Ärger über den hohen Spritpreis.

Die Bebilderung zu Corona-Themen ist ebenfalls stark einseitig. Während die Zeitung insgesamt 18 Mal eine Frau bei der Impfung zeigt, wurden nur halb so oft Männer abgebildet und das meist in kleineren Fotogrößen und weniger prominenten Platzierungen.

In klischeehaften Lagen wie dem Einkaufen sieht man Frauen freilich auch, dort aber mehr als hübsches „Eye Candy“. „OE24 Nachrichten“ spart ebenso nicht mit Bildern, wo Frauen schlussendlich als Platzfüller dienen, oder als Zierde ein trockenes Thema aufhübschen sollen – ein Phänomen, das in der österreichischen Medienlandschaft aber weit über die „OE 24 Nachrichten“ hinaus geht, wie eine aktuelle Studie der MediaAffairs zeigt.

Auffallend war, dass in der Beobachtungszeit keine Personen anderer ethnischer Abstammung sowie keine homosexuellen Paare in „OE24 Nachrichten“ abgebildet wurden. 

Doppelt (oder noch mehr) hält besser

Noch deutlicher sieht man das an der Society-Berichterstattung. Im Fall von Personen, die auf der Promi-Skala womöglich nicht sehr weit oben stehen, aber dafür unter Reality-Show-Liebhabern eine gewisse Bekanntheit haben, scheinen die „OE24 Nachrichten“ einer klaren Regel zu folgen: Frauen möglichst groß und möglichst nackt abbilden.

Auch bei den bekannteren Promis scheint es für „Österreich“ eine klare Formel zu geben: Umso mehr Haut, desto größer das Bild und je bekannter die Person, desto mehr Bilder. Allround-Talent Jennifer Lopez will eigentlich ihre Schuhe promoten, doch ihr Körper ist dabei interessanter und auch bei Starlet Kim Kardashian ist wichtiger, was sie unter der Kleidung trägt. Ballerina und Dancing Stars-Jurorin Karina Sarkissova planscht gerne in der Badewanne, das Gratisblatt nimmt dies immer wieder gerne zum Anlass, um darüber zu „berichten“.

Generell lässt sich sagen: „Frau Society“ kommt in „Österreich“ größer, öfter und nackter vor als „Herr Bekannt“ – auch wenn sie beide im gleichen Artikel vorkommen.

Und jetzt zum Vergleich: Diese Bilder hier waren die einzigen freizügigeren Bilder von männlichen Promis während der Beobachtungszeit.

Heiß und sexy sind in „Österreich“ nur Frauen

Problematisch sind aber nicht nur die Bilder. Auch wie „OE24 Nachrichten“ Frauen beschreibt, ist auffällig. Wenn Frauen etwas mehr Haut zeigen oder etwas Engeres tragen, dann werden sie meist als „sexy“ oder „heiß“ beschrieben – oft auch mehrfach in einem Artikel – in 21 Fällen um genau zu sein. Bezeichnungen wie Busen-Show oder Nackt-Show scheinen ebenso eine beliebte Umschreibung zu sein.

Besonders angetan scheint die Gratiszeitung von Helene Fischer zu sein. Nicht nur werden ihre Neuigkeiten regelmäßig behandelt, sondern auch ihr Aussehen. In einem Artikel vom 23.9. lautet der Titel „Heiß, Heißer, Helene!“, auch im Text werden die Beschreibungen „Sexy Fotos“; „sinnlichen Bilder“ und „heiße Bilder“ verwendet.

Auch in der Ausgabe des 22.10. wird Helenes Outfit mehrmals als heiß bezeichnet: „Heißer Mode-Hit“, „Sexy Strapshalter“, „Sündige Dessous“, „scharfe Latex- und Leder-Kombi“, zwei Mal „heiße Modeschau“, „heißen Lederbody“, Bild: heißer „Loewe“-Gürtel.

Im Fall von Lili Paul-Roncalli wird der Blickpunkt in der Ausgabe des 24.9. auf den Körper der jungen Frau gelegt und als „Traumbody“ im Lead bezeichnet.

In einem Text am 15.12. zu Kelly Piquet wird zwar erwähnt, dass das Model eine studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin ist, dies ist aber mehr eine Randbemerkung, denn der Fokus liegt abermals klar auf ihrem Äußerem und der Tatsache, dass sie die Freundin von Formel 1-Rennfahrer Max Verstappen ist.

Von „sexy“ oder „heißen“ Männern war in der Zeitung in den vier Monaten nie zu lesen.

OE24 Nachrichten und ihr körperliches Ideal

Ob bewusst oder unbewusst, propagiert das Boulevardblatt mit dieser Berichterstattung ein bestimmtes körperliches Ideal von Frauen. Wer diesen Vorgaben nicht gleichsteht, verdient es nicht heiß oder sexy genannt zu werden. Problematisch ist das, weil dies zur einer gestörten Wahrnehmung führen könnte oder zu einem niedrigen Selbstwertgefühl.

Mit dieser objektivierenden Darstellung von Frauen bleibt „OE24 Nachrichten“ in der Vergangenheit stehen, und blockiert damit den Fortschritt, um Frauen nicht nur sichtbar zu machen, sondern auch Männern gleichgestellt zu behandeln.

Eine Bitte um Stellungnahme blieb vonseiten „Österreich“ unbeantwortet.

Exkurs Methodik:

Um die Beispielbilder und Artikel so übersichtlich wie möglich einzuordnen, wurden diese in vier Kategorien eingeteilt: 1.) Sujetbilder (Mann/Frau/Kinder/Pärchen/Gemischt), 2.) Promis (Mann/Frau), 3.) Impfbilder (Mann/Frau/Kinder) und 4.) Wörter/Beschreibungen

Abbildungen von Politiker:innen und Werbebilder wurden bei der Zählung nicht berücksichtigt.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.