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»Von Rad-Rowdys niedergemäht« – So macht die Krone Stimmung

Die »Kronenzeitung« behauptet, die Unfallhäufigkeit zwischen RadfahrerInnen und FußgeherInnen hätte sich in Wien verdoppelt und nennt »elf getötete Fußgeher«. Doch derartige Todesopfer existieren nicht, Radfahren wird in Wien tendenziell sicherer, und Wiens FußgeherInnen müssen sich heute weniger fürchten als früher. 

In der aufgeheizten Berichterstattung des Boulevards wird regelmäßig von »aggressiven Radfahrern« geschrieben, von »rücksichtslosen Kampf-Radlern« oder gar von »Rad-Rowdys«, die wehrlose FußgeherInnen in Angst und Schrecken versetzen und offenbar eine blutige Spur der Verwüstung durch unsere Stadt ziehen.

Ein Ende Juni in der »Kronenzeitung« und auf krone.at erschienener Artikel ist voll von derart dramatischen Formulierungen und Schuldzuweisungen. So heißt es, »Radfahrer gegen Fußgeher (…) Die Zahl der getöteten Fußgeher stieg 2017 auf elf Menschen«:

krone.at: »Radfahrer gegen Fußgeher: In nur vier Jahren erhöhte sich die Zahl von 44 auf 74. Und ein weiterer Negativrekord: Die Zahl der getöteten Fußgeher stieg 2017 auf elf Menschen.«

Über in Wien von RadfahrerInnen getötete FußgeherInnen ist der »Mobilitätsagentur Wien« auf Rückfrage jedoch »seit vielen Jahren gar nichts bekannt«. Die FußgeherInnen wurden in Unfällen mit PKWs, LKWs und Straßenbahnen getötet – nicht von RadfahrerInnen.

Unklare, nicht öffentliche Zahlen

Zudem schreibt die »Kronenzeitung«, 74 Menschen seien allein 2016 in Wien »von Rad-Rowdys niedergemäht« worden, eine Zahl die sich »in vier Jahren verdoppelt« habe. Dies gehe aus soeben von der Polizeidirektion Wien veröffentlichten Zahlen hervor.

Da ist ein Re-Check natürlich verlockend. Mein Anruf bei der Pressestelle der Polizeidirektion Wien verläuft jedoch ergebnislos: Nein, man könne die im Artikel erwähnten Unfalldaten nicht zur Verfügung stellen. Veröffentlichungen derartiger Zahlen würden ausschließlich über offizielle Presseaussendungen erfolgen und eine solche Aussendung habe es in letzter Zeit nicht gegeben. Auf die Frage, ob es bei der Wiener Polizei vielleicht zwei verschiedene »Öffentlichkeiten« gebe, nämlich eine für Kronenzeitung-Redakteure und eine andere für Normalsterbliche, wird ausweichend beantwortet.

Nach einigen Bemühungen gelingt es mir über Umwege, an den von der Polizei der »Kronenzeitung« zur Verfügung gestellten Datensatz heranzukommen (Bild links). Sofort fällt auf, dass es sich bei den Werten der Polizei nicht um die offiziellen, von der Statistik Austria erhobenen Unfallzahlen handeln kann (Datensatz 1 / Datensatz 2). Eine entsprechende Tabelle würde nämlich aussehen wie jene rechts im Bild:

Vergleich einer Tabelle der Polizeidirektion Wien mit offiziellen Daten der STTISTIK AUSTRIA

Betrachten wir die Anzahl der Unfälle zwischen Radfahrern und Fußgehern von 2012 bis 2016 (im linken Bild gelb markiert): Abgesehen davon, dass es statistisch immer problematisch ist, einzelne Jahre miteinander zu vergleichen, würde es sich bei dem von der Polizei behaupteten Anstieg von 44 auf 74 nicht um eine »Verdopplung«, sondern lediglich um eine Zunahme von 68,2% handeln.

Die offiziellen Ganzjahreszahlen der Statistik Austria (rechts) zeigen jedoch ein ganz anderes Bild: Die tatsächliche Anzahl der Unfälle liegt zwar mit 124 zu 143 höher als von der Polizei behauptet, die relative Zunahme betrug jedoch lediglich 15,3%. Wie die davon abweichenden und nirgendwo veröffentlichten Zahlen der Polizei zustande kamen, konnte ich nicht herausfinden.

Öfter, aber trotzdem unwahrscheinlicher

Dazu kommen zwei Faktoren ins Spiel, die die Zunahme der absoluten Werte um 19 Ereignisse weiter relativieren:

Da im betrachteten Zeitraum die Bevölkerung Wiens um 7,3% gewachsen ist, waren 2016 auch 7,3% mehr Menschen auf der Straße als 2012, und deshalb war auch mit einer Zunahme der Unfälle um 7,3% (oder 9 Ereignisse) zu rechnen: Statt 124 Unfällen wie im Jahr 2012 wären im Jahr 2016 also 133 Unfälle ganz logisch gewesen.

Dass es dann tatsächlich um 10 Ereignisse mehr waren ist vermutlich der im Zeitraum 2012 bis 2016 verzeichneten Zunahme des Radverkehrsanteils von 6 auf 7 Prozent geschuldet – auch hier behauptet die »Kronenzeitung« die Unwahrheit –, und nicht der Tatsache, dass Wiens RadfahrerInnen immer mehr zu »Rowdys« geworden wären.

Im Gegenteil: Durch die Zunahme des Radverkehrsanteils hätte es bei gleichbleibender Unfallwahrscheinlichkeit wie 2012 im Jahr 2016 eigentlich 155 Unfälle geben müssen, also um 12 mehr als dann tatsächlich passiert sind. Auf Basis dieser Zahlen sind Wiens RadfahrerInnen also keineswegs rücksichtsloser geworden.

Radfahrer wie immer an allem schuld?

Tatsächliche Zusammenstöße zwischen FußgeherInnen und RadfahrerInnen haben noch lange nicht automatisch etwas mit »Rowdytum« zu tun. Die Verursacher der Unfälle sind aus solchen Statistiken nicht ablesbar, die Schuld wird oft viel später von unabhängigen Gerichten festgestellt. Selbst jene von RadfahrerInnen verschuldeten Unfälle passieren nicht immer aus Aggression und Rücksichtslosigkeit. Hier kommt etwa auch Unachtsamkeit in Frage. Auch zu schmale Radwege, die auf Gehsteige gepinselt wurden, dürften bei Konflikten mit den dort Gehenden eine Rolle spielen.

Das größte Risiko ist und bleibt für Wiens FußgeherInnen das Auto. Das belegen die rund 7- bis 8-mal so hohen Unfallzahlen zwischen PKW und FußgeherInnen, und diese Unfälle haben in der Regel noch wesentlich dramatischere Auswirkungen.

Die Schlagzeile »Tausend Fußgeher von Auto-Rowdys niedergemäht!« hat man in der »Kronenzeitung« jedoch noch nicht gelesen.

Update 10. Juli:

Einer der Autoren des kritisierten Artikels, Richard Schmitt, hat angekündigt, Kobuk zu verklagen. Wir stehen jedoch weiterhin zu dieser Medienkritik.

"Heute" und die Tiefen des "guten Boulevards"
Die "Krone" und der Skandal um einen Fremden im Mehrbett-Krankenzimmer

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9 Kommentar(e)

Christian Fuchs - Am 09. Juli 2018 um 12:29

Danke! Was für das Thema Sozialstaat die Flüchtlinge sind, sind für die Straßen die Radfahrer. Der Sündenbock…

Magda Katz - Am 09. Juli 2018 um 15:30

Die Differenz zwischen 74 Verletzten laut Krone und 143 laut Statistik Austria erklärt sich so, dass sich die Krone nur auf Wien bezieht, oder?

Helge Fahrnberger - Am 09. Juli 2018 um 15:43

@Magda Katz: Nein, die 143 Unfälle beziehen sich auch auf Wien. In ganz Österreich waren das 412.

Thomas R. Koll - Am 09. Juli 2018 um 17:55

Zum Auto, es gibt aus den USA schon einges dazu wie tödlich SUVs sind. Die sind ja höher, auch die Front ist höher als bei einem Mittel oder Kleinwagen und damit gefährlicher für den Kopf der Passanten. https://eu.freep.com/story/money/cars/2018/06/28/suvs-killing-americas-pedestrians/646139002/

Interessierter Leser - Am 11. Juli 2018 um 01:20

Schön zu sehen, dass das Bilderbuch mit Rechtschreibfehlern, wie die Krone eines ist, Klagen gegen medienkritische Portale ankündigt. Glückwunsch, Krone resp. krone.at, wann immer man denkt, ihr könnt nicht tiefer sinken… Überdies sind zwei Autoren (Schmitt und Hitz) an der Zahl für einen derart „aufwendig“ recherchierten Artikel vielleicht etwas übertrieben.
Alles Gute an kobuk und danke für eure wertvolle Arbeit!

schmidt - Am 11. Juli 2018 um 09:58

die Krone ist für Österreich das gleiche wie die BILDblöd für Deutschland, richtig?
Da darf man nicht erwarten, dass die Schreibkräfte, bevor sie ihre ideologisch verbohrten Gedanken zu Papier bringen, sauber recherchieren. Hier geht es nur um Stimmungsmache zur Auflagensteigerung.

Wenn der Herr Schmitt aber ankündigt, Kobuk verklagen zu wollen, und meint, es sei im scheißegal, ob er dabei gewinne, zeigt dies nur, welche Niedertracht der Mann in sich trägt. Um die Wahrheit geht es ihm offenbar nicht.

Der Chef der deutschen Bild – Reichelt – zeigt, wenn man ihm seine Dummheiten vor die Nase hält, wenigstens nur per Twitter seine Einfältigkeit. Aber er hat den Kritikern noch nicht mit Klage gedroht.

Biz Devcon - Am 11. Juli 2018 um 11:46

Statistiken sind schön und gut. Die Erfahrung eines *täglichen* Spaziergangs bei der Donau (Wien) zeigt, dass Radfahrer uns Fussgänger als lästige Hindernisse sehen die schnell, rücksichtslos und teilweise unter unfreundlichen Kommentaren umradelt werden müssen. Auch sind auf Brücken die Radfahrer am Fussgängerpfad in der Mehrzahl, weil diese wieder Angst vor den Autofahrern haben. Teilweise kommt man sich in Wien an Fussgänger schon wie der letzte Trottel vor, wenn man in Fussgängerzonen von Radfahrern „ersucht“ wird doch endlich auszuweichen. Ich sehe auch nicht ein, dass Gehwege hin zu Lokalen an der Donau prinzipiell nur als Rennstrecken für Rennradfahrer gesehen werden, wo wir Fussgänger halt zu warten haben.
Wie gesagt: Die Realität zeigt schon das latente Agressivität ggü den Schwächeren vorhanden ist. Bis heute hat kein einziger Radfahrer für mich freiwillig gebremst — auch nicht bei Zebrastreifen mit mehreren Wartenden.

Kurt Obermülner - Am 11. Juli 2018 um 15:06

Danke für den kritischen Re-Check des Art-ekels vom „Träger“ der Bullshit-Krone 😉

Peter E. Drechsler - Am 12. Juli 2018 um 11:17

Sind Sie selber mit dem Fahrrad unterwegs. Dem Artikel aus der Kronenzeitung ist nichts hinzuzufügen, außer dass er den Tatsachen entspricht: Fußgängerinnen und Fußgänger leben tatsächlich gefährlich. Es wird auf den Gehsteigen geradelt und das mit hoher Geschwindigkeit, es werden keine akustischen Signale gegeben, von optischen einmal ganz zu schweigen. Die Fußgängerinnen und Fußgänger kommen tatsächlich immer wieder in die Bredouille. Radfahrerinnen und Radfahrer haben sich genauso an die StVo zu halten, wie jede andere Verkehrsteilnehmerin / wiejeder andere Verkehrsteilnehmer.